Das Nickerchen des Tyrannen
Sibylle Knauss' Roman: «Evas Cousine»
Als Gertraud Weisker Anfang zwanzig war, hegte sie Fluchtgedanken. Im Sommer 1944 kehrte sie Jena, dem heimatlichen Provinznest im Saaletal, den Rücken. Mit Gretchenfrisur und Heisenbergs Quantentheorie im Koffer brach die Physikstudentin zu den damals angesagten Zielen der Sehnsucht auf: München, Berchtesgaden, Bad Reichenhall magische Orte einer vermeintlich besseren Wirklichkeit. Bis dorthin würden die regimekritischen Mahnungen des Vaters, eines flammenden Antifaschisten, nicht nachhallen. Dort lockte das Tor zum Süden, der letzte Paradieszipfel. Denn jenseits von Bombenhagel und Trümmerfeldern hatten Watzmannpracht und Alpenglühen, grüne Bergseen und die Sommersitze der braunen Haute Volée überdauert.
So genoss Gertraud Weisker ein flüchtiges Glück im Reichswinkel, zumal sie ein paar Monate lang an der Seite ihrer Lieblingscousine Eva Braun verbringen konnte. Während nämlich Adolf Hitler vom ostpreussischen Hauptquartier aus das Massensterben überwachte, forderte seine Mätresse zum Zeitvertreib die Gesellschaft der jungen Verwandten an. Da wanderten, schwammen, tranken und kicherten die Cousinen vom Kriegstreiben unbehelligt und fürsorglich belagert von des Führers Küchenpersonal. «Wir waren einfach zwei junge Frauen, die, beschützt und bewacht von SS-Leuten, sich ihr Leben so schön wie möglich gemacht haben», sagt die 77-jährige Frau Weisker 56 Jahre später immer noch ein wenig unbedarft, doch frei genug, offen über ihren Aufenthalt auf Hitlers Bergfestung zu sprechen.
Mehr als 50 Jahre zählte dieses Thema zu den geheimen Verschlusssachen. Auf Rat des Ehemannes hüllte sich die Cousine Eva Brauns in Schweigen über ihre prekären verwandtschaftlichen Beziehungen. Die Angst vor gesellschaftlicher Ächtung trieb sie um und wich erst nach dem Tod ihres Mannes vor ein paar Jahren. Damals trat der Zaungast von einst, der zwar von Hitlers Tellern gegessen, nie aber den Hausherrn zu Gesicht bekommen hatte, eine späte Gedächtnisreise an. Gertraud Weisker schrieb auf, was die Erinnerung noch freigab. Ihre bruchstückhaften Aufzeichnungen schickte sie der Schriftstellerin Sibylle Knauss. Immerhin hatte die Professorin für Text und Dramaturgie an der Filmakademie Baden-Württemberg in ihrem literarischen Leitfaden «Die Schule des Erzählens» (1995) der Tabuisierung vertrackter Stoffe für die literarische Umsetzung eine Absage erteilt: «Darum gibt es für uns nichts, was zu heikel ist, zu grausam, zu privat, zu verstiegen, zu amoralisch.» Nur eine Ausnahme liess Knauss damals gelten. Widerwärtig sei ihr zum Beispiel die Vorstellung, das Leben der Eva Braun als Roman zu verarbeiten.
Vielleicht nahm sie gerade deshalb Gertraud Weiskers Herausforderung an. Sie liess sich auf das Wagnis ein, den Blick in den «Hort des Bösen» zu werfen. Um aus der früheren Bewunderin Eva Brauns, einer naiven jungen Frau ohne ausgeprägtes politisches Bewusstsein, eine Romanheldin zu schnitzen, dekorierte die Autorin die spärlichen Zeugnisse Weiskers mit reflektierenden Exkursen und fiktiven Handlungen: Aus der authentischen Gertraud in ihrer mädchenhaften Arglosigkeit hat sie eine Marlene gefertigt, die sehr wohl reif genug ist, um kritische Distanz zum Nationalsozialismus zu entwickeln. So dichtet Knauss ihrer Hauptfigur in «Evas Cousine» den Mut an, einen polnischen Zwangsarbeiter in Hitlers Teehaus zu verstecken. Sie erfindet darüber hinaus ein amouröses Histörchen, in dem Marlene mit einem SS-Offizier tändelt, doch anders als Eva Braun die körperliche Nähe zur Macht letztlich nicht als Lustgewinn empfindet.
«Es gibt nichts Gutes im Falschen», schreibt Sibylle Knauss, verzichtet aber nicht darauf, eine getunte Biographie der Gertraud Weisker mit Tendenz zur Heroisierung vorzulegen. Wohl wirken die Passagen des Textes, in denen Marlenes psychologische Entwicklung von der Landpomeranze zur halbwegs skrupulösen Erwachsenen stattfindet, dramaturgisch stimmig. Wieder bewährt sich die Autorin als «Wünschelrutengängerin der weiblichen Seele», als die sie in den früheren Romanen «Ach Elise oder Lieben ist ein einsames Geschäft» (1981), «Charlotte Corday» (1988) oder «Ungebetene Gäste» (1991) überzeugte. Und doch wird der Leser das Gefühl nicht los, dass Knauss die Zweifel angesichts ihres heiklen Themas durch Überhöhung der Hauptperson vertreiben will eine Form der Personenklitterung, die das Genre wohl zulässt. Denn: «Erzählen ist immer Fälschung der Tatsächlichkeit», sagt die Verfasserin in der «Schule des Erzählens». Dass dieses Vorgehen jedoch im Fall von Gertraud alias Marlene zur Geschichtsklitterung beiträgt, hat sie bedauerlicherweise ausgeblendet.
Während sich die Figur der Marlene als lernfähig erweist und intellektuell in der Lage ist, das Ausmass von Tod und Zerstörung zu begreifen, bleibt Knauss bei Eva Braun näher an der historisch verbürgten Realität. «Man kann ja nicht normal sein, wenn man Hitler liebt», merkte sie bei der Buchvorstellung in Berlin an. Dementsprechend geistert die frühere Assistentin von Hitlers Leibphotographen Hoffmann als «irrlichternde Unruhe» durchs Gelände: hübsch, sportlich und gefallsüchtig, doch gleichzeitig voller Angst und Todessehnsucht. «Als Selbstmörderin war sie keine Dilettantin mehr», denkt Marlene und mutmasst weiter: «Die Selbstauslöschung! Und ich bin sicher, dass sie am Ende Hitlers Lehrmeisterin darin war. Dass sie ihm mit der ihr eigenen Geflissenheit und Bereitschaft, zu Willen zu sein, gezeigt hat, wie man es macht.»
Weil Gertraud Weisker, die bisher verschwiegene Zeitzeugin, das Psychogramm der Eva Braun nicht nachträglich durch bahnbrechende Details anzureichern vermag, bauscht Sibylle Knauss ihren Stoff ordentlich auf. Durch emsiges Schwadronieren und Intensivierung des Ausdrucks hofft sie möglicherweise, die matte Faktenlage wettzumachen. Da wird der Obersalzberg in einem Anfall gnadenloser Verharmlosung mit den fiktiven Schattenreichen der James-Bond-Kontrahenten verglichen. Da menschelt es mächtig, wenn das «Nickerchen des Tyrannen» im geblümten Sessel nachempfunden wird. Und manchmal durchstöbert die Autorin das Innenleben ihrer Hauptfiguren so einfühlsam, dass alle historische Distanz verpufft: «Wir waren lasziv und unschuldsvoll zugleich, diese perfekte Mischung, die wir Nazifrauen so gut wie keine Generation vor uns und nach uns verkörperten.» Den Leser packt das Grausen, und er wünscht sich, Sibylle Knauss hätte der eigenen Theorie zum Trotz ihrem Gefühl vertraut und Eva Braun als romanuntauglich links liegen lassen.
Christiane Schott