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am 12. Mai 2014
Gut 1250 dünne Seiten, eng bedruckt, chronologisch strukturiert, anders, als es der Titel auf den ersten Blick erwarten lässt, bereits 1870 beginnend (was Sinn macht, da die Jahre zur Jahrhundertwende hin vielfach gesellschaftlich, kulturell, politisch, wirtschaftlich und militärisch jene Wurzeln bereit stellten, welche die geschichtlichen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts in Deutschland maßgeblich begründeten) und bis zum Millenium reichend, so stellt sich dieses Buch zunächst dem Leser dar.

Wobei Herbert ebenso wichtig und grundlegend zu Beginn bereits darlegt, dass der „nationale Rahmen“ allein nicht ausreichen wird, die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert zu verstehen. Wichtige Entwicklungen des betrachteten Zeitraumes waren bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts miteinander vernetzte, aufeinander bezogene „gesamteuropäische Phänomene“ und blieben dies durch fast die ganzen Zeiten hindurch.

Dennoch aber, die nationalstaatliche Betrachtung hat ihr Recht und macht Sinn. Eben aber in Bezug auf gesamteuropäische Tendenzen und Wechselwirkungen, die in Deutschland je zu ihrer Zeit je interpretiert, adaptiert oder auf Widerstand treffend aufgenommen wurden.

Neben vielen anderen Stärken dieses Werkes ist dies eine ebenso wichtige. Die „großen Linien“ immer mit zu bedenken und dem Leser fundiert und überzeugend vor Augen zu führen. Eine Betrachtung, die zudem der besonderen Bedeutung, die Ethnie und Nationalität im 20. Jahrhundert introspektiv erhalten haben, gerecht wird.
So erklärt sich auch das besondere Augenmerk, welches Herbert auf die Zeit zwischen 1890 und 1914 setzt, prägende Jahre des „Deutschen Stolzes“ im jungen Kaiserreich.

Mag der erste Weltkrieg auch die „Wasserscheide“ zwischen 19. Und 20. Jahrhundert darstellen, was die Entwicklung zu diesem hin angeht und weit über diesen hinaus maßgeblich beeinflusst hat, findet in diesen Jahren mit hoher Dynamik statt.

Grundhaltungen und prägende Momente einer Nation, die, so wird Herbert später ebenso überzeugend argumentieren, im „letzten Fünftel des 20. Jahrhunderts“ eigentlich erst zu Ende gingen.

Nach den „zwei Epochen“ der Deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert, die Herbert voneinander abgrenzt.
Die Zeit des „Krieges und der Katastrophen“ und die Zeit der Entwicklung der Demokratie hin zu einem der führenden Länder innerhalb der globalen Wirtschaft, mithin somit eine Entwicklung von einer kulturellen und wirtschaftlichen Blüte hin zu einem Tiefpunkt und in der Folge zu „neuen Höhen“, deren Teile sich historisch zueinander verhalten.
Das „Wie“ dieses zueinander Verhaltens ist in diesem Werk ebenso Thema, wie die Darstellung der Ereignisse an sich.

Herbert versäumt es zudem nicht, die „Offenheit der Geschichte“ ebenso immer wieder vor Augen zu führen.
In all den Entwicklungen gab es, neben folgerichtigen und dann zwanghaften Abfolgen, nachdem einmal Startpunkte gesetzt waren, ebenso je vor diesen Punkten eine Vielzahl von Alternativen. „Nebenwege und Seitenstraßen der Geschichte“.
Insofern sind jene „abgebrochenen oder gescheiterten Wege“ ebenso ein wichtiger Teil der Darstellung, wie die Darstellung der „zeitlich unterschiedlichen Gegenwarten“.

Einer Konzentration auf die „deutsche Signatur“ in Anbetracht des Unterschiedes der deutschen Geschichte im Vergleich zu allen anderen Ländern, stellt Herbert im Folgenden einen zweiten Betrachtungsbogen entscheidend zur Seite: den der „Durchsetzung der Industriegesellschaft“.
Diese aber hält sich nicht an konkrete Daten, sondern hat ihre Ursachen ebenso bereits in den Zeiten der Jahrhundertwende, wie die kriegerischen Konflikte Deutschlands. Somit „überwölbt“, wie Herbert es formuliert, dieser Betrachtungsbogen die gesamten historischen Ereignisse.
Fast soweit, dass dies der „eigentliche innere Faden“ der (nicht nur) deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts sein könnte, der durch die Katastrophe beider Weltkriege zwar empfindlich gestört und zurückgeworfen wurde, letztendlich aber den Faden nach 1945 zumindest in einem Teil Deutschlands einfach wieder aufgenommen hat.

Dynamik, abbrechende Wege, Kriege, verlorene Alternativen, Aufschwung und damit einhergehend politische und kulturelle Veränderungen, begleitet auch von rigoroser Radikalität in einer sich massiv verändernden bürgerlichen Gesellschaft in einem spannungsreichen Umfeld (zunächst des „Kalten Krieges“), all dies findet sich auf stetig hohem Niveau im Buch wieder.

In inhaltlich nachvollziehbarer Unterteilung. In 1870-1918, 1919-1933, 1933-1945, 1945-1973 (Beginn Strukturwandel), 1973-2000 gliedert Herbert die Hauptteile seines Werkes

Umfassend, kompetent, verständlich, breit und tief legt Ulrich Herbert ein faszinierendes Werk mit hoher Informationsdichte und „eigener Handschrift“ vor, das jede Seite lohnt.

Um zu wissen, warum ist, was ist. Warum manches nicht geworden ist und manches in innenpolitisch starker Reibung und außenpolitischer Bedrohungslage sich als resilient erwiesen hat. Bis hin zur mehr und mehr entscheidenden wirtschaftlichen Entfaltung von den 50er Jahren an bis heute, die einigen Strukturwandeln unterworfen waren.

Eine sehr empfehlenswerte Lektüre
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am 17. Juni 2015
Eine deutsche Gesamtgeschichte des 20. Jahrhunderts in dieser Form existierte bislang nicht. Das ist keine "Vorab-Adelung" des Autors und seines hier vorliegendem Werkes, sondern eine schlichte historiographische Feststellung. Die Bedeutung dieses Themas und das breite Interesse des (nicht nur deutschen) Publikums an diesem Geschichtsabschnitt ist unbestritten, vergegenwärtigt man sich doch Tragweite und Dimensionen der hier erkennbaren Umbrüche und Entwicklungen: Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus, geteiltes Deutschland und Bundesrepublik - an diesen Feldern im Einzelnen haben sich bereits Generationen von Historikern abgearbeitet und dennoch gehört dieser turbulenteste Abschnitt der deutschen Geschichte, die deutsche "Zeitgeschichte" zu den umstrittensten Gebieten der Geschichtsschreibung. Die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts ist kein uns unbekanntes Thema, wird aber meist nicht als zusammenhängendes Ganzes gesehen, sondern von ihren "Höhepunkten" und Brüchen her betrachtet; es scheint schwierig, eine Gesamtbetrachtung vorzunehmen. Bereits im Vorwort des vorliegenden Buches macht der Autor deutlich, welch schwierige Aufgabe die Arbeit an diesem Buche implizierte: Die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts war derartig turbulent, derartig vielfältig, dass nüchtern konstatiert werden muss, "...dass es eine einzige These, auf die sich das 20. Jahrhundert zusammenfassen ließe, nicht geben kann." (S. 20). So nimmt es auch nicht Wunder, dass der Autor im Vorfeld der Drucklegung bald alle Versuche, einen "griffigen" Titel für das Buch zu finden, aufgeben musste... Zu fragen ist daher in dieser Rezension: Ist einer Gesamtschau dieses Zeitalters der unterschiedlichsten politischen Ordnungen, Umbrüche und Phänomene, der verschiedensten Gesellschaftsordnungen, Katastrophen, Ideen und Ideologien, Massenmorde, Kriege und Neuanfänge, überhaupt in einer einzigen Monographie beizukommen, ist eine Vermessung dieses Zeitalters überhaupt möglich oder ist ein solcher Anspruch selbst vermessen, um mir dieses Wortspiel zu gestatten?

Ulrich Herbert nun, Autor des vorliegenden Buches und Herausgeber der diesem Buch übergeordneten Reihe (Europäische Geschichte im 20. Jahrhundert) nimmt die Herausforderung an, an seiner prinzipiellen Kompetenz kann man kaum zweifeln, zeichnet er als Professor für Neuere und Neuste Geschichte an der Universität Freiburg doch seit vielen Jahren verantwortlich für einige Forschungen über die Zeit des Nationalsozialismus und der Bundesrepublik. Der Autor zeichnet erstmals die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert im Gesamtzusammenhang, berücksichtigt politische Dramatik und gewaltige Umbrüche und Zäsuren; bezieht Gesellschaft, Wirtschaft Kultur, Mentalitäten und den europäischen wie globalen Kontext ebenso ein wie er die deutsche Geschichte nach 1945 als ungeteilte Nachkriegsgeschichte versteht, die DDR also mit berücksichtigt. Herberts - eigentlich logische - Entscheidung, eine beide Teile Deutschlands, Europa und die Welt sowie nicht zuletzt Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur einbeziehende Darstellung zu schreiben, welche diese Faktoren aufeinander bezieht und ihre Verflechtung erkennt, hat in der deutschen Historiographie keine Parallele. Besonders eine vergleichende Darstellung aller geschichtlicher Entwicklungen beider Teile Deutschlands fehlt bislang - Heinrich August Winklers politisch orientierte Geschichte hat diese Lücke nicht schließen können.

Für Herbert stehen nun einige Gemeinplätze fest: 1. Er sieht die deutsche Geschichte bestimmt durch die so gänzlich unterschiedlichen Jahrhunderthälften mit der Zäsur des Jahres 1945; die erste Hälfte gekennzeichnet durch Kriege und Katastrophen, die zweite durch die Realität eines geteilten Landes, das sich erst 1990 wiedervereinigen konnte. 2. Gleichzeitig sieht Herbert die deutsche politische Geschichte seit der Jahrhundertwende gekennzeichnet von der Durchsetzung der modernen Industriegesellschaft. Indem sich durch die diesbezüglichen umfassenden Transformationsprozesse das Leben der Menschen fundamental veränderte, resultierten aus diesen Veränderungen politisch-gesellschaftliche Reaktionen, in Form neuartiger Versuche, Gesellschaft und politische Ordnung neu zu bestimmen. Von diesen Reaktionen auf vielfältige industriegesellschaftliche Transformationsprozesse war die deutsche Geschichte, so Herbert, im 20. Jahrhundert maßgeblich bestimmt. Eine zentrale These Herberts zur Deutung der deutschen Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts besteht vor diesem Hintergrund darin, dass er in den vielfältigen Ausprägungen der Durchsetzung der industriegesellschaftlichen Moderne auf allen Ebenen der deutschen Gesellschaft, Politik und Kultur das Potential zur Herausbildung eines spezifischen weltanschaulichen "Dreiecks" sieht: Radikale politische Alternativen von "links" und "rechtsaußen" hätten sich sukzessive herausgebildet und das politische System spätestens mit Ende des Ersten Weltkrieges radikal infrage gestellt; seit dieser Zeit sah sich das liberal-demokratische System mit der extremen Linken einerseits und der extremen Rechten andererseits konfrontiert, was bis hin zum Sieg der Letzteren und der Herrschaft des Nationalsozialismus gegangen sei. Auf diese Weise wird der Nationalsozialismus (was ein wenig an Detlev Peukert erinnert) als Resultat der industriegesellschaftlichen Moderne gedeutet. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war diejenige Alternative, die für dessen Entfesselung verantwortlich war, diskreditiert; es ging nur noch um die Alternative des liberal-demokratischen Modells einerseits, des kommunistischen andererseits.
Wie sieht diese Deutungsperspektive nun genau aus?

Deutschland entwickelte sich Anfang des 20. Jahrhunderts rasanter als jedes andere europäische Land zu einer hochmodernen Industriegesellschaft, also zu einem Land, in dem die (besonders im Bereich der elektronischen und chemischen, aber auch ansonsten) florierende Industrie das Wachstum von Wohlstand und Bevölkerung, aber auch der entsprechenden gesellschaftichen Folgen (wie die Entstehung einer selbstbewussten und starken Arbeiterbewegung) zeitigte. Die Kultur der Moderne setzte sich auf allen Ebenen der deutschen Gesellschaft durch, zugleich erwuchsen aus diesem von vielen als beängstigend empfundenen modernisierenden Transformationsprozess auch Gegenkräfte, vor allem in Gestalt einer neuen, radikalen Rechten, die extremen Nationalismus, Expansionismus und reaktionäre kulturelle und gesellschaftliche Werte sowie einen rassistischen Antisemitismus kultivierte. Das Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg war geprägt durch einen monarchischen Obrigkeitsstaat, einen starken Nationalismus, eine risikoreiche Welt- und Flottenpolitik und gleichzeitig moderne Tendenzen auf allen Ebenen der Gesellschaft und Kultur sowie eine erstaunliche und im Vergleich zu anderen Ländern besonders rasante wirtschaftliche Entwicklung. Durch diese allgegenwärtige Rasanz entstand allenthalben große Unsicherheit; zugleich wurde die SPD immer stärker und die extreme Rechte (auch als Reaktion darauf) immer lauter.

Die Entstehung des Ersten Weltkrieges nun schildert Herbert allzu konventionell, betont die Wirkung der deutschen Flotten- und Weltpolitik ebenso über wie die Wirkung der nationalistischen Agitationsverbände auf die konkrete Außenpolitik (hier v.a. S. 114-116). Gerade die neueren Forschungen zur Vorgeschichte des Weltkrieges (Clark, Andreas Rose) finden hier noch kaum ihre Geltung.
Hingegen vermag er die zentralen Aspekte der entscheidenden Phase deutscher Politik in der Julikrise treffend herauszuarbeiten: Das Reich kalkulierte mit der Unterstützung der harten Politik Österreich-Ungarns gegenüber Serbien einen großen Krieg durchaus ein, das vorrangig gewünschte Ziel der deutschen Politik lag jedoch keineswegs in der Herbeiführung eines solchen Weltkrieges, sondern in einem harten Schlag gegen Serbien und der Demütigung der Triple Entente. Die Frage nach der Gewichtung der Verantwortlichkeiten der einzelnen Staaten stellt er sinnvollerweise nicht. Im Übrigen legt der Autor eine sehr spannende Schilderung des Ersten Weltkrieges vor, wobei er hier besonderes Augenmerk auch auf weniger bekannte Phänomene, wie den Einsatz der Zwangsarbeiter, legt. Am Ende des Krieges standen die Revolution, der Zusammenbruch der Monarchie, die Verwaltung der Kriegsniederlage und die erstaunlich schnelle Entscheidung für die demokratische Republik.

Die nun folgende Zeit von 1918-1924 schildert Herbert natürlich zurecht als eine Zeit des Chaos, der Unruhen, der allgemeinen Destabilisierung, in welcher die demokratische Republik unter dem Eindruck strändiger antirepublikanischer Angriffe der "Dreiecks-Ideen" von rechts und links stand. Die Zeit der vorübergehenden Stabilisierung von 1924 bis zur erneuten schweren Krise seit 1929 war viel zu kurz, als dass sich die liberale Seite hätte erholen und die vielen, gerade wirtschaftlichen Strukturprobleme hätte angehen können; für die Bürger überwog ohnehin die schwere Krisenerfahrung psycho-sozial. Gleichzeitig setzte sich - wie Herbert unter sichtlichem Einfluss seines alten Freundes und Kollegen Peukert die Weimarer Republik beurteilt - in der Republik nun vollends die Kultur der Moderne durch, wofür auch die Entwicklung der Großstädte, der Freizeit, des Sports u.a. standen. Zurecht macht Herbert jedoch deutlich, dass die Annahme einer Zeit der "goldenen Zwanziger" insgesamt eigentlich eine "Chimäre" ist (S. 251); denn diese seien hauptsächlich auf Berlin beschränkt und ansonsten regional viele Traditionen und gesellschaftlich die Einbindung in tradierte Milieus, wie die Arbeiterbewegung oder die katholische Subkultur, bestimmend geblieben. Unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise nun beschleunigte sich die Abkehr der Menschen von der Weimarer Republik; Hoffnungslosigkeit machte sich breit - doch was der Republik wirklich den Todesstoß versetzte, war die skrupellose und zugleich kurzsichtige Bereitschaft der alten, antirepublikanischen und rechtsgerichteten Eliten, die Republik den Nazis auszuliefern, denen Autor Herbert sinnvollerweise ein eigenes Unterkapitel widmet. Die rechte Alternative hatte sich durchgesetzt - zu einem fatalen Preis.

Da Herbert als einer der deutschlandweit führenden NS-Spezialisten gilt, konnte man von dem nun folgenden Kapitel über die dunklen Jahre des Nationalsozialismus, des Zweiten Weltkrieges und der NS-Vernichtungspolitik nur das Beste erwarten - man wurde nicht enttäuscht. Das Wesen des Nationalsozialismus stellte die radikalste Alternative zum liberal-kapitalistisch-demokratischen Modell, die radikalste Antwort auf die Folgen der industrigesellschaftlichen Moderne und zugleich die größte Herausforderung der modernen Welt dar:
Hitler und die Nazis machten sich von Beginn an daran, die moderne, liberale, pluralistische Demokratie samt aller demokratischen Gegenkräfte auszuschalten, an ihre Stelle eine autoritäre "Führer"-Diktatur zu setzen und die Konflikte einer modernen Gesellschaft künstlich einzuebnen, indem von oben eine erzwungene politische und gesellschaftliche Homogenität durch Gleichschaltung und Repression durchgesetzt wurde. Die NS-Herrschaft war von Beginn an geprägt durch einen perfiden Doppelcharakter: Die Mehrheit (und wirklich die Mehrheit) der Deutschen wurde geködert durch das suggestive Programm einer klassenlosen, alle Konfliktlinien überwindenden "Volksgemeinschaft"; durch das Versprechen der Wiedererlangung "nationaler Größe" mithilfe der Revision der Ergebnisse des verlorenen Krieges; sowie vor allem durch die Überwindung der Arbeitslosigkeit und die scheinbare Wiederherstellung von innenpolitischer und wirtschaftlicher Stabilität. Die meisten Deutschen genossen auf diese Weise eine verhältnismäßige "Normalität" (S. 369), bei gleichzeitiger Einspannung in das NS-System mit seiner Propaganda und seinen Partizipationsangeboten (u.a. HJ, NSDAP, KdF, Wehrmacht, "Nationalsozialistischer Volkswohlfahrt"). Zugleich verfolgte der Nationalsozialismus, dessen "Wesenskern" die Gewalt war (S. 545), von Beginn an ein gewaltätiges Programm der Verfolgung politischer und weltanschaulicher Feinde (vor allem der Juden, die entrechtet, beraubt, isoliert und vertrieben wurden) und der Vorbereitung eines neuen Krieges. Darauf wurde auch die Wirtschaft im Zeichen einer "Rüstungskonjunktur" ausgerichtet, das war das nationalsozialistische Ziel, welches Hitler bereits in einer Rede von Februar 1933 skizziert hatte: Nach der Zerschlagung der innenpolitischen Gegnerschaft sollte der Expansionskrieg nach außen folgen; vor allem zwecks Eroberung von "Lebensraum im Osten." Die Nazis wollten eine neue Ordnung mithilfe der Gewalt durchsetzen, im Innern und nach Außen. Diese sollte v.a. rassistisch grundiert werden und keinen Platz haben für alle diejenigen, die von den Nazis für "unnütz" und "minderwertig" sowie "lebensunwert" gehalten wurden.

Von 1939 bis 1945 kulminierte der Nationalsozialismus daher folgerichtig in das radikal-monströse Programm einer rassistischen und quasi-kolonialistischen Neuordnung des europäischen Kontinents, welches erst durch die Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg beendet werden konnte. Im Krieg, so Herbert, ließ der Nationalsozialismus gleichsam jede bislang geübte Rücksicht fahren, überschritt mit seiner Politik in Polen wie in Europa insgesamt, gegenüber den Behinderten, den unterdrückten Völkern gerade im Osten, aber besonders gegenüber den Juden bald jede bekannte Grenze. Gerade der Holocaust wird vom Experten Herbert eindringlich, ausführlich, kenntnisreich und differenziert geschildert, wobei es Herbert jedoch auch wichtig ist, dieses Verbrechen in den Kontext allgemeiner nationalsozialistischer Vernichtungs- und Besatzungspolitik einzubetten. Die Deutschen in der Heimat wiederum hatten die Nazis bis in den Krieg hinein gerade deshalb unterstützt, weil sie nach Jahren der Instabilität, Hoffnungslosigkeit und der Unruhe auf Ordnung, Stabilitär und innere Ruhe sowie Arbeit und neues Selbstbewusstsein setzten. In dem Maße, in dem sich auch der Krieg gegen die Deutschen selbst wandte, neues Chaos, neue Instabilität brachte und die drohende Niederlage näher rückte, wandte man sich in Hitlers ehemaliger treuer Gefolgschaft sukzessive von ihm ab.

Deutschland war 1945 am Boden und auch bald geteilt; während der NS und damit der rechtsradikale Ordnungsentwurf diskreditiert waren, bekam der westliche Teil Deutschlands durch die Hilfe der USA und des Westens allgemein bald eine neue Chance auf die volle Durchsetzung des liberal-kapitalistisch-demokratischen Modells, während der Osten unter die Herrschaft des Kommunismus geriet.
Es galt, riesige Herausforderungen zu überwinden: Das Land lag in Trümmern, Millionen Menschen waren auf der Flucht, tot, vermisst oder entwurzelt, Hunger herrschte, die Wirtschaft lag am Boden und vor allem war das Land moralisch korrumpiert. Man liest Herberts nachträgliches Erstaunen, dass es in den folgenden Jahren im Westen gelang, eine demokratische Republik und die Wirtschaft wieder aufzubauen, Wohlstand zu generieren, die Einbindung Deutschlands in eine europäische Gemeinschaft zu bewerkstelligen und eine liberale, politische Kultur zu etablieren. Im Osten hingegen setzte sich nicht das liberal-kapitalistisch-demokratische Modell, sondern dessen kommunistische Alternative, in Gestalt der SED-Herrschaft durch: Eine Diktatur wurde errichtet, die Wirtschaft durch eine komplett dysfunktionale und ineffiziente Planwirtschaft geprägt, wie überhaupt das Leben der DDR von der Ideologie des Marxismus-Leninismus geprägt wurde, der sich, so Herbert, als geschichtlicher Sieger und deren Vertreter sich somit als Vertreter des geschichtlichen Fortschrittes verstanden - weshalb sie eine besondere Legitimierung durch Wahlen für unnötig hielten. Sowohl die Bundesrepublik als auch die DDR gerieten jedoch aufgrund der weltwirtschaftlichen Entwicklungen seit den 1970er Jahren in Schwierigkeiten, wobei sich in der BRD der Abschied von der klassischen Industriegesellschaft ankündigte und die DDR-Wirtschaft endgültig ihr Land in die wirtschaftliche Krise führte, wozu auch eine immer höhere Verschuldung beitrug. Wäre der Staate der "Arbeiter und Bauern" nicht 1989 durch seine eigenen Bürger gefällt worden, wäre er wohl bald wirtschaftlich kollabiert - auch wenn niemand vor 1989 einen baldigen Zusammenbruch des SED-Staates vorausgesehen hatte. Erst das Ende des Ost-West-Konfliktes machte auch die Wiedervereinigung Deutschlands möglich. Doch das wiedervereinigte Deutschland sah sich bald mit neuen Herausforderungen, wie seiner künftigen Stellung in der Welt (Kosovo als Beispiel) und den wirtschaftlichen Folgen der Wiedervereinigung konfrontiert.

Es glückt dem Autor auf diese Weise, die Charakteristika der jeweiligen Zeitabschnitte aufzuzeigen, mit Leben zu erfüllen und verständlich zu machen, wie es zum Nationalsozialismus, aber auch zu einem demokratisch-wohlfahrtsstaatlichen Neuanfang nach 1945 kommen konnte, welche politischen Veränderungen sich im Zuge von zwei Weltkriegen, dem Ost-West-Konflikt vollzogen und wie sich Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur - auch im Zeichen von Globalisierung und wirtschaftlichen Strukturumbrüchen - sukzessive veränderten.
Auch die Beschreibung kultureller, gesellschaftlicher und alltäglicher Veränderungen und "Klimawechsel" kommt in dieser umfangreichen Darstellung nicht zu kurz; wenn es etwa um die Entfaltung einr liberalen Zeitenwende seit den 1960er Jahren vor allem in der Bundesrepublik geht; einer Zeit, in der ohnehin viele Traditionen, alte Bindungen und Sicherheiten sich aufzulösen begannen und sich auf vielen Feldern neue Tendenzen ankündigten.

Dieser weite Bogen, dieses enorme Panorama, kommt natürlich nicht ohne Verkürzungen daher, und mitunter ist der Schreibstil etwas schwerfällig; durch häufigere Quellenzitate - wie es etwa in der angelsächsischen Geschichtsschreibung oft gemacht wird - hätte der Darstellung noch mehr Leben eingehaucht werden können. Darüber hinaus hätten einige Karten, Bilder und Grafiken demselben Zwecke gedient; so ist die Lektüre mitunter doch etwas fad.

Überhaupt ist mit der Lektüre des Buches der Eindruck verbunden (dessen Subjektivität und vagen Charakter hier ausdrücklich zu betonen ist!), dass es sich um eine in weiten Teilen recht konventionelle Darstellung ohne besondere Überraschungen, mutige und zugespitzte Urteile oder originelle Ideen handelt (sieht man von den beiden eingangs skizzierten argumentativen "Hauptbögen" ab); gewiss wird Autor Herbert den Turbulenzen und Brüchen des 20. Jahrhunderts in Deutschland hervorragend gerecht, doch über weite Strecken hat das Buch darstellerisch den Charakter eines besseren Handbuches. Souveränität und Abgeklärtheit - diese Charakteristika sind es, die das Buch ausmachen und zugleich während der Lektüre keine rechte Begeisterung aufkommen lassen. Es wäre vielleicht angesichts der Mammutaufgabe und Mammutleistung Herberts auch reichlich viel verlangt - und noch dazu angemahnt von jemandem, der sich nicht einmal im entferntesten vorstellen kann, was es bedeutet, ein Buch über dieses Thema zu verfassen.

Der schärfste Kritikpunkt ist jedoch im Hinblick auf das Darstellungsverhältnis der BRD-Geschichte gegenüber der DDR-Geschichte geltend zu machen: Von den knapp 500 Seiten, die der Autor der deutschen Nachkriegsgeschichte bis 1989 widmet, befassen sich lediglich 92 im engeren Sinne mit der DDR-Geschichte bis 1989. Diese Unverhältnismäßigkeit wird vielleicht nicht in einer Zustimmung zur Einschätzung des jüngst verstorbenen Historikers Hans-Ulrich Wehler begründet liegen, wonach die Geschichte der DDR lediglich eine "Fußnote der Geschichte" gewesen sei. Es zeugt aber im Mindesten davon, dass Herbert sich neben der NS-Zeit bislang vor allem mit der Bundesrepublik Deutschland befasst hat und deren Geschichte offenbar interessanter findet. Selbst wenn man ihm darin folgt, so muss man sich doch wundern über das angesprochene Missverhältnis.

Ansonsten fallen noch meist kleinere Fehler wie die falsche Datierung der "Stalin-Note" von 1952 auf, die Herbert im Jahre 1951 verortet (S. 637, auf S. 710 f. allerdings datiert er sie korrekt), die Datierung des DDR-Besuchs von Bundeskanzler Schmidt vom Dezember 1981 auf den "Sommer 1981" (S. 950) usw. oder eben der etwas zu "traditionelle" Ansatz zur Beurteilung der kaiserlichen Außenpolitik. Daneben fallen allerdings auch bei sorgfältigerer Lektüre z.T. etwas gravierendere Defizite ins Auge: So geht ihm die Darstellung der Novemberrevolution trotz insgesamt zutreffender Deutung teilweise etwas daneben (Januaraufstand 1919 fehlt; vorherige Weihnachtskrise wird teilweise falsch dargestellt und gedeutet). - Anderes Thema, aber mehr ein Punkt, über den man diskutieren muss: Herbert schreibt auf S. 467 zur Frage, inwiefern der Holocaust eine bereits früh erkennbare Absicht der Nazis gewesen sei richtigerweise, der Völkermord habe sich erst sukzessive entwickelt. Diskutabel und meines Erachtens nicht haltbar ist die These, die Nazis hätten sich eine solche Entwicklung noch 1939 nicht vorstellen können, so wenig, wie sie sich zu diesem Zeitpunkt hätten ausmalen können, dass nur wenige Jahre später "drei Viertel des Kontinents unter deutscher Herrschaft stehen und damit auch fast vier Millionen Juden im deutschen Machtbereich leben würden." Doch Hitler hatte bereits früh und dann immer wieder deutlich gemacht, dass das außenpolitische Ziel seiner Herrschaft die Herbeiführung eines neuen Krieges und die "Eroberung von Lebensraum im Osten und dessen rücksichtslose Germanisierung" sei. 1936 machte er klar, dass Armee und Wirtschaft sich auf einen Kriegsbeginn im Jahre 1940 einzustellen hätten. Wer aber seine gesamte Politik auf diese Ziele hin ausrichtet, kann sich der Möglichkeit einer großflächigen Beherrschung Europas und einer entsprechend umfangreichen Verfügungsgewalt über die europäischen Juden nicht völlig im Unklaren gewesen sein - zumal, wenn man Hitlers Reichstagsrede vom 30.01.1939 berücksichtigt, in welcher Hitler für den Fall eines neuen Weltkrieges (der in seinem Kriegskurs ja einkalkuliert war) die "Vernichtung" der europäischen Juden ankündigte. Genaue Pläne gab es bzgl. der Juden bis in den Krieg hinein wohl nicht - unvorstellbar war aber mit Sicherheit in Bezug auf "Raum und Rasse" auch nichts. Abgesehen von diesen Fehlern bzw. diskussionswürdigen Aussagen muss noch gefragt werden, ob es wirklich sinnvoll war, die Geschichte streng mit der Jahrtausendwende abzuschließen oder ob man die Darstellung nicht vielleicht doch weiter, zum Beispiel bis ins Jahr 2010 hätte fortführen können, wie dies Herberts Kollege Franz-Josef Brüggemeier in seiner in der gleichen Reihe erschienenen Geschichte Großbritanniens im 20. Jahrhundert getan hat. Allerdings wäre Herberts ohnehin voluminöser "Schinken" dann wohl noch ausladender ausgefallen als ohnehin - er hat mehr als tausend Seiten mehr geschrieben als Brüggemeier.

Dies alles sind Ecken und Kanten, die bei einem Buch mit solch einem Thema und solch einem Umfang in der ein oder anderen Weise unausweichlich sind und sie schmälern wohl jedoch kaum die Leistung eines Buches, das es erstmals tatsächlich schafft, das turbulenteste Jahrhundert deutscher Geschichte zu erfassen und plausibel zu deuten. Herbert ist ein großer Wurf gelungen und es ist kaum vorstellbart, wie man diese schwierige Aufgabe, die gesamte deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts in einem Buch zu bündeln, besser bewältigt werden könnte.
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TOP 1000 REZENSENTam 23. Februar 2016
Es ist eher ungewöhnlich, dass sich Schweizer für Deutschland und deutsche Geschichte interessieren. Mich hat diese Geschichte von Kindsbeinen an fasziniert. Deutschland ist mein Nachbarland, zehnmal grösser und bevölkerungsreicher. Ich bin oft in Deutschland unterwegs und habe viele deutsche Freunde.

Dieser Band ist Teil einer Reihe von Nationalgeschichten des 20. Jahrhunderts. Ulrich Herbert (* 1951) ist Ordinarius für Geschichte in Freiburg. Er schreibt im Vorwort, dass das Verfassen dieses opulenten Werkes mehr Zeit brauchte, als er im grosszügigen Fall berechnet hatte. Den ursprünglichen Titel „Die Jahre, die ihr kennt“ konnte er aus urheberrechtlichen Gründen nicht verwenden.

Wie ist das Buch aufgebaut? Es ist chronologisch aufgebaut. Herbert beginnt im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. Ohne diese Etappe wäre die Entwicklung des 20. Jahrhunderts nicht erklärbar gewesen. Zwischendurch werden Kapitel als thematische Querschnitte eingebaut.

Hier sind 10 Gründe, warum mich das Buch fasziniert hat:
1. Es werden immer wieder eindrückliche Vergleichszahlen im Text eingebaut, begonnen bei der eindrücklichen volkswirtschaftlichen Entwicklung zwischen 1871 und 1914.
2. Neben den allgemeinen Erörterungen tauchen Aussagen von einzelnen Menschen, auch ganz "normalen Bürgern" auf. Herbert führt bekannte Autoren ebenso an wie Zitate aus Biografien und natürlich Zeitungsausschnitte.
3. Ich kannte aus früherer Lektüre zwar sehr viele einzelne Ereignisse und Fakten. Mir fehlten jedoch viele Zusammenhänge. Herbert führt immer wieder 3 - 5 Gründe für wegweisende Entwicklungen an.
4. Sehr interessant sind die Hypothesen zur Gesamtsituation, also z. B. weshalb der Nationalsozialismus in kurzer Zeit an Bedeutung gewinnen konnte. Wir leben in einer Zeit, die sich vor solchen Gesamtaussagen scheut. Dieses Buch ist hierin wohltuend anders.
5. Obwohl man gemeinhin sagt, dass der Mensch aus der Geschichte nichts lerne, sind die nachträglichen Einsichten zu Fehlschlüssen doch aufschlussreich. Es interessierte mich sehr, wie ein deutscher Historiker mit 70 Jahren Abstand die beispiellose Grausamkeit des eigenen Volkes beschreiben würde. Er tut es sachlich, ohne Umschweife, mit klaren Belegen.
6. Das 20. Jahrhundert wird von zwei grossen Ideologien (Nationalsozialismus und Kommunismus) dominiert. Dies kommt ausreichend zur Sprache. Eindrücklich ist der unterschiedliche Weg von Ost- und Westdeutschland ab der Stunde 0. Welchen Unterschied machte die Weltanschauung auf die gesamte Entwicklung aus!
7. Die Grenzen werden sauber gezogen. Es geht steht um Deutschland, Herbert verliert sich nicht auf Nebengeleisen. Es gelingt ihm auch, die europäische Rolle und Bedeutung Deutschlands aufzuzeigen.
8. Man fragt sich angesichts der jüngsten Entwicklungen im angebrochenen 21. Jahrhundert (Bankenkrise, Flüchtlinge aus dem Nahen Osten) wiederum, ob dem Volk Sachverhalte vorenthalten werden. Vergangene Beispiele - vorab die Täuschung des Volkes bezüglich des wahren Ausmasses der Niederlage im 1. Weltkrieg - lassen mich skeptisch bleiben.
9. Es ist erschütternd, wie schnell in Umbruchsjahren ethische Vorstellungen verschwinden bzw. ein "neuer Wind" wehen kann. Ich blicke aus der christlichen Weltsicht kritisch auf die bereits vollzogenen Umbrüche unserer Zeit (Spekulation in der Wirtschaft, die Auflösung der christlichen Sexualethik, Umkehr von Opfer- und Täterschutz, Aufhebung des Schutzes der Ungeborenen und alten Menschen).
10. Es gibt keine neutrale Sicht auf die Geschichte. Herbert versucht gar nicht erst, dies so darzustellen. Ohne Zögern nimmt er Adjektive wie "verheerend" in den Mund.

Fazit
Ein lesenswertes Werk, das in der zweiten Hälfte eine deutliche Verlangsamung erfährt. Das Lesen benötigt Ausdauer. Auf den ersten 100 Seiten musste ich mich an die vielen Nominalisierungen, die langen Sätze und an den häufigen Gebrauch von Fremdwörtern erst gewöhnen. Nachher ist es mir nicht mehr so stark aufgefallen.
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Mit diesem Buch vollbringt Ulrich Herbert eine Mammutaufgabe: Denn eine Deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts in einem europäischen Kontext zu schreiben, scheint angesichts der Komplexität nicht nur waghalsig, sondern auch eine ausufernde Angelegenheit zu werden. Gewiss: ausufernd ist der Band mit seinen gut 1250 Seiten (ohne Anhang) geworden. Doch qualitativ bewegt sich Herbert auf höchstem Niveau. Er schafft es nämlich auf eine konzise Art und Weise, die deutsche Geschichte in einen europäischen, bisweilen sogar in einen globalen Zusammenhang zu bringen, wodurch er sich von der nationalen Geschichtsschreibung im Stile eines Golo Mann abhebt. Zugleich heißt dies aber, dass Herbert die Sache auch etwas anders darstellt. So ist ihm selbst weder ein pathetischer Grundton zu eigen, noch gerät er ins Erzählen. Er geht die Sache vielmehr nüchtern und analytisch an, was nicht zuletzt daran sichtbar wird, dass kaum persönliche Schilderungen von Zeitgenossen zitiert werden. Auch wenn dies alles zunächst einmal recht trocken erscheint, beeindruckt der Band trotz des immensen Umfangs durch souveräne Kontextualisierungen sowie durch klare Argumentationslinien. Sicherlich schadet es dabei nicht, ein wenig Vorwissen mitzubringen, da sich erst dann die dargelegten Zusammenhänge vollends erschließen. Schließlich ist Herberts Ansatz alles andere als eine klassische Ereignisgeschichte.

FAZIT: eine souveräne, strukturgeschichtliche Aufarbeitung der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts im transnationalen Kontext.
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am 1. November 2015
Ulrichs voluminöses Werk ist eine politische Ereignisgeschichte. Wirtschafts- und Sozialgeschichte kommen nur in Bezug auf diese vor. Ereignisse der Kulturgeschichte werden höchsten einmal erwähnt, spielen aber keine Rolle.
In seiner Erzählung greift Ulrich weit ins 19. Jahrhundert zurück, was auch richtig ist, da sonst die Verhältnisse des ausgehenden deutschen Kaiserreichs nicht verständlich währen. Im letzten Kapitel bietet Ulrich einen Blumenstrauß von möglichen Epochenenden zu Beginn des 21. Jh. von der Entstehung des Internets bis zu den Terroranschlägen vom 11. September. Das ist interessant und originell. Ansonsten ist die Darstellung eher konventionell und datengesättigt (was die Lektüre über lange Strecken ziemlich mühsam macht), bietet dem Leser aber auch immer unterschiedliche Deutungen des Geschehens an.
Leider erliegt er in den Betrachtung gegenwartsnahen Geschehens manchmal der Versuchung vom Historiker zum politischen Essayisten zu werden. Doch das ist wohl kaum vermeidbar und stellt nur eine kleine Einschränkung in der Nutzbarkeit dieses vorzüglichen Werks dar.
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Im positiven Sinne kann man eigentlich nur warnen vor dem Buch: denn man mag kaum mehr aufhören, weiterzulesen, Seite um Seite durchzugehen und sich in eine Geschichte zu vertiefen, die brillant dargestellt wird, weil sie nicht nur die vermeintlich großen Ereignisse beschreibt, sondern es schafft, ebenso die Wirkung historischer Entwicklungen ins Alltägliche hinein zu erläutern. Ulrich Herbert schreibt in einem Stil, der es auch Nicht-Historikern/-innen erlaubt, sich mit den Zusammenhängen politischer, historischer, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, kultureller und nicht zuletzt religiöser sowie nationaler Entwicklungen intensiv zu befassen und ein umfassendes Bild zu erhalten, welches die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert beschreibt und zusätzlich erklärt.
Ohne zu kurz zu greifen oder lockerleichten Argumentationssträngen zu folgen, lässt Herbert einen Teilhaben an der Dynamik weit vor dem 1. Weltkrieg und beschreibt differenziert die verschiedenen Strömungen, die schließlich auch zum Nationalsozialismus führten. Ihm gelingt es außerdem sehr klar zu erläutern, wie die Geschichte Deutschlands in der Zeit des Zweiten Weltkrieges und in der Zeit danach bis hin zum Jahr 2000 sich entwickelt hat und welche bedeutsamen Ereignisse und Einschnitte hier prägend gewesen sind.
Gleich einem Stadtführer, dem man sich ob seiner Kompetenzen gerne lange anvertraut, weist Ulrich Herbert einen nicht nur ins Zentrum der Geschichte, sondern schafft es mühelos, auch die Randbezirke mit einfliessen zu lassen und sowohl Neuerungen darzustellen als auch fest verankerte Wurzeln, eingefahrene Wege und entlegene Gesichtspunkte. Dass es dem Historiker hierbei gelingt, ausgesprochen lesefreundlich zu schreiben ohne sich in Details zu verlieren oder ein Anmerkungenwirrwarr zu hinterlassen, macht das Buch so besonders. Selbst wenn er viele Anmerkungen verwendet, so ist rasch ersichtlich, wo sie besonders lesenswert sind. Außerdem ist es ein guter Service, dass hier sogar beim Anmerkungenverzeichnis die Seitenzahlen beschrieben sind, auf die sich die Anmerkungen beziehen. Bei einigen Textpassagen hätten man sich dennoch ein paar Graphiken oder zumindest ein paar kartographische Unterstützungen gewünscht. Dies wäre beispielsweise auf den Vor- und Nachsatzblättern sehr gut möglich gewesen. Differenziert stellt sich sowohl das Literaturverzeichnis dar als auch das Personenregister. Dennoch mag man hier auch einwenden, dass ein Sachwortregister auf jeden Fall eine guter Leserservice gewesen wäre.
Wer es aber schafft, in über 1250 Seiten die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert so präzise und kurzweilig darzustellen, der verdient hohen Respekt.
Dieses Werk sollte ob seiner Schwere und Dicke nicht abschrecken; vielmehr sollte man es in die Arme schliessen aufgrund seiner Leichtigkeit und Präzision. Und es sollte geradezu DAS Handwerkszeug insbesondere für politisch Verantwortliche sein, um differenziert sich ein klares Bild über historische Prozesse zu machen. Vielleicht ist dieser Vergleich treffend: man solle an einer fundierten Stadtführung in der Heimatstadt teilnehmen...auch wenn man glauben sollte, schon alles zu kennen und zu wissen; auch hierbei würde man viel Neues erfahren und anderen Meinungen begegnen. Ähnlich geht man mit Ulrich Herbert durch die Geschichte Deutschlands, erfährt ausgesprochen viel auch über die Nachbarschaft und wird nach der Lektüre bedauern, dass man das Buch nicht schon längst früher lesen konnte bzw. dass man wohl auf eine Fortsetzung noch wird warten müssen.
Ein tiefenscharfes und tiefenschärfendes Werk, dem man nicht nur Lesende aus der Politik wünscht, sondern vielmehr auch aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Kreisen, denen ein fundiertes Geschichtsverständnis und ein tragfähiges Fundament für ein gut geplantes "Haus Deutschland" in einer friedlichen europäischen Nachbarschaft am Herzen liegt.
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am 24. Mai 2015
1250 Seiten, die man in einem Zug lesen moechte. Eine klare und fesselnde Geschichte Deutschlands von hoher Qualitaet - ein Produkt von 10 Jahren Arbeit. Nicht nur Politik und Kriege, sondern der Alltag der Menschen und die Wirtschaftssituation werden ueberzeugend vermittelt. Die Verbrechen der Nazizeit werden, ohne grossen Raum einzunehmen, auf den Punkt gebracht - als Beispiel der Ungeheuerlichkeit: Babi Jar, die Schlucht, zu der 33771 Kiewer Juden gefuehrt wurden (und zum Teil vorher noch Brot fuer die Reise gebacken hatten), wo sie dann erschossen und hineingeworfen wurden. 10 bis 12 Millionen ermordete Zivilisten und Kriegsgefangene. Ebenso die NS-Aufarbeitung in der Geschichte der Bundesrepublik - Otto Schily, der im Bundestag mit Recht und Zustimmung seinen Schwiegervater, sowjetischer Partisan, als einzigen gerechten Kaempfer des Weltkriegs unter seinen ansonsten deutschen Verwandten bezeichnen kann. "Geschichte" selbst wird reflektiert: Welche Geschichtszensur beendet das 20. Jahrhundert? 1990 mit der Wiedervereinigung? 1995 der Beginn es Internets? 2000, als Angela Merkel, DDR-Physikerin, neue CDU-Vorsitzende wird? Lesen und denken Sie mit!
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'Warum erst jetzt?', mag man sich da fragen. Warum wagt sich Deutschland renommiertester Kenner der Geschichte des 20. Jahrhunderts erst jetzt an eine Gesamtdarstellung dieser Epoche, über die viele glauben mögen, alles sei bereits gesagt, geschrieben und diskutiert worden, durch dieses Buch aber eines Besseren belehrt werden. Warum erst jetzt, obwohl der in Freiburg lehrende Ulrich Herbert doch bereits seit Jahren seine auf drei Semester angelegte Vorlesung über Deutschlands Geschichte im 20. Jahrhundert hält? Die Antwort gibt der Autor im Vorwort seines Buches selbst: "Das Bonmot von Sisyphus, den man sich als einen glücklichen Menschen vorstellen müsse, hat gewiss niemand geprägt, der eine zeitgeschichtliche Gesamtdarstellung geschrieben hat" (21f.). Ständig neue Entwicklungen in den vergangenen Jahren hätten ihn dazu genötigt, große Teile seines Buches umzuschreiben und zu aktualisieren, so Herbert. Das Ergebnis ist nichts weniger als ein Meisterwerk zeitgenössischer Geschichtsschreibung, welches Laien, Hobbyhistoriker und Experten neue Einsichten und Diskussionsansätze über dieses so extreme Jahrhundert liefert.

Herbert setzt ein mit der Gründung des Kaiserreiches und dem damit verbundenen explosionsartigen Wirtschaftswachstum und Innovationsschub in Deutschland. Hier sieht der Historiker nicht nur den Beginn der Entwicklung, die Deutschland an der Schwelle zum neuen Jahrhundert zur europäischen Wirtschaftssupermacht haben werden lassen, sondern die auch den Wunsch, die Gier der verspäteten Nation mach globaler Bedeutung, Größe und Weltmachtstellung geweckt habe. "Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert" bietet einerseits eine immer flüssig zu lesende Darstellung der Ereignisgeschichte mitsamt den zentralen wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen. Was dieses Buch von anderen unterscheidet ist Herberts Fähigkeit, seine Erkenntnisse aus den verschiedensten Bereichen zu präzisen Schlussfolgerungen zusammenzufassen, die wesentliche Strukturmerkmale eines solchen Themenkomplexes verdeutlichen und für den Leser inmitten der Vielzahl der Einzelereignisse verständlich machen. So gelingt Herbert zum Beispiel eine präzise Charakterisierung des wilhelminischen Zeitalters anhand einer punktgenauen Beschreibung der namensgebenden Person selbst: "Wilhelm verkörperte hier den prägenden, 'modernen' Typen seiner Zeit: den Aufsteiger und Karrieristen, der nach Geltung und Prestige drängte, und doch der Neureiche ohne Bodenhaftung und ruhiges Selbstwertgefühl blieb – kompensiert durch das Militärisch-Schneidige, das nun bis zum Überdruss gesteigerte Preußisch-Zackige, verbunden mit Arroganz, Untertanenmentalität und lautem Hurrapatriotismus" (49).

Die fünf Kapitel orientieren sich, so Herbert, an den zentralen politischen Daten des 20. Jahrhunderts: 1918, 1933, 1945, 1973, 1990 (vgl. 21). Für das Verständnis der einzelnen Epochen jedoch wählt er die Jahre 1900, 1926, 1942, 1965 und 1989/90 als Fixpunkte seiner Argumentation. Dieser Perspektivwechsel, so unwesentlich die Akzentverschiebung auf den ersten Blick auch erscheinen mag, verleiht dem 20. Jahrhundert eine neue Struktur, wie man sie bisher noch nicht in kompakter Form vorgefunden hat und die überraschend neue Antworten auf die Fragen an die Vergangenheit bietet. Vom Kaiserreich bis zum Sieg der liberal-marktwirtschaftlichen Weltordnung mitsamt anschließender Ausartung der globalen (Finanz-)Märkte, die ab 2007/08 die Welt an den Rand des Abgrundes und darüber hinaus führte; egal, ob man als Leser die Vergangenheit als Epoche an sich verstehen möchte oder in der Geschichte Antworten auf die Fragen nach dem aktuellen Weltgeschehen sucht: "Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert" ist schon jetzt das Standardwerk für diese Zeit, welches in keinem auch nur im Ansatz geschichtsinteressierten Haushalt fehlen darf.
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am 13. Juni 2014
Hervoragend, spannend trotz der engen nationalstaatlichen Perspektive. Multiperskektive Darstellung konroverser Bereiche 1. Welkrieg, Nationalsozialismus -hier besonders die Person Hitler. Hervorragend die Vorlaufgeschichte 1968. Beachtlich die gegenwärtige Offenheit.
Eine gute Basis für Schüler im Leistungskurs Geschichte, beachtlich für Studenten im Grundstudikum und natürlich für Gymnasiallehrer.
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am 30. September 2015
Interessante an allgemeinen gesellschaftspolitischen Zusammenhängen orientierte Geschichtsschreibung, gut lesbar, verständlich, die für den Zeitgenossen neue spannende Einsichten bereithält. Sehr empfehlenswert.
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