Der erste Teil der Evernight-Serie von Claudia Gray hat ja so einige Überraschungen parat gehalten. Da rätselt man das halbe Buch über, was es mit dem komischen Internat auf sich hat und auch die Protagonistin gab sich eher ahnungslos und plötzlich - zack, stellt sich raus, dass diese selbst ein Vampir ist und eigentlich weiß, wie es sich mit so einem Geheimnis lebt. Ganz dramatisch wurde es dann noch, als sich herausstellte, dass die große Liebe zum feindlichen Lager gehört und gerne Jagd auf Blutsauger macht. Perfekt ist eine Beziehung, die gegen jegliche Vernunft sprich, aber so schön ist, wie nur die erste große Liebe sein kann. Kann der Nachfolger "Tochter der Dämmerung" da anknüpfen?
Lucas ist weg und Bianca steht ein weiteres Schuljahr am Evernight-Internat bevor. Die große Frage, die sie beschäftigt, ist, wann sie ihn endlich wieder sehen wird. Mehr unfreiwillig kommt ihr dabei Baltazar zu Hilfe, der gut aussehende, 300 Jahre alte Schulschwarm, der obendrein ein Auge auf sie geworfen hat. Bei der Rückkehr von einem Treffen mit Lucas sieht er sie mit ihm zusammen, nutzt die Situation allerdings nicht aus, um sie zu verraten, sondern will ihr sogar bei weiteren Dates behilflich sein; im Gegenzug hofft er, an Information über seine Schwester zu kommen, die vom Schwarzen Kreuz gejagt wird und dabei zufällig Bianca über den Weg gelaufen ist. Ein weiteres Problem sind die Geistererscheinungen in der Schule, die Bianca immer mehr verzweifeln lassen. Was wollen sie von ihr? Was verschweigen ihre Eltern? Und stehen diese Sichtungen vielleicht in einem Zusammenhang mit der Aufnahme von menschlichen Mitschülern?
Ja, ja - Vampire, Schule, die große Liebe, der Markt wird geradezu überschüttet mit Büchern in dieser Richtung und auch Evernight bildet da keine Ausnahme. Claudia Gray gehört nicht unbedingt zu den herausragenden Autoren dieser Konstellation, allerdings ist das, was sie zu Papier bringt, als solide zu bezeichnen und spannend sowieso. Vieles hat man irgendwo schon mal gelesen, trotzdem bringt sie ihre eigenen Ideen ein und einen weiblichen Vampir als Protagonistin ist ja doch eher selten. Bianca ist ein sympathischer Charakter, mitten in der Pubertät, ein bisschen zickig und vor allem unglaublich naiv. Der Mann an ihrer Seite glänzt durch Abwesenheit und wird mehr oder weniger durch Baltazar ersetzt. Dieser zeichnet sich in seinen Eigenschaften vor allem durch seine aufopferungsvolle Art und sein fast schon omnipräsentes Verständnis für Frauen und deren Probleme aus. Also niemand, der den Hitzkopf Lucas ersetzen kann; er ist übrigens einer, der lieber erst drauf haut und dann Frage stellt und ansonsten eher leidenschaftlich hinter dem steht, was er macht. Und so merkt man sein Nichtdasein praktisch von Anfang an und sieht in Baltazar nicht wirklich einen würdigen Ersatz. Die Idee, dass er und Bianca das Traumpärchen mimen, um an einigen Abenden aus der Schule gehen zu dürfen, ist ausschließlich von praktischer Natur - zunächst, jedenfalls!
Ansonsten fällt es recht schwer, die Geschichte einigermaßen auf den Punkt zu bringen. Das Auftauchen von Geistern kommt zunächst noch sehr unregelmäßig vor und hat bei mir eher für Verwirrung gesorgt. Interessanter war dann schon die Suche bzw. Verfolgung von Baltazars Schwester Charity, die, ohne zu viel zu verraten, ein sehr anstrengender und unsympathischer Charakter ist. Immer wenn sie auftaucht, führt das zu Chaos und Streitereien. Dabei bleiben auch die Gefühle auf der Strecke; anfangs führen die Treffen zu einigen leidenschaftlichen Augenblicke, bei dem es für mich eigentlich nur eine Zeitfrage war, bis es zu "mehr" kommt (wobei dieses "mehr" Auslegungssache ist), aber im Laufe der Zeit arten die Wiedersehen eher zu Suchaktionen aus und enden immer öfter mit Zweifeln und gegenseitigem Angezicke.
Die Schulzeit insgesamt wird im Zeitraffer erzählt; einige Unterrichtsstunden werden etwas genauer beleuchtet, meistens fühlen die sich jedoch wie Lückenfüller an und die alte Frage, warum sich so alte Vampire wieder zurück an die Highschool begeben, bleibt offen bzw. wird nicht überzeugend erläutert. Dafür erfährt man als Leser endlich, warum seit neustem menschliche Schüler Evernight besuchen. Ob die Erklärung einleuchtend ist, muss jeder für sich selbst entscheiden.
Das Finale hat mir leider überhaupt nicht gefallen. Schlag auf Schlag häufen sich die Ereignisse und werden viel zu schnell und überhastet abgehandelt.
"Spoiler" Der Kampf am Ende wirkt stark konstruiert. Die Action kam ein wenig zu kurz und wird mal eben hinterher geschoben. Bianca sieht sich spontan als Retterin der Lage und scheitert dabei kläglich. Es folgt eine neue Berufung. Na gut, ich verstehe sie auf der einen Seite, dass sie von ihren Eltern und einigen Vampiren enttäuscht ist und sich hintergangen fühlt, aber warum tritt sie jetzt dem Orden des Schwarzen Kreuzes bei? Eine Vampirin (übrigens hasse ich diesen Begriff) unter lauter Vampirjägern - wie lange kann das gut gehen? Wie lange schafft sie es, ihren Blutkonsum und ihre wahre Existenz zu verheimlichen?
Beim Gemetzel selbst machen andere Personen ebenfalls sehr unglaubwürdige Entwicklungen durch. Mrs. Bethany, die strenge und undurchschaubare Direktorin, wird zum Karatekid und läuft Amok und Raquel, die als verängstigt, scheu und nicht charakterstarke Person beschrieben wird, will plötzlich bei den Großen mitmischen und nachdem sie eben erst erfahren hat, dass es Vampire gibt, diese dann jagen? Reichlich merkwürdig. "Spoiler Ende"
Der Schreibstil ist flüssig zu lesen, obwohl ich dieses Mal über einige Formulierungen gestolpert bin, die gleich mehrmals lesen musste, um sie zu verstehen. Ob das an der Übersetzung liegt oder schon von der Autorin verursacht wurde, kann ich leider nicht sagen.
Ein zweiter spannender Teil, der nicht besser oder schlechter als das Debüt ist. Es gibt einige Verbesserungen, dafür aber auch neue Schwächen. Ich bin auf meine Kosten gekommen und habe mich gut unterhalten gefühlt, trotz einiger Ausrutscher, die man locker hätte ausbügeln können, aber den Fortlauf der Serie kennt nur Gray und deshalb warte ich noch den dritten Band ab und entscheide dann, ob ich weiter lese. Es werden wahrscheinlich einige Fortsetzungen folgen, die definitiv Potential aufweisen. Ob es genutzt wird, bleibt abzuwarten. Von mir 4 Sterne und ein "Na ja..."