EVITA, eines der erfolgreichsten Webber-Stücke (andererseits, welches Webber-Stück ist schon nicht erfolgreich?), war ursprünglich, ähnlich wie JESUS CHRIST SUPERSTAR, als Rockoper gedacht - mit ein paar etwas unkonventionelleren, teilweise lateinamerikanischen Einflüssen. Begonnen wurde auch dieses Projekt als Konzeptaufnahme, zu hören auf dieser Doppel-CD, die trotz ihrer nun 31 Jahre auf dem Buckel nach wie vor die beste EVITA-Aufnahme ist. Ich siedle EVITA aufgrund seiner mitreißenden Erzählweise neben JCS und SUNSET BOULEVARD an, und diese Doppel-CD wird dieser Arbeit, eine von Webber´s besten, gerechter als jede andere Version. Hier hat man es mit dem London Symphony Orchestra zu tun, dem kein anderes (außer vielleicht das große vom Filmsoundtrack) das Wasser reichen kann, doch was die Arrangements besonder reizvoll macht ist die rohe rockige Komponente, die zum Glück für den Film und das letztjährige Londoner Revival wieder zugefügt wurde. Man wird einige Unterschiede zur späteren Bühnenversion feststellen, die teilweise positiv, teilweise negativ auffallen. Ein Beispiel ist der Song "The Lady´s got Potential", ein Showstopper-Solo für Che, das später durch das ungleich langweiligere "Art of the Possible" ersetzt wurde (hauptsächlich weil auf der Bühne die Rockband komplett aus dem Score gestrichen und die Musik deshalb neu konzipiert werden musste). Andererseits halte ich die Streichug von Che´s "Insektizid-Nebenhandlung" wiederum für richtig, denn diese war doch eher überflüssig und ablenkend. Und "comic relief" ist sowieso genug geboten durch die unglaublich cleveren, teilweise schmerzhaft messerscharfen Texte von Tim Rice, die Webber´s Musik genial ergänzen. Man kann ihn für diese Errungenschaft gar nicht genug loben. Schade, dass sie nicht öfter zusammen gearbeitet haben. Die Cast ist durchweg zufriedenstellend bis umwerfend. Paul Jones als Peron spielt die Rolle (die zugegebenermaßen etwas undankbar ist) zu undifferenziert. Barbra Dickson hat ja leider nur einen kurzen (aber im Gedächtnis haften bleibenden) Auftritt als Perons Geliebte in dem Highlight "Another Suitcase in another Hall", macht sich aber gut darin. Colm Wilkinson, der später durch seine Rolle als Valjean in LES MIZ zu Ruhm gelangte, bringt seinen rauchigen Charme in die Rolle des Che der wie die Faust aufs Auge passt. Kaum ein Nachfolger konnte in seine Fußstapfen treten. Das Markenzeichen der CD ist, wie könnte es anders sein bei solch einer "One-Woman-mit-ein-paar-anderen-dabei-Show", die Hauptrolle der Eva, hier dargestellt von Julie Covington (die ich persönlich vorher nur von der Musical-Version von "KRIEG DER WELTEN" als Beth kannte). Sie mag nicht die weltbeste Sängerin sein (aber meines Erachtens ist das auch Patti LuPone nicht - ich habe das ganze Aufhebens um sie ehrlich gesagt nie wirklich verstanden), aber bringt sie eine Energie in die Rolle ein, die ihresgleichen sucht und der fast nur Elena Rogers von der neuen London Cast nachkommt. Besonders schön ist es, Passagen zu hören, die später verstümmelt oder komplett weggekürzt wurden, wie zum Beispiel "Eva´s Sonnet", ein großartiger Song der Eva´s Charakter ergänzt, ebenso wie die zwei letzten Strophen des "Laments", die Eva´s Motivationen in ein anderes Licht rücken (schön zu erwähnen hier auch der verstohlene "Dont Cry For Me Agrentina"-Reprise im Zeitpunkt ihres Todes, quasi als Nachruf). Alles in allem ist diese Version von EVITA bis heute diejenige, die auf jedem Level das insgesamt Beste zu bieten hat und als Ganzes jede andere Aufnahme in dem einen oder anderen Punkt aussticht. Für einen Musicalfan kann die Empfehlung also nur lauten: KAUFEN, und zwar JETZT;-)!!!