Wir leben in einem fortwährend sich weiterentwickelnden Universum. Dabei ist es die Entwicklung selbst, die neue Strukturen hervorbringt. Charles Darwins überragendes Verdienst war, genau dies paradigmatisch dargestellt zu haben - am Beispiel der Entstehung der Arten. Es ist nicht erheblich, ob jedes Detail seiner Gedanken und Hypothesen richtig war, es geht darum, dass er Evolution denkbar gemacht hat. Und so ist es wenig verwunderlich, dass Darwins Gedanken über die Biologie hinaus weiterentwickelt wurden und heute nahezu alle (oder alle?) Wissenschaftszweige beeinflussen. "Darwin" ist eine Metapher geworden. Eine Metapher für evolutionäres Denken.
* Evolution entlässt den Menschen nicht aus der Verantwortung *
Darwins Einfluss auf unsere Gedankenwelt ist außerordentlich weit reichend. Selbst dem Buchautor kamen Bedenken, ob der Anspruch einer Übersicht nicht scheitern müsse. Er soll sich mal keine Sorge machen. Chris Buskes, der im holländischen in Nijmegen Wissenschaftsphilosophie lehrt, ist dies so gut gelungen, dass er dafür mit dem Socrates-Wisselbeker-Preis für das anregendste philosophische Buch des Jahres ausgezeichnet wurde.
Ausgehend vom antiken und mittelalterlichen Weltbild erklärt er in Grundzügen die Beobachtungen und Gedankengänge, die den Evolutionsprozess ans Licht brachten und begreiflich machten. Variation, Selektion und Reproduktion sind die Konzepte, welche die lebendige Welt sich entfalten ließen. Sie ermöglichten letztlich auch die Entstehung des Menschen. Das Buch bleibt nicht bei Darwin stehen, sondern berücksichtigt ebenso Aspekte der modernen Evolutionsbiologie.
Die anderen zwölf der sechzehn Kapitel behandeln den Einfluss, den das Konzept "Evolution" auf andere Wissenschaftsgebiete ausgeübt hat. Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie lassen sich aus der Perspektive der Evolution betrachten, Medizin, Anthropologie, Psychologie, Soziologie, Linguistik und Philosophie; die Theologie ist betroffen, selbst die Kunst. Bei der neu entstandenen "darwinistische Medizin" geht es um die Frage, warum Prädisposition zu bestimmten Erkrankungen einen evolutionären Vorteil bedeutet, um Koevolution von Parasit und Wirt, um Infektions- und Zivilisationskrankheiten. Die Kontroverse um die Soziobiologie und Evolutionspsychologie dauert bis heute an; historische Sichten der Sozialwissenschaften erklären den Widerstand, den sie gegen die evolutionäre Sichtweise aufbringen. Bewusstsein, Sprache, Moral, Kultur oder Ästhetik fielen nicht vom Himmel. Archaische Spuren von Moral finden wir bei Schimpansen und Bonobos (Schuld, Scham, Entrüstung, Dankbarkeit); manche ästhetische Vorlieben leiten sich vom Verlangen nach körperlicher Fitness ab und es gibt universale Emotionen und Gesichtsausdrücke, die Menschen aller ethnischer Gruppen gemein haben.
Und nicht an allem, was Darwin bisweilen angelastet wird, trägt er Schuld. Sozialdarwinismus beispielsweise, ging von Herbert Spencer aus, der aber vorwiegend dem Lamarckismus huldigte; insofern wäre es korrekter, so Buskes, von einem Soziallamarckismus zu sprechen, statt von einem Sozialdarwinismus. Und was die Eugenik betrifft, so lassen wir uns erinnern, dass Platon der Ansicht war, dass die "besten Männer" den "besten Weibern" beiwohnen und gebrechliche Kinder an geheimen und unbekannten Orten getötet werden sollten. Aber zu Recht weist Chris Buskes darauf hin, dass Ideologie auch im Zusammenhang mit Evolutionsbiologie eine explosive Mischung entstehen lassen kann. Evolutionär denken heißt auch, zu erkennen, dass Lebenslabläufe nicht unausweichlich, deterministisch vorherbestimmt sind. Dies gibt Raum für die Verantwortung des Menschen.
* Aufschlussreiche, lohnenswerte Lektüre *
Das Weltbild vor der Zeit Darwins war geprägt durch die Ansicht, dass die Welt - in ihren Grundzügen (Idealtypen) bereits fertig geschaffen - auf die Verwirklichung eines bestimmten Zweckes hinstrebt. Das Denken in evolutionären Kategorien unterscheidet sich davon fundamental. Chris Buskes hat die bahnbrechende Gedankenleistung Darwins und die Reichweite seiner Ideen sorgfältig herausgearbeitet. Das Buch zeigt, wie das neue Denken unser Weltbild verändert hat. Eine aufschlussreiche und lohnenswerte Lektüre!