Mit "Evigila" ist es endlich wahrgeworden: ein gemeinsames Werk der beiden kongenialen Partner und Freunde Tua, seines Zeichens Rapper und musikalischer Tüftler, und dem Sänger Vasee, der als Kind in einen Kessel voll Herzblut gefallen sein muss.
Das zu erwartende Meisterwerk haben die beiden tatsächlich fertiggebracht: Ein Konzeptalbum über menschliche Schattenseiten und die Art, wie wir mit seelischen Krisen umgehen. Als Symbol haben die beiden eine fiktive Stadt gewählt, Evigila (lateinisch für "Wach auf"), die ausnahmslos jeder im Laufe seines Lebens immer wieder betritt, manche häufiger, manche seltener. Ihre Bewohner tragen Masken, denn das tun wir Menschen ständig, wenn wir uns mit irgendetwas Unangenehmen konfrontiert sehen.
In einem Punkt hat mich das Album stark überrascht: Es ist deutlich facettenreicher, als ich erwartet hatte; die einheitliche Optik des Artworks scheint eher eine Art Zusammenfassung zu sein - obwohl Evigila von außen sehr eintönig aussieht, stellt sich heraus, dass es viele unterschiedliche Stadtviertel beinhaltet.
Deshalb halte ich es für sinnvoll, auf die Songs im Einzelnen einzugehen.
1. Die Stadt
So etwas wie die Überschrift des Albums. Die symbolische Stadt "Evigila" errichtet jede Person für sich, und die Menschheit im Ganzen, durch ihren Wachstumswahn; sie steht aber dadurch auch auf tönernen Füßen, denn sie ist nicht solide gebaut, sondern nährt sich von Angst, Hass und Zweifeln. Wir schaffen es oft, diese Stadt wieder einzureißen (sprich, unsere Krisen zu überwinden), aber komplett zerfällt Evigila nie zu Staub. Früher oder später bauen wir sie doch wieder auf.
Bemerkenswert an dem Song sind vor allem Tuas rhythmische ungewöhnliche Parts - und dass er absolut nicht nach Depression klingt, ganz im Gegenteil. Krisen sind auch immer Chancen und letztlich auch notwendig, deshalb ist Evigila zwar dunkel, aber nur stellenweise trostlos. Oft genug besteht sie aus Energie, die falsch umgesetzt wird, nämlich in Wut und Hass.
2. Aufgeben
Dieses Lied hat mich etwas irritiert, weil ich erwartet hatte, jetzt in die dunklen Abgründe von Evigila einzutauchen. Stattdessen bekam ich eine leicht melancholische, aber doch hoffnungsvolle Hymne auf die echte Freundschaft zu hören. Schönes Stück Musik, für mich aber eher kein Highlight.
3. Soll das alles sein
Für mich der schwächste Song des Albums. Der Freetrack "Schnee im August", der es nicht mehr auf die CD schaffte, hat meiner Meinung nach mehr zu bieten. Ohne "Soll das alles sein" hätte aber doch eine Facette gefehlt, nämlich ein Mutmacher, wie man es aus Evigila schaffen kann: Es geht darum, dass man alles von zwei Seiten betrachten kann und eine positive Sichtweise oft schon viel ausmacht.
4. Der Präsident
Ziemlich abstoßend, obwohl künstlerisch wertvoll. Tua zerrupft einige typische Sätze von Barack Obama. Erst nach dem zweiten oder dritten Hören stellt sich wirklich deutlich der gewünschte Eindruck ein, "dass der Politiker da ein Lied singt, das er gar nicht singen will" (Tua) - vorher hat man praktisch gar keinen Eindruck, dazu findet man sich einfach zu wenig in dem Song zurecht. Für meinen Geschmack hätte Tua die Sätze nicht so arg verlangsamen müssen, dass man große Mühe hat, sie zu verstehen. Die Musik ist erst recht kein Leckerbissen, aber wer "Endpunkt" kennt, wird bei Tua mit ein paar Minuten Kopf-des-Hörers-Zerstören gerechnet haben...
5. Alles funktioniert
An diesem Punkt war ich langsam ernsthaft beunruhigt, dass das Album doch nicht das Meisterwerk sein könnte, das nach allen Snippets und Interviews zu erwarten war. Nach "Aufgeben" und "Soll das alles sein" wurde es mir mit "Alles funktioniert" endgültig zu unoriginell. "Alles funktioniert" ist schon ein anspruchsvoller und schöner Song, der im Großen und Ganzen auf einem Stilmittel basiert, auf einer Wendung. Aber wenn es in dieser Art weitergegangen wäre, wäre das Album zwar noch bemerkenswert, aber eindeutig nicht herausragend. Zur großen Kunst fehlte da noch einiges.
6. Szene in der Wüste
Zack, schon bin ich sowas von wiederlegt. Da haben wir die ganz große Kunst... Im Stil einer Filmrezension wird die innerliche Wüste eines Evigilianers beschrieben. "Und erst die Musik macht das Ganze traurig" ist vielleicht DER Satz des Albums. Ein Mensch, der durch eine Wüste marschiert, ist erst mal vor allem das: ein Mensch, der durch eine Wüste marschiert nämlich. Erst, wenn man der Szene eine melancholische Hintergrundmusik verpasst, wirkt sie traurig und verloren - und analog verhält es sich eben mit innerer Leere, denn diese ist hier mit der Wüste gemeint ("Ich bin die Wüste, so leer und ausgebrannt"). So jedenfalls meine Interpretation. Natürlich muss die Musik in diesem Track den Text tatsächlich traurig und verloren erscheinen lassen, und das ist Tua meisterhaft gelungen (Vasee wird hier weniger seine Finger im Spiel gehabt haben).
7. Der Passant
Würde sehr gut zu Maeckes' Album "KIDS" passen. Der einzige richtig niedergeschlagene Punkt auf dem Album. Vasee singt mit klagender Stimme über ein vollkommen ernüchtertes Kind, an dem die Menschen auf der Straße vorbeirauschen, weil sie sich nicht damit abmühen wollen, dem Kind einen ersten Schritt aus seiner Hoffnungslosigkeit zu ermöglichen.
8. Roter Luftballon
Faszinierender Song. Die Melodie hat Hitpotential, Tua hat hier einen richtigen Ohrwurm geschaffen. Die Klangfarbe ist typisch für "Evigila", etwas geheimnisvoll, etwas spielerisch (aber vorsichtig), etwas melancholisch. Der Luftballon steht für ein kindliches, naives Wesen, das aus einem unbefangenen, simplen Instinkt heraus in Richtung seiner Träume strebt und mit wachsender Bestürzung und Panik erkennt, dass es Hindernisse geben kann, die sich als unüberwindbar erweisen. Immer wieder versucht der Ballon es aufs Neue, bis er zerplatzt.
9. Wer ich sein will
Es geht weiterhin um Träume, um kindliche Unvollkommenheit. Die Strophen finde ich extrem unangenehm - nicht, weil sie so grob klingen, sondern weil ich es als eine sehr unbehagliche Vorstellung empfinde, Menschen wie Computer zu optimieren und über die "Effizienz" von Menschen nachzudenken. Auch wenn das Tua natürlich kritisiert und dabei auch schön ironisch wird, fühle ich mich schon äußerst unwohl dabei, dass man diesen Vergleich überhaupt anstellt. Zusammen mit einem fesselnden Refrain ergibt das Ganze einen sehr beachtlichen Song.
10. Das Blut
Mit großem Abstand der heftigste, beeindruckendste Song, und einigermaßen verstörend, selbst wenn man in etwa weiß, was einen erwartet, so wie es bei mir dank den Kommentaren von Tua und Vasee zu den Songs von "Evigila", die ich gelesen hatte, vor dem Hören der Fall war. Eines von den vielen negativen Gefühlen, die sich in Evigila sammeln, ist die Wut, und die wird absolut ungebremst, roh, in voller Intensität in diesen Track gelegt. Wenn es nicht um eine ungesunde Wut ginge, um übertriebenen Hass, wäre er ein toller Kämpfersong, aber der Evigilianer, um den es hier geht, schlägt einfach deutlich über die Stränge (sonst wäre er auch nicht in Evigila). Ich musste unwillkürlich an einen Amokläufer denken, auch wenn Tua und Vasee eher einen Boxer vor Augen hatten, der natürlich "harmloser" ist.
11. Der Pianist
Eine Ruhephase, für die man nach "Das Blut" dankbar ist. Ein verspieltes, melancholisches Klavierzwischenspiel von Tua, in dem Melodien aus einigen Songs der CD zu erkennen sind.
12. 2in1
Ein fantastisches Lied über unausgesprochen Dialoge, die sich zwischen zwei (offenbar einmal verliebten) Personen abspielen, die sich nichts mehr zu sagen haben, und sich nur noch "mit Schweigen bekriegen", so Tua in seinem Kommentar zu dem Song. Irgendwann sucht man keinen Ausweg aus der verfahrenen Lage mehr, sondern ergibt sich und sieht zu, wie die Beziehung immer kaputter wird und immer tiefer fällt. Besser hätte man diese Gefühle nicht treffen können, musikalisch und textlich. In meinen Augen der beste Song auf "Evigila".
13. Bei dir
Über neun Minuten dauert der Abschluss des Albums, der die Hoffnung beschwört, gemeinsam nach vorne zu schauen. Bei einem solchen Album wäre es auch vertretbar gewesen, auf ein Happy End zu verzichten, ich bin aber froh, dass Tua und Vasee es doch auf diese Weise haben ausklingen lassen. Der Song ist im Übrigen viel zu lang, um einfach nur optimistisch und nach Friede, Freude, Eicherkuchen zu klingen. Das unbeirrbar wiederholte "Was auch immer du tust, ich bin bei dir" wirkt wie ein Mantra, das alle Bedenken ausblenden soll, sodass man sich nur noch auf die Hoffnung konzentriert. Keine Macht den Zweifeln.
Ob "Evigila" nun Hip-Hop ist (immerhin wird doch recht viel gerappt, das habe ich bei den Songbesprechungen kaum erwähnt), Elektro, Pop, Dubstep oder was auch immer, lässt sich kaum sagen. Vor allem ist es eins, nämlich große Kunst. Punkt.