Dieses Jugendbuch hat mich getroffen wie ein perfekt platzierter Faustschlag. Nach zwei Seiten war ich für Stunden k.o. - unfähig, zu verdrängen, was ich soeben gelesen hatte.
Aufgeschlagen hatte ich das Buch während meiner Arbeitszeit, nachdem es mir in der Jugendbuchabteilung aufgefallen war. In einer ruhigen Minute hatte ich nur mal "reinlesen" wollen, nicht ahnend, in welche Abgründe mich bereits das erste Kapitel führen würde.
Als ich den Roman aus der Hand legte, blieb Erik, die jugendliche Hauptfigur, für mich in seiner persönlichen Hölle gefangen. Wie unter einem Zwang kaufte ich das Buch, traute mich aber fast eine Woche lang nicht, weiterzulesen. Einerseits wollte ich unbedingt wissen, wie es ausging, wollte Erik begleiten auf seinem Weg - andererseits hatte ich Angst vor dem, was noch geschehen würde. Fast wie im richtigen Leben - lieber die Augen verschließen, nicht hinschauen, die Gewalt ausblenden, verschont bleiben, nichts mitbekommen.
Als ich mich dann endlich darauf einließ, war der Sog immer noch da - ich versuchte, aber innerlich so weit Abstand zu wahren, wie es nötig war, um bis zum Schluss durchzuhalten.
Ich will den Inhalt nur ganz kurz umreißen, denn keine Kurzbeschreibung kann diesem Buch gerecht werden. Erik ist seit frühester Kindheit einem sadistischen, gewalttätigen und völlig durchgeknallten Vater ausgeliefert. Die Mutter hört nichts, sieht nichts, tut nichts dagegen, der jüngere Bruder bleibt unbehelligt, weil einzig Erik seinem Vater als "Lust"objekt dient. Schlagen, Schmerzen zufügen, Erniedrigen - das ist das, was dem Vater Freude bereitet.
Erik studiert das Verhalten seines Vaters, wird Meister im Ertragen, später auch im Zufügen von Schmerzen. Denn auch im außerfamiliären Bereich gibt es für ihn keine gewaltfreie Zone. Als Jugendlicher wird er der Schule verwiesen und erfährt zum ersten Mal in seinem Leben Unterstützung durch die Mutter, die es arrangiert, dass ihre Ersparnisse ihm die Aufnahme in ein Internat ermöglichen.
Erik, der eine Befreiung darin sieht, ein Geschenk und die Chance, Jahre ohne Gewalt zu verbringen, erkennt schnell, dass dies ein Trugschluss war und dass er, um seinen Schulabschluss zu machen, das interne "totalitäre" Schülerregime erdulden muss.
Die Art und Weise, wie es ihm gelingt, die Schuljahre zu überstehen, seine Intelligenz, seine Charakterstärke ist faszinierend und beängstigend zugleich.
Ein herausragendes Buch, auch und ganz besonders für erwachsene Leser/innen