"Wir haben ein Vision, und diese Vision heißt Europa..."
(Bundespräsident Roman Herzog 1995)
Im Vorwort ihres im März 2007 erschienenen "Europa-Lexikon" blicken die Autoren Prof. Dr. Dr. Wolf D. Gruner und Prof. Dr. Dr.h.c. Wichard Woyke auf die Jahre 1989/90 zurück, die heute als Epochengrenze und als Ende des "kurzen 20. Jahrhunderts" verstanden werden. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Ende des "Systems der Pariser Vorortverträge" von 1919/20 (gemeint sind jene von Versailles, Saint-Germain-en-Laye, Neuilly-sur-Seine, Trianon und Sèvres) wurde in Europa eine gewaltige Dynamik ausgelöst, die nicht alleine zu einer veränderten Konstellation in der europäischen Politik führen, sondern auch ein neues, vergrößertes Staatensystem hervorbringen sollte. Dadurch entstand eine große Chance sich wieder anzunähern und auf vielfältige Weise zu einer Einheit in Vielfalt zusammen zu wachsen. Den Beitritt zum Europarat und zur Europäischen Union sahen und sehen die Staaten Mittel- und Osteuropas sowie des Balkans als ihre "Rückkehr nach Europa". Eine gleichzeitig festzustellende "Renationalisierung" und zunehmende Ethnizität in Verbindung mit einem populistisch überhöhten Nationalismusverständnis läuft dem europäischen Integrationsprozess nicht nur zuwider. Beides wirft sowohl die Frage nach einer europäischen Identität und der Geschlossenheit und Handlungsfähigkeit Europas auf. Die bisher aus vielerlei Gründen ausgeklammerte Frage nach den Grenzen eines zu einenden Europas gewinnt in diesem Kontext an Bedeutung.
Für ihr in Form und Aufbau einzigartiges Lexikon, das sowohl der schnellen Informationsgewinnung dient, als auch einen anschaulichen Überblick über die historisch-politischen Zusammenhänge des Kontinents vermittelt und daher zu einer vertieften Lektüre anregen kann, haben die beiden Autoren eine Gliederung in vier Teile gewählt.
Gegenstände des ersten Teils sind "Übersichtsartikel", die sich aus historischer Perspektive mit der europäischen Einigungsidee und den verschiedenen Europavisionen befassen. Während ein Abschnitt der Betrachtung Europas als geographischer, kultureller, historischer, politischer, wirtschaftlicher und sozialer Raum gewidmet ist, befassen sich weitere mit den Themata Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Recht.Im letzten Abschnitt wird das Verhältnis Bund, Länder und Europa in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland dargelegt. Im zweiten Teil werden, regional aufgegliedert, die einzelnen Länder, allerdings ohne Russland (da dies den Rahmen des Buches gesprengt hätte) vorgestellt. Die jeweilige Präsentation setzt sich aus den Rubriken Grunddaten, sozioökonomische Grundlagen, Geschichte, politisches System und der Politik in und für Europa zusammen. Während Weißrussland, das seit 1993 nur den Status eines Beitrittskandidaten innehat, Berücksichtigung fand, wurden die drei transkaukasischen Mitgliedsstaaten des Europarats (Georgien, Armenien und Aserbaidschan) und Russland mit Hinweis auf das breits 1996 veröffentlichte "
Politisches Lexikon GUS. ( Länder)" ausgespart. Teil drei beinhaltet Kurzartikel über die Geschichte der nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen supranationalen Institutionen. Der vierte Teil des Buches ist ein Anhang, in der Wolf Gruner zunächst auf die Europäische Union, ihre Politik und Zielsetzung eingeht. Danach folgt eine mit der Entführung der Königstochter Europa durch Göttervater Zeus beginnende und im Jahre 2006 endende Europa-Chronik mit den wichtigsten Daten zur Europaidee und zur Geschichte der Europäischen Integration. Den Abschluss bildet eine mit 20 Seiten beeindruckende Überblicksbibliographie, zu der auch vier Seiten mit Internetadressen gehören.
Als überzeugter Europäer, der alle Landeshauptstädte der Mitgliedstaaten des Europarates plus jenen von Weißrussland und den "De-Facto-Staaten" Kosovo, Nordzypern und der Republik Bergkarabach besucht hat, wünsche ich mir eine baldige aktualisierte Neuauflage dieses einzigartigen Standardwerkes, das als kompaktes Basiswissen die Bewertung mit fünf Amazonsternen verdient.