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in Deutschland
Stellungnahmen von Avi Primor
Israels diplomatischer Vertreter Avi Primor gehört zu den profiliertesten Persönlichkeiten in der deutschen Botschafterszene. Er ist eine «moralische Instanz». Sein Wort hat in Deutschland Gewicht. Es kommt nicht alle Tage vor, dass ein Botschafter in seiner Amtszeit bereits sein zweites Buch vorlegt. Fünf Vorlesungen, die Primor an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf im Sommersemester 1998 gehalten hat, eine Laudatio auf Rabin und Arafat sowie zwei Dankesreden in eigener Sache enthalten kontroverse Thesen.
Einseitige Befreiung
Primor denkt immer historisch, wenn es um sein Land geht. Seine Ausführungen sind profund und geschickt vorgetragen. Die offizielle zionistische Geschichtsdoktrin kommt im liberalen Gewande daher. Wenn der Autor Theodor Herzls Vision eine Revolution nennt, verschweigt er, dass sich dies als Katastrophe für ein anderes Volk entpuppte und nur in enger Anlehnung mit den Kolonialmächten zu erreichen war. Der Zionismus war deshalb nur für die Israeli eine Befreiungsbewegung. Die Palästinenser haben sie als eine kolonialistische Bewegung erlebt. Primor ist zuzustimmen: der Holocaust war nicht das kritische Moment für die Staatsgründung Israels; die Entscheidung war lange vorher gefallen. Der Botschafter transportiert indes die Legenden von der «blühenden Wüste» und der Einwanderung der Araber auf Grund der von den Zionisten geschaffenen Produktionsverhältnisse.
In dieses Bild passt die Darstellung, dass die Araber beim Unabhängigkeitskrieg geflohen seien. Über die Hälfte der 700 000 Palästinenser wurden aber vertrieben. Die «neuen Historiker» in Israel legen dafür Zeugnis ab; Primor übergeht sie. Es gab keinen offiziellen Vertreibungsbefehl David Ben Gurions, aber dass keine Politik der Vertreibung praktiziert worden sei, ist historisch falsch. Rabin, der spätere Friedensnobelpreisträger, unterzeichnete persönlich auf Geheiss Ben Gurions den Vertreibungsbefehl für 70 000 Palästinenser in Lod und Ramle.
Netanyahu als wahrer Realist?
Primors Ausführungen zum Friedensprozess sind einsilbig. Allen Ernstes versucht er, Netanyahus Regierungszeit als positiv zu verkaufen; er sei der wirkliche Realist. Auch seine Ausführungen zum deutsch-israelischen Verhältnis gehen nicht über historisch Altbekanntes hinaus. Unabhängig von einigen Krisen in den bilateralen Beziehungen könnten diese als «normal» bezeichnet werden, schreibt Primor. Ein Schlussstrich wäre aber ein «Akt willkürlicher Selbsttäuschung». Nur die Geschichte könne diesen ziehen; darin ist ihm zuzustimmen. Trotz Holocaust sei Deutschland zum wichtigsten Partner Israels nach den USA avanciert. Israels Ziel sei eine stärkere institutionelle Verankerung in der EU. Der damalige Kanzler Kohl hatte beim Dezember-Gipfel 1994 in Essen Israel diesen Sonderstatus verschafft. Primor befürwortet eine stärkere Ausrichtung Israels auf Europa, quasi als zweites Standbein neben den USA. Dies würde dann zu einem Mitgestalten der zukünftigen Entwicklungen im Nahen Osten führen. Ob dies den Europäern reicht? Israel kann sich keinen besseren Interessenvertreter in Deutschland wünschen.
Ludwig Watzal -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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