"Dem Beduinen ist aber, wie überhaupt dem Orientalen, das amerikanische 'time is money' unbekannt."
(Karl May, Bei den Trümmern von Babylon)
Keine andere Abbildung könnte Titel und Inhalt des Buches besser darstellen, als die aus dem "Buch der Spiele" des kastillischen Königs Alfons X. "El Sabio" stammende Miniatur. Die Abbildung eines christlichen Mönchs und eines Muslims zeigt nicht nur die Begegnung beider Religionen. Das gemeinsame Schachspiel offenbart sich sowohl als Symbol von Konkurrenz, als auch ein Medium der friedlichen Kommunikation.
Der Historiker und Medizinhistoriker Dr. Kay Peter Jankrift (Jg. 1966) hat sich für sein bereits im Jahre 2007 erschienenes Sachbuch "Europa und der Orient im Mittelalter" ein Thema ausgewählt, das bis in unsere Gegenwart hinein Nachwirkungen zeigt. In seinem Vorwort weist der Autor daraufhin, dass von den romantisierenden Vorstellungen des Orients à la 1001 Nacht und eines Hadschi Halef Omar nicht mehr viel geblieben sei. Die Verklärung des "Morgenlandes" sei - insbesondere im Hinblick auf den Nahen Osten - Assoziationen von Despotie, Terror, Gewalt und Krieg gewichen. Die anglo-amerikanischen Propaganda vom "Kampf der Kulturen: Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert" (Samuel Phillips Huntington; 1927 - 2008), "Kreuzzug gegen den Terror" und "Achse des Bösen" (George W. Bush) scheint vollkommen außer acht zu lassen, dass auch andere Begegnungen zwischen Angehörigen verschiedener Religionen, Kulturen und Ethnien möglich sind. Die mannigfaltigen Formen mittelalterlicher Begegnungen zwischen Christen, Muslims und Juden haben es deshalb gerade in der heutigen Zeit verdient, einer besonderen Betrachtung unterzogen zu werden....
Bereits vor dem Vorwort wird der Leser durch eine historische Karte "Die Mittelmeerwelt um 1100" auf den historisch-geographischen Raum des Themas eingestimmt. Neben den drei islamischen Zentren Bagdad (Seldschuken), Kairo (Fatimiden) und Marrakesch (Almoraviden), deren Ausstrahlung durch jeweils drei konzentrische Kreise dargestellt ist, fallen auch die Militäraktionen, besonders die christlichen, ins Auge...
Zur Präsentation des Themas hat es der Autor in vier Kapitel untergliedert. Im ersten Kapitel macht er deutlich, dass der geographische Raum Europas im 8. nachchristlichen Jahrhundert nur ein Bruchteil dessen der Europäischen Union von heute ausmachte. Europa und der Orient waren flexible Räume mit fließenden Grenzen. Mit dem Abschnitt "Von Mekka bis Lepanto" definiert Jankrift den Zeitraum, den sein Buch behandelt. Nämlich 949 Jahre, beinahe ein Millenium, von der Hedschra, des Propheten Mohammed (622) bis zum Sieg der Flotte der "Heiligen Liga" unter Befehl Don Juans de Austria über die osmanische "Armada" unter Ali Pascha. Demzufolge beschäftigen sich die drei nachfolgenden Kapitel mit dem 7. - 10 Jahrhundert (Europa und der Orient im frühen Mittelalter), dem 11. - 13. Jahrhundert (Begegnungen im Zeitalter der Kreuzzüge) und dem 14. - 16. Jahrhundert (Neue Ordnungen am Mittelmeer). Besonderes Interesse erwecken die Abschnitte in denen die "Sprachliche Verständigung in Grenzgesellschaften", "Licht aus dem Orient" und die "Aspekte interkulturellen Wissenstransfers" zur Zeit der Kreuzzüge untersucht werden.
Der Text wird durch 66 Abbildungen aufgelockert, von denen besonders die - bis zu einer ganzen Seite einnehmenden - zeitgenössischen Pracht-Miniaturen hervorstechen. Den Abschluss des Buches bilden eine Zeittafel, Anmerkungen (Fussnoten/Quellenhinweise), ein Personen- und Ortsregister und eine Auswahlbiographie, die allerdings "Les Croisades vues par les arabes" (1983) von Amin Maalouf und "The Templars and the Assassins: The Militia of Heaven" (2001) von James Wasserman vermissen lässt.
Mit Vorfreude auf Jankrifts Band "711 n. Chr. - Muslime erobern Europa!", der im April 2011 in der vom Konrad Theiss Verlag herausgegebenen Reihe "Wendepunkte der Geschichte" erscheinen wird, gibt es fünf Amazonsterne für eine historische Analyse, die ihren Beitrag zum Verstehen der Gegenwart leistet!