Auch auf die Gefahr hin, von der Fangemeinde zerfetzt zu werden (siehe "Ein-*-Rezension"), möchte auch ich meinem Erstaunen Ausdruck verleihen, wie hochgehypet Daedalic wurde und wird, und was man eigentlich für sein Geld bekommt.
Zu meinem Background:
Adventure-Spieler seit es PCs gibt, lange vor Monkey Island & Indiana Jones, über Zak, Tentacle über Simon und Baphomet, habe ich sicher fast alles gespielt, was man in die Finger bekommen konnte, bevor das große "Point&Click-Loch" kam.
Mein Anspruch:
Ich hänge nicht in rosaroten Erinnerungen der VGA-Welt fest, und habe realistische Erwartungen an Qualität, Spielverlauf, zeitgemäßer Graphik- und Soundqualität, Spielbarkeit und vor allem "Ambiente", sprich Stimmigkeit des Spiels (und das geht von Synchronisation der Stimmen über Schwierigkeitsgrad und "Logik" der Rätsel bis zum "Feeling", wie schön/lebendig/tief die Welt geschaffen wurde, in der man sich bewegt).
Ich habe auch andere Daedalic Titel (Deponia 1, Whispered World, Edna, Machinarium...) und bin eigentlich bei allen mehr oder weniger durch die vielen positiven Rezensionen verleitet worden, mir diese zuzulegen.
Nun aber zu Deponia 2:
TECHNIK und QUALITÄT: *
Deponia kramt nicht gerade in der Innovations- oder Trickkiste, es ist ein 0815-Adventure, umso mehr erstaunt auch der Umstand, dass ein Prozessor mit 2,5GHz gefordert wird, nur um dann eine einzelne Animation darzustellen? Die Videos laufen ruckelig (auf einem 6-core Phenom II!?), per ESC ins Hauptmenü ist ein ständig Ärgernis, weil entweder 3 Sekunden lang nix passiert, oder man gleich wieder retour ist (weil man nach 2 Sekunden dann ein 2. Mal gedrückt hat)... die Abstürze, die alle naselang mal passieren (ja, auch nach patch 1.1)... alles in allem ein bitterer Nachgeschmack.
Irgendwie wirkt es, als würde eine OpenSource-Adventure-Engine auf einem Visual Basic Emulator brav seinen Dienst verrichten... und fallweise versagen.
Diverse Dialoge kommen 2x in Text und Ton (reproduzierbar), manche Dialoge sind im Spielverlauf völlig unsinnig geworden, so kann man den Anführer der Untergrundbewegung immer noch treffen wollen, lange nachdem man es selbst schon geworden ist.
Alles in Allem: allein bei der Beschreibung, was VOR Patch 1.1 alles im Argen lag, kann einem schlecht werden, dass ein Spiel in diesem Zustand überhaupt in den Handel kommt.
GRAPHIK: **
Irgendwie ein "NAJA?"... ja, gut, comic-style, "nett", aber ...da gab es wohl in den späten 90er schon bessere. Was mich persönlich mehr stört ist, dass wohl vielerort nette kleine Details gezeichnet wurden, aber kaum hotspots da sind, die auch auf den Spielablauf Einfluss nehmen.
SOUND: ***
gefällig und stimmig - daran kann man wenig aussetzen
STIMMEN: ***
ebenfalls passabel umgesetzt
SPIELTIEFE und SCHWIERIGKEIT: **
Ich finde es schockierend, dass man bis ca. der Hälfte des Spiels kaum 3x Gegenstände miteinander kombinieren muss. Die Rätsel an sich sind nicht übermäßig schwer, der "rote Faden" ist wohl ständig da, aber so richtig gefordert wird man leider nicht, irgendetwas "zusammenzubasteln", um weiterzukommen.
Reden, reden und nochmal *gähn* reden, die paar hotspots anschauen, und paar Items sammeln, die dann zu 99% einfach so irgendwo zu verwenden sind, was sich "quasi von selbst ergibt", wenn man nicht grad blind und ohne Dialoge gelesen zu haben durch die Gegen stolpert
Mein FAZIT:
Ja, durchaus spielbar, wenn grad nix anderes greifbar ist, aber selbst für 20 EUR ist das reichlich mager bzw. qualitativ minderwertig. Wenn man hochrechnet, wieviel "Spiel" man für 50EUR bekommt, wo ganze HD-Welten von Dutzenden Entwicklern geschaffen werden, die oft jahrelang herumschrauben, bis das gameplay perfekt ist...
Egal ob mit "rosaroter Briller der 90er" oder nüchterner Betrachtung:
Einen Vergleich mit den Urgesteinen der Point&Click-Welt hält Daedalic selten stand (vielleicht am ehesten Whispered World)