In seinem Buch Europäische Esskultur" behandelt Gunther Hirschfelder soziale und kulturelle Rahmen im Hinblick auf Essverhalten und Nahrungsauswahl. Das Buch ist nach historischen Epochen gegliedert und folgt diesen im chronologischen Verlauf. Beginnend mit den ägyptischen Hochkulturen, der griechischen Antike und dem Zeitalter des Römischen Reiches beleuchtet Hirschfelder dann Mitteleuropa zu den Zeitaltern Mittelalter und Neuzeit.
Hirschfelder beruft sich teils auf eigene Arbeiten zitiert aber auch eine große Zahl von Arbeiten anderer Autoren. Das Buch ist verständlich und übersichtlich geschrieben und erfordert keine Vorkenntnisse.
Trotz der Gliederung nach historischen Epochen, ist die Chance, eine Art von Evolution des Essverhaltens erkennen zu können, dem Leser nicht gegeben, da die einzelnen Kapitel stets verschiedene Aspekte behandeln. Ferner werden wichtige Kenntnisse anderer Autoren zu diesem Thema nicht berücksichtigt. Zahlreiche inhaltliche Schwächen trüben das Lesevergnügen und werfen mehr Fragen auf, als dass sie beantwortet würden.
Hirschfelder selbst betont oft die schlechte Informationslage auf seinem Arbeitsgebiet. Vor diesem Hintergrund erscheinen manche Stellungnahmen als allzu pauschalisiert, manchmal schlicht trivial und nicht selten münden seine Aussagen in Widersprüche. Manche Stellungnahmen sind nicht ausreichend mit Zitaten untermauert und nicht selten erscheinen sie schlecht, zumindest oberflächlich und unvollständig, recherchiert und reflektiert.
[So erfährt der Leser, Fleisch, Agrarerzeugnisse, Garten- und Sammelfrüchte waren die wichtigsten Nahrungsmittel" im frühen Mittelalter (S.99). Solche Behauptungen sind trivial denn diese Nahrungsmittel waren seit der Sesshaftigkeit des Menschen stets Grundnahrungsmittel.
Hirschfelder behauptet, der stete Mangel war das Kennzeichen des Frühmittelalters schlechthin" (S. 104) um anschließend (S. 105) darzustellen: gab es einen zeitweiligen Überschuss an Nahrungsmitteln". Im Kapitel zum Hochmittelalter: und das Fleisch verdrängte das Getreide als Hauptkalorienlieferant" (S. 117) um danach zu berichten denn vielerorts wurde der Verzehr großer Fleischmengen zum Privileg der Reichen". Ähnlich widersprüchlich schreibt er zum frühen Mittelalter: Fleisch stand im Zentrum der Ernährung" (S. 99) um anschließend zu widerlegen trotz des hohen Fleischkonsums bildete das Getreide doch das Rückgrat der frühmittelalterlichen Nahrungsversorgung".
Im Kapitel zum frühen Mittelalter, wirft Hirschfelder die scheinbar eigentümlich Frage auf, dass der Schwan nicht als Nahrungsmittel überliefert ist. Dabei wird nicht genannt, dass der Schwan keine einheimische Vogelart ist und der Leser erfährt nicht, wann diese Art Mitteleuropa überhaupt erreichte.
Zum Hochmittelalter zieht der Autor zahlreiche, oft allzu dürftige Schlussfolgerungen aus der Analyse eines einzigen Bildes (S. 130). Doch ein Abgleich mit anderen Quellen versäumt er, sodass seine Aussagen als fragwürdig und unkritisch erscheinen.
Weitere Unklarheiten, Oberflächlichkeiten und Widersprüche ziehen sich durch die anderen Kapitel]
Europäische Esskultur" behandelt ein sicherlich sehr spannendes und wichtiges Thema. An manchen Stellen erfährt der Leser tatsächlich einige interessante Aspekte von Ernährungskultur, die sich von der heutigen deutlich unterscheidet und beeinflusst so das Bewusstsein. Doch bleibt aufgrund der genannten, meiner Meinung nach gravierenden Schwächen kein positiver Eindruck zurück, sodass ich dieses Buch nicht weiterempfehlen kann.
Raphael Mainiero