Die Reportagen aus dem zerstörten Nachkriegseuropa faszinieren durch ihre Unmittelbarkeit. Ihnen fehlt der abgeklärte, neunmalkluge Ton der nachfolgenden Geschichtsschreibung. So lesen wir bei Janet Flanner am 20. Oktober 1945:
"Nach Ansicht des Generals [de Gaulle] ist es kaum vorstellbar, daß die gigantische Aufgabe der Wiederherstellung des Landes vor 1975 abgeschlossen sei, und Europa, wie immer es politisch dann aussehen möge, werde wohl vor dem Jahre 2000 weder seine Verluste an Menschen und Städten noch die Erinnerung an seine verlorene Schönheit verwunden haben..."
Wir alle wissen, dass der General sich irrte; der Wiederaufbau gelang wesentlich schneller. Aber zu welchem Preis? Unter anderem wurde beispielsweise eine gründliche Entnazifizierung pragmatischen Überlegungen geopfert. Wie spannend und lehrreich zugleich ist es daher, von Stig Dagerman, einem schwedischen Journalisten und Schriftsteller, zu erfahren, wie die Entnazifizierung en détail ablief. Es ist die Entnazifizierung der "kleinen" Mitläufer, die er in seiner meisterhaften Reportage aus dem deutschen Herbst 1946 beschreibt, nicht die Prozesse gegen die Hauptkriegsverbrecher. Hans Magnus Enzensberger, dem Herausgeber dieser einzigartigen Berichte, ist es zu verdanken, dass diese Reportagen nicht unter den Trümmern Europas verschüttet wurden.