Alice Miller hat sich in ihrem Buch verdient gemacht um die Kindererziehung. Sie setzt sich vehement gegen das Züchtigen (auch das von Vielen als harmlos empfundene Klapsen) von Säuglingen und Kleinkindern ein. Zwar vergessen kleine Kinder durch ihre spezielle Hirnentwicklung alles, was sie bis zum Alter von drei Jahren bewußt erlebt haben, aber ihr Körper speichert die Erinnerung. Als Erwachsene leben sie dann diese Erinnerung unbewußt aus, und manche Eltern, die als Kind mißhandelt wurden, schlagen dann wiederum ihre eigenen Kinder oder leiden unter unerklärlichen Angstzuständen. Als besonders krasses Beispiel nennt Alice Miller den Diktator Stalin, der von seinem alkoholkranken Vater als Kind mehrmals fast zu Tode geprügelt wurde. Stalin entwickelte ein krankhaftes Mißtrauen und lebte es als mächtiger Diktator unbewußt aus. Das "innere Kind" in Stalin fühlte sich stets bedroht. Stalin glaubte, daß alle um ihn herum, selbst Verwandte und enge Freunde, ja sogar sein Leibarzt nach seinem Leben trachten würden. Er ließ Millionen Landsleute einsperren und umbringen, sogar langjährige Freunde, denen er am Tag zuvor noch selbst das Essen aufgelegt hatte. In dem Buch werden aber nicht nur Extrembeispiele beschrieben, sondern auch viele Fälle aus dem normalen Leben. Manchem Leidenden kann bereits die Erkenntnis der bitteren Wahrheit helfen, daß die eigenen Eltern ihm keine Liebe entgegengebracht haben. Hier ist psychologische Ursachenforschung angebracht. Im Normalfall lieben Eltern ihre Kinder und behandeln sie gut. Alice Miller ruft also nicht dazu auf, in jeder Kindheit nach bösen Eltern zu suchen, die man für sein persönliches Unglück verantwortlich machen kann. Es geht hier aber um Fälle von Krankheit und echtem Leiden, bei denen die Betroffenen durch das Auflösen der emotionalen Blindheit erwachen und erwachsen werden können. Leider bringt Alice Miller ihr Anliegen oft so emotional vor, daß ihre Gegner dieses Argument gegen sie verwenden. Ein wissenschaftlicher, durch mehr Studien belegter Ansatz könnte hier hilfreich sein, Alice Millers sonst so einleuchtende psychologische Argumentation zu stützen und gegen Kritiker abzusichern. Hier liegt meiner Ansicht nach die einzige Schwäche des Buches.
Die Autorin hat auch die Methoden der sogenannten "schwarzen Pädagogik" aufgedeckt, die die Menschen gewaltsam bricht und ihnen noch einredet, daß es zu ihrem Besten sei. Die Betroffenen sollen auch nicht realisieren, was mit ihnen geschah, nämlich daß man sie gequält hat. Stattdessen soll die Quälerei als selbstverständlicher Normalfall, als erzieherische Notwendigkeit betrachtet und von Generation zu Generation weitergegeben werden. Das Ergebnis sind brave lenkbare Menschen, die grausame Dinge tun, ohne es zu bemerken. Sie können Gut nicht mehr von Böse unterscheiden und überlassen die Verantwortung für ihr Tun dem Staat und der Gesellschaft. Es ist noch nicht lange her, daß die Meinung unwidersprochen blieb: "Ein kleiner Klaps dient der Erziehung, er hat mir ja auch früher auch nicht geschadet." Noch vor sechzig Jahren, durften Lehrer Schulkinder züchtigen. Besonders Diktaturen und streng hierarchisch organisierte Staaten sind an solchem Umgang mit Kindern interessiert, weil sich die blind Gehorsamen leichter regieren lassen. In dieser Hinsicht hat Alice Miller also auch ein politisches Buch geschrieben. Es ist ein wichtiger Puzzlestein, um das Weltgeschehen richtig einordnen und besser verstehen zu können.
Alice Miller, die dem christlichen Kulturkreis entstammt, wehrt sich in ihrem Buch auch gegen den alttestamentarischen strafenden Gott, der von seinen Kindern Furcht und Gehorsam fordert, sie aber gleichzeitig in Versuchung führt. Als besonders verhängnisvoll erweist sich der Satz des Apostels Paulus, daß wer sein Kind liebt, es züchtigt; denn hier wird das Schlagen von Kindern aus religiösen Gründen gerechtfertigt. Alice Miller zeigt die liebevollen Eltern Maria und Josef als positives Gegenbeispiel und sucht in der Religionsgeschichte nach Kirchenlehrern, die sich ausdrücklich gegen das Züchtigen von Kindern wenden. Es findet sich nur ein einziger, ein Protestant, der sich auch nur am Rande zu dem Thema äußert. Daraufhin schrieb Alice Miller an den Papst Johannes Paul II und bat ihn, einen Appell an angehende Mütter und Väter zu richten, um ihnen die tragischen Auswirkungen des Schlagens von Kindern vor Augen zu führen. Sie ehoffte sich dadurch größeren Einfluß in die Erziehungsmethoden. Leider ist es bisher nicht zu dem Appell gekommen, aber Alice Millers Mut und Einsatzbereitschaft sind sehr zu würdigen und vielleicht hat sie ja mit Papst Benedikt mehr Erfolg.