Eugen Ruge |
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Interview mit Eugen RugeMit seinem Debütroman In Zeiten des abnehmenden Lichts hat Eugen Ruge den Deutschen Buchpreis 2011 gewonnen. Der 57-jährige Autor, studierter Mathematiker, Theaterautor und Übersetzter, erzählt darin eine (ost)deutsche Familiengeschichte über vier Generationen hinweg, eine Geschichte der Auslöschung, des Untergangs eines Systems, des abnehmenden Lichts. Wir sprachen mit Eugen Ruge, der in Berlin und auf Rügen lebt, unter anderem über Mathematik, die Buddenbrooks, das Schreiben, natürlich seinen Roman und darüber, wie wichtig der Blick zurück in die Vergangenheit ist. Frage: Sie sind der Gewinner des Buchpreises 2011. Herzlichen Glückwunsch! Hatten Sie mit so einem Erfolg Ihres Romandebüts In Zeiten des abnehmenden Lichts gerechnet? Eugen Ruge: Das fragen Sie einen Mathematiker? Man kann es ausrechnen: 1/6 das entspricht einer Wahrscheinlichkeit von knapp 17% Wahrscheinlichkeit, den Preis zu gewinnen, wenn man auf der Shortlist steht. Frage: Mit dem Preisgeld des Alfred-Döblin-Preises 2009 für Teile des Vorabmanuskripts von In Zeiten des abnehmenden Lichts konnten Sie, damals in einem finanziellen Engpass, das Häuschen Ihrer Familie auf Rügen retten und sich Zeit für Ihr Schreiben "leisten". Gibt es schon Verwendungspläne für das Buchpreis-Preisgeld 2011? Eugen Ruge: Wenn das Geld reicht, kaufen wir vielleicht eine Wohnung. Das klingt ganz bürgerlich, aber die GEWOBAG, die der Stadt gehört, verdonnert uns schon das zweite Mal in fünf Jahren zu 20% mehr Miete. Offenbar hängt das damit zusammen, dass die Politik für unseren Kiez die Bezeichnung "Milieuschutzgebiet" erdacht hat. Ich nehme an, dass die Reichen vor dem Pöbel geschützt werden müssen, der vorher hier gewohnt hat. Das heißt dann rot-rote Wohnungspolitik (aber Rot-Schwarz wird daran erst recht nichts ändern). Frage: Sie sind studierter Mathematiker, haben lange als Theaterautor und Übersetzer gearbeitet und legen nun, mit 57 Jahren, ihr Debüt vor. Was hinderte Sie so lange Zeit daran, dieses Buch zu schreiben? Eugen Ruge: Zehn Jahre meines Lebens habe ich mit der Mathematik verbracht. Dann habe ich als Theaterautor gearbeitet. Die DDR als Stoff wurde erst nach der Wende für mich wieder interessant. Ich habe dann ein Theaterstück über meine Großeltern geschrieben, aber das war ein zu enger Rahmen für die ganze Geschichte. Dann ist mein Vater gestorben, als letzter des Familienclans. Mir ging der Nachlass durch die Hände und so manche Erinnerung durch den Kopf. Und schließlich hat mich ein wohlmeinender Arzt mit einer Krebsdiagnose erschreckt, die sich zwar irgendwann als falsch erwies, mir aber den letzten Anstoß gegeben hat. Frage: Sie haben lange nach der passenden Form gesucht, der Erzählbarkeit dieser Familiengeschichte- und auch Zeitgeschichte der DDR. Wie viele Versuche, Umkreisungen, Annäherungen und Verwerfungen gab es und wie fanden Sie zu der jetzigen Form? Eugen Ruge: Als ich den festen Entschluss gefasst hatte, das Ding zu schreiben, habe ich noch etwa ein Jahr über die Form, die Sprache, die Erzählerhaltung nachgedacht. Der Stoff ist ja ziemlich komplex, und es bedarf eines starken Formwillens und großer Disziplin, ihn so zu erzählen, dass er gut lesbar ist. Es geht ja nicht darum, zu zeigen, wie klug ich bin. Dass mein Hirn funktioniert, habe ich mir im Mathematikstudium ausreichend bewiesen. Es geht darum, eine Form zu finden, in der die Geschichte aufgeht. Die Form, auch die sprachliche Form, ist dann gelungen, wenn sie sich selbst zum Verschwinden bringt, anstatt immerzu auf sich aufmerksam zu machen. Frage: Gleich zu Anfang Ihres Romanes lernen wir den demenzkranken Kurt, Vater der Hauptfigur Alexander Umnitzer, kennen. Ihre realistische, sehr genaue Beschreibung der Verwirrtheit Kurts, der auf alles nur noch mit "Ja" antwortet, fesselt, zieht in das Buch hinein und stimmt darauf ein, dass es um Verfall, Auslöschung, das abnehmende Licht geht. Wie fanden Sie zu dieser eindringlichen Szene? Eugen Ruge: Das haben Sie schön beschrieben, genau das habe ich versucht. Ich habe mit dem Ende der Geschichte begonnen, und zwar nicht weil ich das schick finde, sondern weil es eben ein Rückblick ist – ein Rückblick in die Geschichte der Familie, die im verfallenden Haus der Eltern tatsächlich eine Art Ge-Schichte ist: Ablagerungen, Sedimente. Es gibt reichlich Anlässe für diese oder jene Assoziation, die ich dem Protagonisten nicht aufdrücken muss. Da der Protagonist andererseits nicht alles zu Ende denkt, sich nicht an alles an Ort und Stelle erinnert, entstehen Schneisen in die Vergangenheit, der Leser beginnt sich für diese oder jene Geschichte, für diesen oder jenen Gegenstand zu interessieren: Was hat es damit auf sich? Wie war das damals? Das alles entsteht von selbst, ohne Tricks, wenn man das richtige Kapitel an die richtige Stelle setzt. Aber das ist nicht so einfach. Frage: "So lange wir erzählen können, gibt es Hoffnung." (Zitat Eugen Ruge) Was macht diese Hoffnung für Sie aus und warum ist sie mit dem Erzählen verknüpft? Eugen Ruge: Habe ich das so gesagt? Ich würde lieber sagen: Es ist sinnstiftend. Egal, ob man an Gott glaubt oder nicht, es gibt einem das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, wenn man Erfahrungen weiterergibt. Es gehört zu den großen Problemen unserer heutigen Gesellschaft, dass die Überlieferung, das Weitergeben von Generation zu Generation gestört ist. Nach dem Krieg kam das Schweigen der Elterngeneration. Heute glauben die Jungen, die Alten hätten ihnen nichts mehr zu sagen, weil die nicht wissen, wie man einen Facebook- Account einrichtet. Das ist schade, weil der Blick zurück nötig ist. Man ist ein Teil seiner Geschichte, auch seiner Familiengeschichte. Frage: Sie erzählen mit vielen kleinen Geschichten "große" Geschichte, die Geschichte der DDR. Beim Lesen der Szenen entsteht das Gefühl, als sehe man Teile eines Theaterstückes. Der Vorhang geht hoch und wir erleben Kurt und Alexander in der Wohnung. Der Vorhang hebt sich und wir sehen Familie Umnitzer beim Feiern zu. Der Vorhang hebt sich und Alexander geht durch Straßen in Mexiko. Schlaglichter, die sich als Buch zu einem beeindruckenden Ganzen verweben und in einer berührenden Dichte Geschichte anhand von (Familien)Geschichten erzählen. Wie haben Sie es geschafft, das Buch so zu komponieren? Läuft so ein Prozess bewusst ab, intuitiv? Eugen Ruge: Es ist natürlich eine Mischung aus Intuition und Denken. Ich versuche nie, Denken in Geschichten zu übersetzen, so nicht. Aber ich denke oft lange darüber nach, warum mir eine Idee gekommen ist: Was soll das, was bedeutet das? Die Idee kommt spontan, ohne Intuition wäre alles nichts. Aber dann kommt das Nachdenken, auch das Probieren, und dann erwächst daraus die nächste Idee. Es ist schon ziemlich anstrengend. Frage: Eigentlich glauben Sie nicht daran, dass man die Wirklichkeit realistisch erzählen kann, so sagten Sie es in einem Interview. Warum haben Sie es trotzdem versucht? Eugen Ruge: Meine erste Prosaarbeit vor dreißig Jahren, war ein postmodernes Traktat, das sich selbst ständig als literarische Konstruktion entlarvte. Ich fand es damals auch irgendwie chic, darüber schockiert zu sein, dass die Welt sich in Sprache nicht fassen lässt. Es gibt keinen Realismus. – Na und? Das ändert nichts daran, dass Geschichten erzählt und weitererzählt werden. Das ist das generative Moment, über das ich vorhin schon sprach. Es geht um Sinnstiftung. Frage: Ihr Roman umfasst (ostdeutsche) Geschichte über vier Generationen hinweg. Für Urenkel Markus wirkt das Kapitel DDR aber schon als etwas, das wenig mit ihm selbst zu tun hat. Macht Ihnen diese Geschichtsferne der jüngsten Generation Unbehagen oder ist sie fast schon notwendig, um erstmal Abstand zu gewinnen? Eugen Ruge: Es sind natürlich nicht alle jungen Menschen geschichtsfern. Ich treffen auch welche, die gut informiert sind, die über die Geschichte Bescheid wissen, die sich interessieren. Seltsamerweise sind genau die, die sich für die Geschichte interessieren, auch die, die sich für die Zukunft interessieren, also dafür, was aus unserem Planeten wird. Gleichgültigkeit gegenüber der Vergangenheit zieht Gleichgültigkeit gegenüber der Zukunft nach sich. Da sehen Sie, wie wichtig Schreiben ist. Frage: Die Diagnose einer Krankheit hat bei Ihnen ausgelöst, lange mit sich getragene Wünsche/Projekte anzugehen, also dieses Buch zu schreiben. Wie befreiend war dieses Angehen für Sie? Eugen Ruge: Ja, das Buch hat mich befreit. Ich habe es als Aufgabe empfunden. Ich habe zu meiner Frau gesagt, auch wenn es fünf Jahre dauert (es waren dann drei), auch wenn es vielleicht keiner druckt, ich muss das jetzt machen. Wenn ich das nicht versuche, werde ich mir das nicht verzeihen. Sie hat das verstanden, und ich habe angefangen, ohne Rücksicht auf unsere wirtschaftlich eher schwierige Situation. Frage: Ihr Roman wird immer wieder mit den Buddenbrooks verglichen – passender Vergleich für Sie? Eugen Ruge: Thomas Mann erzählt vom Untergang einer Familie und darüber hinaus dem Zerfall einer alten Ordnung. Auf dieser Ebene kann man die Bücher vergleichen. Über die Bedeutung meines Buches werden jedoch die urteilen, die nach uns kommen. Sicher scheint mir, dass Bücher in Zukunft ohnehin an Bedeutung verlieren werden. Sicher ist auch, dass mein Buch in vieler Hinsicht ganz anders ist als die Buddenbrooks. Zwischen Mann und mir liegt mehr als ein Jahrhundert Literaturgeschichte, es gab Krisen und Strömungen. Inzwischen ist die Avantgarde Tradition. Die letzte Revolution war vielleicht die Wiederentdeckung des Narrativen. Alle Romane der Shortlist, abgesehen vom Ich-Erzähler Buselmeiers und von zwei kleinen Außer-der-Reihe-Kapiteln bei Lewitscharoff, scheinen auf den ersten Blick auktorial erzählt. Es ist aber komplizierter. Klüssendorf und ich verwenden so etwas wie "erlebte Rede", erzählen aus der Figuren-Perspektive. Auch vom linearen Erzählen Manns bin ich weit entfernt, wenn ich, avantgardistische Techniken "tradierend", die Zeitebenen verwebe. Frage: Gibt es schon Stoff für ein neues Buch, an dem Sie gedanklich oder konkret arbeiten? Eugen Ruge: Diese Frage, die mir nach dem Buchpreis ja häufig gestellt wird, zielt meistens auf den Verdacht, dass ich mich leergeschrieben hätte. Ich sage mal so: Ich schreibe seit zwanzig Jahren, auch wenn es bisher vor allem Theaterstücke und Hörspiele waren, übrigens über die verschiedensten Themen: Über Wendeverlierer, über Gert Bastian und Petra Kelley oder über den schizophrenen Ibrahim Böhme usw. Ich werde vermutlich schreiben, solange ich lebe und gesund bin, und vermutlich werde ich nach meinem Erfolg weiter Prosa schreiben. Wenn sich am Ende meines Lebens herausstellen sollte, dass In Zeiten des abnehmenden Lichts das Wichtigste, das Bedeutendste war, was ich geschrieben hab – na und? Mit dieser Vorstellung könnte ich, glaube ich, leben. Und sterben. Interview: Ulrike Bauer, Literaturtest |
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