Kurt Flasch verfolgt mit diesem Essay zwei Ziele: er will durch gezielte Betrachtung des Adam-und-Eva-Mythos „die Macht des männlichen Blicks auf die Frau" aufzeigen und er will wichtige Rezeptionslinien dieses Mythos in westlicher Kunst, westlicher Glaubenslehre und westlichem Wissen darstellen.
Um diese Ziele zu erreichen, wählt er die Form des Essays und damit ist eigentlich das Problem von Flaschs Abhandlung schon aufgezeigt: Ein Essay kann und will nicht mehr und nicht weniger, als zum Nachdenken anregen, Denkanstösse geben. Dies setzt aber voraus, dass die Grundanliegen der Thematik, d. h. die grundlegenden Fakten, Thesen etc. schon bekannt sind. Flaschs Buch hat aber den Anspruch, uns Lesern auch diese darzustellen, wenn er auch selber einräumt nur „ein paar wenig bekannte Einzelheiten... aus dem Grenzgelände zwischen Kunst- und Ideengeschichte" mitzuteilen.
Wer wirklich mit der Materie schon vertraut ist, für den gilt in Bezug auf die im Buch geäusserten Gedanken das, was der Autor selber an einer Stelle zu psychonalytischen Deutungsversuchen sagt: „Stoff zum Nachdenken geben sie allemal".
Wer sich mit der Thematik noch nicht so gut auskennt, tut besser daran, sich anderweitig zu informieren, kann aber aus der Lektüre des Buches auch seinen Nutzen ziehen. Dazu ein Tipp: Lesen Sie zunächst das allerletzte Kapitel, den „Rückblick" ab Seite 96. Hier fasst er Autor nochmals zusammen, worum es ihm eigentlich geht, bringt seine Ausführungen auf den Punkt, indem er schreibt: „Der Westen hat den altorientalischen Stoff gräzisiert und systematisiert, er hat ihn interiorisiert und gleichzeitig positiviert; er hat ihn allgeorisiert und gegen das Allegorisieren angekämpft." Diesen Satz führt Flasch dann im „Rückblick" noch etwas genauer aus. Wer dies gelesen und sich noch einmal die beiden von Flasch verfolgten Ziele vor Augen geführt hat, kann sich nun mit Aussicht auf einigen Erkenntnisgewinn an die Lektüre machen.