Die in diesem Buch von Vollmer gestellte erkenntnistheoretische Hauptfrage, um die sich das Anliegen des Buches dreht, ist die nach Grund und Grad der Übereinstimmung von Erkenntnis- und Realkategorien.
In dieser Hauptfrage bildet der sogenannte "naive Realismus" das eine Extrem. Hierbei wird davon ausgegangen, dass die Welt, die wir mit Hilfe unserer "Erkenntniskategorien" bzw. unseres Sinnes- und Erkenntnisapparates wahrnehmen, auch die reale und in diesem Sinne substanzhafte Welt der "Realkategorien" ist. In diesem Extrem haben unsere Sinneswahrnehmungen und Erkenntnisse eine reine Abbildungsfunktion, da sie eben die realen Dinge der Welt lediglich abbilden. Die Dinge der Welt existieren hierbei völlig unabhängig vom Erkennen und Wahrnehmen. Dieses Extrem der Hauptfrage ist nach Vollmer in der Wissenschaft widerlegt.
Das andere Extrem in dieser Hauptfrage bildet Kant mit seiner idealistischen Philosophie. Kant geht davon aus, dass wir über die Dinge an sich" überhaupt nichts wissen und niemals etwas wissen und erkennen werden. Mit anderen Worten, es gibt keinerlei Übereinstimmung zwischen Erkenntnis- und Realkategorien, was in der Konsequenz heißt, dass die von uns erkannten Dinge der Welt ein reines Konstrukt unseres Erkenntnisapparates sind, auch hinsichtlich der Grundstrukturen von Raum und Zeit. In Kants Idealismus gelten die Dinge der Welt daher nur als Erscheinungen.
Vollmer vertritt nun in diesem Buch den Standpunkt, dass Kant durch die Evolutionstheorie, von der er noch nichts wusste, widerlegt worden ist. Er argumentiert so, dass wir zwar die realen Dinge nicht direkt erkennen können, dass aber unser Erkenntnisapparat sich im Laufe der Evolution in Anpassung an die reale Welt herausgebildet hat und so, zumindest teilweise, mit den realen Strukturen übereinstimmt. Das ist aber eine reine Hypothese, weswegen dieser von Vollmer bzw. allgemein der heutigen Naturwissenschaft vertretene Realismus zutreffend "hypothetischer Realismus" genannt wird.
Als Arbeitshypothese für die moderne Naturwissenschaft ist der hypothetische Realismus und damit auch Vollmers Argumentation völlig in Ordnung. Doch, als Kritik an diesem Buch, geht Vollmer zu sehr davon aus, dass dieses Weltbild sich gegenüber dem idealistischen von Kant als das wahre erwiesen hat, und das ist nicht nachvollziehbar. Es gibt, auch nach Vollmer, überhaupt keine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse oder Belege, die diesen Schluss bestätigen, es beruht, wie der Name schon sagt, auf einer reinen Hypothese. Die Evolutionstheorie, auf die sich Vollmer hauptsächlich in seiner Widerlegung Kants stützt, lässt sich nämlich genauso gut auch zur Bestätigung von Kant verwenden, was die Neurobiologen Maturana und Varela gezeigt haben.
Wenn tatsächlich, wovon Vollmer ausgeht, einige Strukturen der von uns erkannten Welt, insbesondere die von Zeit und Raum, realen Charakter besitzen, so müsste es einem Realismus nach grundsätzlich möglich sein, diese realen und in diesem Sinne substanzhaften Strukturen der Welt von den rein erscheinungshaften zu unterscheiden. Doch genau das schließt Vollmer ausgerechnet mit einem Xenophanes-Zitat grundsätzlich aus, was dem Selbstverständnis des Realismus nach unverständlich ist. Trotz seiner subjektiven einseitigen Parteinahme für den Realismus, was darin über eine sinnvolle Arbeitshypothese in der modernen Naturwissenschaft hinausgeht, ist dieses Buch von Vollmer mit seiner vielfältigen Auseinandersetzung um die Hauptfrage der Erkenntnistheorie doch ein sehr lesenswertes und, weil es die Naturwissenschaft mit der Philosophie verbindet, wegweisendes Buch.