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Der Einstieg ist die Single "Won't Give In", ein extrem eingängiger Song mit entspannten 104 BPM, der sich um eine Rede auf einem Familientreffen dreht (hat schon jemand einmal dieses Thema popmusikalisch behandelt gehört? Ich nicht). Das Markenzeichen der Finns, ihr makelloser Harmoniegesang, fügt sich ideal in diesen Ohrwurm, der schon häufiger im Radio zu hören war. "Nothing Wrong With You" beginnt sehr ruhig und zweistimmig, wandelt sich aber im Refrain zu einer trotzigern Hymne gegen Xenophobie (Tims Text handelt von den Anfeindungen, denen seine halbasiatische Frau Marie im Einwandererland Neuseeland ausgesetzt ist, seit sie dort wohnt, und von ihrer inneren Stärke, die ihr hilft, damit klarzukommen). Die Melodie ist ansteckend, aber sie wird ihrer starken Stimmungswechsel wegen wohl kaum den Sprung ins Radio schaffen. Das gilt auch für "Anything Can Happen", ein Song, der im 12/8-Takt und mit lärmenden E-Gitarren ein idealer Einsteiger für Livekonzerte geworden ist. It doesn't matter / What we did wrong / Makes no difference to me / I see the light in your eyes / And your dancing feet - gut möglich, dass es sich hier um die Empfindungen der Brüder während eines Konzertes handelt.
Der erste Durchhänger ist für mich "Luckiest Man Alive". Tim übernimmt den Gesang alleine über einem leichten Offbeat und akustischen und elektrischen Gitarren, um ein recht konventielles Hohelied auf diejenigen zu singen, die die Partnerin ihres Lebens gefunden haben. Für mich etwas unter dem Standard der Finns, da zu simpel gestrickt. Der live häufig gespielte Titel "Homesick" ist auch nicht ganz meine Kragenweite, obwohl es um meine künftige Wahlheimat Neuseeland geht und das, was dieses Land den Brüdern (wieder) bedeutet - leicht verträumte Klänge mit Steel-Gitarren über einem Breakbeat täuschen nicht darüber weg, dass dieser Song strukturell und melodisch durchschnittlich tönt.
Das Highlight des Albums beginnt mit dem einzigen überlebenden Track aus den Sessions in den Allaire-Studios. "Disembodied Voices" bildet zusammen mit "A Life Between Us" eine Einheit, da beide sich um das gleiche Thema drehen. Mit einem sehr ansprechenden Schuß Melancholie behandlen beide Lieder das Band zwischen Tim und Neil, die nun schon seit 40 Jahren miteinander musizieren und natürlich alle Schwierigkeiten miteinander erlebt haben, die Bruderschaft mit sich bringt: Brother must be the different / Direction we're facing / You're still as unknown as ever / Are you still someone / Who'll watch over me? Diese beiden Lieder - für mich neben Edible Flowers Highlight des Albums - erinnern musikalisch an Simon & Garfunkel, wären sie im 21. Jahrhundert zusammengekommen. Hätten sie ihr Talent makellosen Zweiergesangs mit Texten, die diese Harmonien in anderem Licht erscheinen lassen, unter modernem Kontext entwickelt - so hätte sich das vielleicht angehört.
"All God's Children" klingt nach 70er Jahre David Bowie (hey Tony Visconti, doch Deine Finger dringehabt?); wie ein trotziger One-World-Gruß aus der Zeit, als sich noch nicht alles wieder um sich selbst drehte. Das bietet die ideale Steilvorlage für "Edible Flowers", den ältesten Song dieses Albums. Wenn es ein Epos auf dieser CD gibt, dann dieses Lied über Sterblichkeit. Neils aufsteigend schwebender Refrain gräbt sich in die Gehörgänge, Tims Gesang erinnert zeilenweise an die Stimmung von Phil Judds Time For A Change. Wer diesen Song mag, liegt hier sicher nicht falsch. Alle anderen übrigens auch nicht.
"All The Colours" ist mit 2'11" der kürzeste Song des Albums, der kurzen Prozeß mit der Melancholie macht, obwohl es um Abschied und Trost geht. Hier wie in "Part Of Me, Part Of You" sägen sich die E-Gitarren in den Vordergrund. Der schwungvolle Hymnus erwies sich als sehr gut live präsentierbar und verleitete zuweilen zu langen Interpretationen. Die Energie dieses Songs läßt den Hörer enspannt und müde zurücksinken, um dem letzten Titel zu lauschen, dem eigenwillig charmanten "Gentle Hum", das Harmonien mit Dissonanzen geschickt wechselt, und mit ruhig tickender Percussion das Album ausklingen läßt.
Es hat sich wieder einmal erwiesen, dass die Finns am besten beraten sind, wenn sie ihre Kompositionen nicht allein produzieren: Inhalt und Klang stimmen hier überein, und die Titelreihenfolge der Scheibe ist - zum ersten Mal überhaupt - makellos. Die Brüder sind zu recht stolz auf diese Leistung - die hohen Erwartungen an die weltweit führenden songschreibenden Geschwister können als erfüllt betrachtet werden. Nimmt man hinzu, dass es sich bei dieser Kritik um meinen Ersteindruck handelt (bisher haben praktisch alle Finn-Alben eine gewisse Gewöhnungszeit gebraucht), kann ich davon ausgehen, daß diese Scheibe in eine lange Heavy Rotation gehen wird.
Sehr empfohlen (einen Stern Abzug gibt's wegen "Homesick" und "Luckiest Man Alive")!
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