Der Göttinger Sozialwissenschaftler BASSAM TIBI legt mit diesem Buch eine ausführliche Erläuterung seines Konzeptes eines EURO-ISLAM vor, den er seit 1992 in verschiedenen Büchern und Aufsätzen bereits mehrfach skizziert hat.
Dieses Konzept dient der Integration von Muslimen in die europäische Wertegemeinschaft und schlägt Brücken zwischen einem ghettoisierten SCHARIA-ISLAM-der in einer "Offenen Gesellschaft" NICHT zugelassen werden kann- und einem diffusen MULTIKULTURALISMUS, der seine Unkenntnis und Indifferenz gegenüber weltaunschaulichen Konflikten als Toleranz ausgibt.
Dabei klärt BT knapp aber fundiert über grundlegende Begriffe des Islam auf. Begriffe, die man kennen muss, um über den Gegenstand substantiell diskutieren zu können.
Die Lektüre macht deutlich, wie erschreckend gering das Wissen deutscher Politiker und auch vieler deutscher Journalisten über dieses Thema ist.
Hier wird das Thema seit Jahren moralisierend auf gesinnungsethischer Grundlage diskutiert, ohne die Fakten zur Kenntnis zu nehmen.
Auch die bisherigen ISLAM-KONFERENZEN werden als Alibi-Veranstaltungen demaskiert, die nur schöne Bilder für das TV liefern und die eigentlichen Probleme ausklammern.
Der Reihe nach.
Der Untertitel lautet: "Die Lösung eines Zivilisationskonfliktes".
Was ist damit gemeint?
Der Islam ist nicht nur eine Religion sondern auch eine Weltzivilisation. Jede Kultur hat ihre eigenen Weltbilder. Ihr eigenes Wertesystem. Ein Wertesystem kann mit einem anderen in Konflikt geraten. Dies geschieht im Zeitalter globaler Migration.
Die grösste Zuwanderergruppe nach Europa stellen Menschen muslimischen Glaubens dar. Im Augenblick sind es 23 Millionen. (Zum Vergleich: 1950 waren es 800 000.)
Die entscheidende Frage für BT ist: WELCHER ISLAM kommt nach Europa?
Im klassischen Islam-Verständnis ist "Hidrja" (Migration) an "Dawa" (Missionierung zum Islam) gebunden. Damit einher geht die Forderung vieler Muslime (vor allem der konservativ ausgerichteten Verbände auch in Deutschland) nach Geltung der SCHARIA., zumindest in Teilbereichen (siehe "SCHÄCHTEN" von Tieren).
Beides - DAWA und SCHARIA- ist nach BT zurückzuweisen, da sich dieser Islam NICHT mit den Werten eines säkularen Gemeinwesens, wie es Europa darstellt- verträgt.
Ausserdem: Die SCHARIA ist kein unabdingbarer Bestandteil des Islam- sie ist eine POSTKORANISCHE KONSTRUKTION!!!
Näheres kann man im ausführlichen 3.Kapitel des Buches nachlesen.
Jede Zivilisation hat ihr eigenes Wertebewusstsein. Das Selbstverständnis Europas ist spätestens seit der Renaissance+der Aufklärung hellenistisch-säkular- NICHT abendländisch-christlich! Leider wurde die "Leitkultur-Debatte" damals unter christlichen Aspekten geführt!
Der Zivilisationskonflikt findet zwischen 2 Weltanschauungen statt, die beide universale Geltung beanspruchen.
Dieser Zivilisationskonflikt ist real und KEINE ERFINDUNG von Samuel Huntington! (siehe meine Besprechung von "Kampf der Kulturen", Titel: "Die Debatte leidet bis heute unter einer falschen Übersetzung". Fehlerhaft gepostet unter "Ultimate Manilow". Aber diese Rezensionen sind auch von mir).
Der Einwand, ein Islam ohne DAWA+SCHARIA wäre kein "reiner Islam" mehr, geht fehl.
Jede Religion-auch der Islam- hat historisch unterschiedliche Formen hervorgebracht. Bis auf die "5 Säulen des Islam"( Glaubenbekenntnis, Gebete, Wallfahrt nach Mekka, der Ramadan, das Almosen) ist ALLES wandelbar+interpretierbar.
Dies zeigen die unterschiedlichen Ausprägungen des afrikanischen+asiatischen Islam, beispielsweise in Indonesien.Hier wurde der Islam "indegenisiert", d. h. heimisch gemacht und mit kulturellen Traditionen des aufnehmenden Landes vermischt.
Das ist vollkommen legitim und ein ganz normaler historischer Vorgang.
Muslime begreifen sich vielfach immer noch als KOLLEKTIV einer UMMA (der Gemeinschaft aller Gläubigen). Diese UMMA, die immer wieder von Islamisten beschworen wird, ist jedoch eine Fiktion, die in der historischen Realität nie eine Entsprechung hatte.
BT fordert Muslime auf, sich als INDIVIDUEN zu begreifen, um sich in ein säkulares Gemeinwesen zu integrieren und eine EUROPÄISCHE BÜRGERIDENDITÄT anzunehmen.
Was sind nun die Kernpunkte seines EURO-ISLAM?
Es sind
(1) Trennung zwischen Religion+Politik
(2) Säkulare Demokratie
(3) Individuelle (NICHT kollektive) Menschenrechte
(4) Säkulare Toleranz gegenüber Andersdenkenden+Andersgläubigen
(5) Zivilgesellschaft
(6) Pluralismus, der kulturelle Vielfalt an die Akzeptanz einer GEMEINSAMEN Werteorientierung bindet!
Diese Werteorientierung ist für BT das GG und die Werte einer "Offenen Gesellschaft". Vielfalt, Toleranz+Religionsfreiheit haben da ihr Grenzen, wo sie diese Werte kontrahieren!!! (Zwangsheiraten, Kopftuch, Ehrenmord, Einfordern KOLLEKTIVER Rechte, ...etc.).
Hier wird der Unterschied zwischen einem indifferenten MULTIKULTURALISMUS und einem KULTURPLURALISMUS deutlich: während der Multikulturalismus mit seiner Wertebeliebigkeit der Bildung von "gated communities" (Parallelgesellschaften) Vorschub leistet, bietet der Kulturpluralismus die Möglichkeit, Vielfalt friedlich zu leben.
Kürzer: MULTIKULTURALISMUS führt zur SEGREGATION - KULTURPLURALISMUS führt zur INTEGRATION
das ist nicht nur eine rhetorische Unterscheidung, sondern hat weitreichende praktische Konsequenzen, je nachdem, für welches Konzept man sich entscheidet!
Aber nicht nur die Muslime habn hier eine Bringschuld, sondern auch der deutsche Staat+die deutsche Gesellschaft. Auch sie müssen Muslimen endlich das Gefühl geben, willkommen zu sein. Integration ist mehr als ein deutscher Pass und Dönerbuden-und Bauchtanz-Folklore.
Ein Hindernis besteht darin, dass Deutschland Zugehörigkeit immer noch weitestgehend ethnisch versteht und nicht werteorientiert im Sinne von "Citoyenne" (Staatsbürgerschaft im Sinne der Annahme von Werten eines Gemeinwesens).
Zu den "Islam-Konferenzen": Hier geben sich deutsche Politiker noch immer mit rhetorischen Floskeln seitens der islamischen Verbände zufrieden. Sie sind froh+glücklich, wenn diese sich zum GG bekennen.
Einen Satz später wird dieses Bekenntnis als rhetorische Floskel entlarvt, wenn der "Koordinierungsrat der Muslime" die SCHARIA für unverzichtbar erklärt.
Dem ist entschieden entgegen zu treten, da sich ein SCHARIA-ISLAM+die Werte einer offenen säkularen Gesellschaft vertragen, "wie Feuer+Wasser" (BT).
Die Begründung auszuführen, würde hier jetzt den Rahmen sprengen. Das kann jeder selbst nachlesen.
Die "Islam-Gipfel" leiden auch daran, dass Personen, deren Ansichten nicht "politisch korrekt" sind, ausgeladen werden. So zum Beispiel BASSAM TIBI. Andere, wie NECLA KELEK oder SEYRAN ATES, spielen leider nur eine marginale Rolle.
Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die islamischen Verbände in Deutschland NUR 15% der hier lebenden Muslime repräsentieren, obwohl sie den Eindruck vermitteln, sie würden FÜR ALLE sprechen. Dieser Eindruck ist falsch.
Ein erster richtiger Schritt war die Einführung eines religionsneutralen Werteunterrichts wie in Berlin.
Die Vermittlung von Grundkenntnisssen über Geschichte+Kultur des Islam MUSS zukünftig AUCH (nicht nur) in deutsche Hände. Man darf es nicht Imamen aus der Türkei alleine überlassen.
Die dazu erforderlichen Lehrkräfte sind schnellstens auszubilden. Hier darf nicht am falschen Platz gespart werden. Man hat diese Problematik über 3 Jahrzehnte übersehen bzw. ignoriert!
Es wird Zeit, dass die deutsche Politik die Migrationsproblematik jenseits von moralisierender Gesinnungsethik rational diskutiert. Dass sie diese Problematik im Sinne einer "fait social" , einer "sozialen Tatsache" (Emile Durkheim) anerkennt.
Die Lösung dieser Frage ist für Deutschland und für Europa von existentieller Bedutung.
Das Buch von BASSAM TIBI bietet hier wertvolle Orientierung.
Johannes Disch