David Sylvian macht es niemandem leicht, und sich selbst am wenigsten. Er ist ein Mann der Widersprüche: wagemutig, offen, experimentierfreudig und musikalisch dennoch weit zugänglicher, als sein Ruf dem Ex-Frontman der britischen Kultgruppe Japan aus der Mitte der 70er-Jahre unterstellt. "Anspruchsvoll" ist sein Etikett: Sylvians Fluch, der breiteren Erfolg verhinderte und sein Qualitätssiegel, in Alben wie
Secrets Of The Beehive (1987) und
Rain Tree Crow (1991) beeindruckend bewiesen.
Everything & Nothing, eine Doppel-CD mit 29 Aufnahmen der letzten zwei Jahrzehnte, bietet die einmalige Chance, seinen komplexen Song-Kosmos konzentriert kennenzulernen. "Pop Song" ist so ein Paradebeispiel: Definitiv nicht ganz das, was der Titel suggeriert. Also nicht die Sorte Pop, die im Mainstream-Radio rauf und runter gespielt werden würde. Aber ein spannendes Stück Sophisticated Pop, das sich jeder mit halbwegs offenen Ohren genußvoll anhören kann, weil Sylvian eine angenehme, warme Stimme hat, ein subtiler Meister der Melodik ist und seine Arrangements nie auch nur in die Nähe von Dutzendware kommen.
Was hat er nicht alles zu bieten: Die bluesige Ballade "Midnight Sun" zum Beispiel, schneidige Gitarre und jazziger Bläser-Background inklusive. Melancholische Songs wie "Orpheus", die ihn quasi als modernen Leonard Cohen ausweisen, allerdings stimmlich expressiver, makellos getuned, die Strukturen luftig, locker und voller Finesse. Electronica plus verzerrte Gitarreneffekte verschmelzen zu "The Golden Way", "God's Monkey" törnt funky an, und "Every Colour You Are" erinnert in seiner pointierten Rhythmik an Can. Nicht von ungefähr: Can-Drummer Jaki Liebzeit und 'Allzweckwaffe' Holger Czukay zählen ebenso zu seinen stets wechselnden Partnern wie King Crimson-Gitarrero Robert Fripp, Trompeter Jon Hassell, Flügelhornist Kenny Wheeler, Bassist Danny Thompson oder die seelenverwandte japanische Keyboard-Koryphäe Ryuichi Sakamoto.
Das im Klangbild atemberaubend transparente "All Or Nothing" ist der perfekte Appetizer, um einen der profiliertesten Pop-Artisten unserer Zeit kennenzulernen und für Sylvian-Fans genauso spannend, da frühere Aufnahmen zum Teil remixt und mit neuen Vocals aufgefrischt wurden und sieben der 29 Songs hier erstmals veröffentlicht sind. --Claus Böhm