Ich weiss nicht mehr wie die Sendung hiess, aber die Frage hatte mir gut gefallen. In einer Doku über die Abholzung des Amazonas-Urwaldes fragte ein Bewohner dieser Gegend, wo denn der europäische Urwald geblieben sei? Den eigenen Kontinent abholzen und die Vorteile des Wirtschaftswachstums geniessen, aber andere Länder dafür kritisieren, die das gleiche vorhaben, ist etwas merkwürdig. Wer bereits einen ausreichenden Wohlstand erreicht hat, kann sich den "Luxus" Naturschutz erlauben? Das wiederum sehe ich nicht so.
Warum wurden die Herr der Ringe Filme in Neuseeland gedreht, wo diese Geschichte doch eigentlich in einem altertümlichen Europa spielt? Weil Neuseeland heute so aussieht wie Europa vor 60 oder mehr Jahren. Nachdem ich die immens eindrucksvollen Fotos in diesem Bildband gesehen habe, erscheint es mir noch seltsamer warum bei manchen Reisenden Fernreisen als beeindruckender gelten als Europa-Trips. Vielleicht weil es solche Naturschätze wie in diesem Buch angebildet, auch in Europa gibt, sie aber nur eine winzige Fläche ausmachen und nicht besonders bekannt sind?
Fotograf Markus Mauthe und Biologe Dr. Thomas Hennigsen haben ein sehr schönes Buch über die europäischen (zumindest über einige ausgewählte davon) Urwälder zusammengestellt. Da dies für Greenpeace geschah, steht erwartungsgemäß das Plädoyer für den Erhalt dieser wertvollen Lebensräume im Vordergrund. All zu viel zu lesen gibt es in diesem Buch nicht, im Vordergrund stehen die prachtvollen Bilder!
Aus dem Buch ist zu erfahren, daß Europa ohne den menschlichen Eingriff fast vollständig mit Wäldern bedeckt wäre. Erst seit dem 18. Jahrhundert wurde die nachhaltige Forstwirtschaft eingeführt, viel zu spät um etwa die nahezu grenzenlose Entwaldung des Mittelmeerraums zu beheben. Deutschland hingegen ist noch heute zu gut einem Drittel mit Wäldern bedeckt, allerdings mit Nutzwäldern. Der durchschnittliche Anteil der Urwälder, die sich selbst überlassen bleiben, betragen in Europa nur gut 1 Prozent. In Russland ist dieser Anteil (noch) etwas höher.
Die Autoren teilen für das Buch Europa in Nord (Skandinavien), Ost (der ehemalige Ostblock), Süd (Mittelmeerraum plus Kanaren) und Mitteleuropa (alles dazwischen) ein. Ein Kapitel informiert über die Greenpeace-Waldkampagne.
Für das Cover wurde ein Quadrat in der Bildmitte ausgelassen, hinter dem sich auf der folgenden Seite ein Eule befindet - ein schöne Idee und sicherlich umweltfreundlicher als ein Hologramm oder ein ähnlicher Blickfang.
Mir hätte es gut gefallen wenn es mehr doppelseitige Fotos gegeben hätte. Manche Bilder sind etwas kleiner, weil sie Platz für den erklärenden Text lassen. Tier- und Pflanzenwelt, Pilze, Schnee, Sonnenuntergänge, Grün, herbstliche gefärbte Wälder - das Buch zeigt eine sehr lebhafte, vielfältige und farbenfrohe Welt. Beruhigend und friedlich, schön und geheimnisvoll.
Wunderschön diese sehr rare Seite Europas!
189 Seiten, Hardcover, Farbe, Knesebeck 2011