Vor kurzem musste mein Sohn im Deutsch einen Vortrag über die Gedankenwelt der Aufklärung halten, obschon seine Klasse in der Geschichte gerade mal bei den Römern angelangt war. Probleme mit dem Stoff waren unvermeidlich und die Grundfrage lautete: Was bedeutet eigentlich Aufklärung? Dazu fallen einem unweigerlich Namen wie Kant, Voltaire, Diderot, d'Alembert und Rousseau ein oder Stichwörter wie Verstand, Vernunft, Encyclopédie, Naturrecht, Säkularisierung oder Wissenschaftlichkeit.
Das Buch von Stollberg-Rilinger verknüpft Namen und Stichwörter. Geschickt verwebt es die Eckdaten der Ereignisgeschichte mit wirtschaftlichen, sozialstrukturellen, religiösen, technischen, mikrosoziologischen, philosophischen und politischen Fragestellungen. Die Autorin hält konsequent eine europäische Perspektive durch, wobei sie auch kurz auf die Vereinigten Staaten blickt. Die englischen Vertreter der Aufklärung sind ebenso präsent wie die französischen. Der Umgang mit Originalquellen - die auszugsweise im Anhang abgedruckt sind - und der internationalen Fachliteratur ist beeindruckend, ebenso die Differenziertheit in der Darstellung. So wird die Aufklärung nicht einfach mit Religionskritik und Säkularisierung gleichgesetzt. Ein Blick mit der Lupe zeigt, dass sich Aufklärung auch innerhalb v.a. der protestantischen Kirche abspielte und die Entwicklung von Erneuerungsbewegungen beförderte. Wichtig sind die Ausführungen über die Entwicklung neuer Kommunikationsformen und der Ausbreitung von Zeitschriften, Büchern und Flugschriften, die den Austausch der aufklärerischen Ideen ermöglichten und beschleunigten. Eine echte Bereicherung ist das Kapitel über Familienstrukturen, Geschlechterrollen und Erziehung im 18. Jahrhundert. Mit der zunehmenden Professionalisierung und Differenzierung der Arbeitsprozesse wurden Frauen in dieser Zeit immer mehr vom Erwerbsprozess ausgeschlossen. Weil der Mann die Frau nicht mehr so sehr als wirtschaftliche Arbeitspartnerin brauchte, gewannen neben der Arbeitskraft andere Persönlichkeitsmerkmale an Bedeutung. All das führte dazu, dass im Verhältnis der Eheleute zueinander die persönliche Zuneigung eine grössere Rolle zu spielen begann. Heirat aus Liebe wird im Bürgertum populär, während sich der Adel weiterhin "dynastie-strategisch" vermählt.
Last but not least: Stollberg-Rilinger hat schriftstellerische Qualitäten. Wo andere Historiker sich in monotonen Satzstrukturen wiederholen oder verschachtelte Bandwürmer produzieren, besticht die Autorin mit einer glasklaren, flüssigen Prosa.
Man wünscht sich eine Zugabe, z.B. über die Revolutionszeit in Frankreich und deren Auswirkungen auf Europa.