Neue Zürcher Zeitung
Das Gymnasium und seine Vorgeschichten
Eine Monographie von Manfred Fuhrmann
Der Untertitel «Geschichte des gelehrten Unterrichts in Deutschland» korrigiert den Titel «Latein und Europa»: Von Europa ist in Manfred Fuhrmanns Buch nur so lange oder so kurz die Rede, wie es das mittelalterliche Schulwesen und den Humanismus der Renaissance behandelt. Der Zusatz zu dem Untertitel aber: «. . . von Karl dem Grossen bis Wilhelm II.» meint keine kontinuierliche Entwicklung, sondern bezeichnet Anfang und Ende eines Überblicks mit verschiedenen optischen Einstellungen. Der vierte, letzte Abschnitt, in dem «Das humanistische Gymnasium des 19. Jahrhunderts» dargestellt wird, nimmt etwa die Hälfte der ganzen Arbeit ein, und man tut den vorangehenden Kapiteln kaum unrecht, wenn man sie als fragmentarische Vorgeschichten zu diesem Hauptteil versteht.
Wichtige Vorgeschichten schon deshalb, weil ein Kanon der lateinischen Schul-Literatur schon im frühen Mittelalter entstanden ist und weil sich die Klassikerlektüre, die dann dem neuzeitlichen Gymnasium (vielleicht allzu) selbstverständlich wurde, immer wieder hat durchsetzen müssen gegen Lateiner, die es mit dem praktischen Gebrauch der Grammatik (und ihrer «Logik») hielten. Dann auch, weil das Schulwesen der frühen Neuzeit das Fuhrmann nicht einzig unter dem Gesichtspunkt des Lateinunterrichts betrachtet den allmählichen Übergang von der fürstlichen zur bürgerlichen Kultur spiegelt: Das Gymnasium, das im zwanzigsten Jahrhundert konservative Züge teils annahm, teils von seinen Kritikern verliehen bekam, entstammt dem politischen Selbstbewusstsein des dritten Standes, das auch einmal jung gewesen ist.
Je mehr sich Fuhrmann auf das Detail einlässt, umso leichter und lieber folgt man seiner gegen das Ende hin geradezu fesselnden Untersuchung. So macht er etwa auf das «Spezifikum einer ganzen Epoche» aufmerksam, auf die Schulschriften: eine besondere Gattung von kurzen gelehrten Abhandlungen, die in den Programmen der deutschen Gymnasien erschienen sind; in einem fünfbändigen Verzeichnis finden sich rund 55 000 Titel aus der Zeit zwischen 1825 und 1918 Belege für den fortdauernden Forschungsgeist der akademisch ausgebildeten Lehrer und ganz besonders der Altphilologen. Ein solches Element ist durch sein blosses Vorhandensein sprechender als viele grundsätzlichen Betrachtungen über das Schulwesen.
Dass zwischen Lehrauftrag und Forschungsgeist eine in günstigen Fällen fruchtbare Spannung bestand und besteht, gehört zur Innengeschichte des Gymnasiums. Zu seiner von aussen bestimmten Entwicklung gehört das Konkurrenzverhältnis zu anderen Schultypen, die schon in einer Zeit, als es noch keine behördlich geschützte Bildungsfeindlichkeit gab, durch die Bezeichnung «real» bewusst oder unbewusst einen Anspruch auf lebensnähere pädagogische Ziele erhoben. Womit sie dem humanistischen Grundgedanken gewiss nicht gerecht wurden, sich aber auf seine Erscheinungsformen mitunter berufen konnten. So zeigt sich Schulgeschichte und Fuhrmann zeigt sie als eine ergiebige Spielart der Mentalitätsgeschichte; und hätte er sein Thema über Wilhelm II. und über Deutschland hinaus verfolgt, es hätte an Aussagekraft nicht verloren.
Hanno Helbling
Perlentaucher.de
Buchnotiz zu : Die Zeit, 02.08.2001
Ach je, die neuen Bildungsideale - nichts als Sinnleere und Geschichtsvakuum. Ulrich Greiner ist tief betrübt. Dabei gibt es doch immer noch Leute wie Manfred Fuhrmann. Gebildete alter Schule, die eine "ebenso lehrreiche wie glanzvoll geschriebene Geschichte des deutschen Gymnasiums" hinzulegen vermögen, die 1000 Jahre europäische Bildungstradition "als Wechselspiel geistiger und politischer Kräfte" erzählen und dem Leser plausibel machen können, dass humanistische Bildung noch immer bedeutsam ist, dass aber "eine Bildungsidee nichts ist, was irgendjemand in edler Absicht beschließen könnte". Allein, es hilft alles nichts, den Rezensenten überfällt bei der Lektüre die traurige Erkenntnis, "dass der breite Strom humanistischer Bildung ... heute zum bloßen Rinnsal geworden ist."
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