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Selbstporträt mit Kamera
Péter Nádas als Photograph und Essayist
«An und für sich ist das alles einfach wie eine Ohrfeige», schreibt Péter Nádas: «Bilder, die auch nur einen einzigen Menschen zu einem anderen führen, sind heilig und stellen ein Mysterium dar. Bilder, die mit einer anderen Absicht herumgezeigt werden, sind dagegen unheilig und gehören zum Götzendienst.» Ob indes die eigenen Photographien diesem «theologischen» Anspruch genügen? Es mag ein Zweifel gewesen sein, der den 1942 in Budapest geborenen und seit Mitte der achtziger Jahre in der südungarischen Abgeschiedenheit von Gombosszeg lebenden Schriftsteller lange Zeit davon abhielt, sein diesbezügliches uvre der Öffentlichkeit vorzulegen. Dass es ein solches geben musste, konnte man biographischen Angaben entnehmen: 1961 bis 1963 arbeitete Nádas als Bildreporter für eine Illustrierte, 1965 bis 1968 als Journalist bei einer Regionalzeitung. 1969 schlug er vier Jahre nach seinem Erzähldébut den Weg des freien Schriftstellers ein. Seit dem monumentalen «Buch der Erinnerung» (1986, dt. 1991) gilt Nádas als einer der massgeblichen europäischen Gegenwartsautoren. Was nicht heisst, dass er aufgehört hätte zu photographieren: Die Aufnahmen, die nun unter dem Titel «Etwas Licht» in einer auratisch-schlichten, mit meditativer essayistischer Prosa ergänzten Edition vorliegen, sind zwischen 1958 und 1998 entstanden.
Kunst der Konzentration
Nein, als «Ohrfeigen» mag man Péter Nádas' Schwarzweiss-Photographien zunächst schwerlich empfinden. Zur Ästhetik der Überwältigung fehlt ihnen so gut wie alles provokante Motive, schräge Perspektiven, harte Schnitte, schreiende Kontraste. Im Gegenteil: Die Bilder vermitteln Konzentration und Sachlichkeit; jedes Pathos, aber auch jeder Zeitgeist ist ihnen fremd, was sich in einer grossen Kontinuität der künstlerischen Handschrift niederschlägt. Die späten Aufnahmen sind von den frühen nur schwer zu unterscheiden. Ohne jede Stilisierungsgebärde lassen sie sich auf nächste Wirklichkeiten ein und geben im Zusammenspiel mit den (meist) autobiographischen Texten fast immer auch Privates preis. Als Produkte der Imagination bleiben sie gesättigt von Lebenserfahrung, ganz wie es Nádas gegen die zeitgenössische Tendenz zur Sterilisierung und Brutalisierung und für eine Ästhetik der Verantwortung fordert, die Inhalt und Form in Einklang bringt. Mag der idealistische Kunstbegriff «zusammen mit dem Humanismus in der Asche der Krematorien» von Auschwitz zerfallen sein, so entbindet dies den Künstler keineswegs der Differenzierung. Oder, wie es Nádas paradox formuliert: «Schwarz von schwarz unterscheiden.»
Als gebe es eine ewige Gegenwart, so präsentieren sich hier Menschen und Landschaften, Zimmer und Stadtansichten, und nur die sporadischen Selbstbilder geben den Blick frei auf den Fluss der Zeit. Wohl dokumentiert Nádas öffentliches Leben, etwa wenn er Bauern bei der Arbeit, Dorfbewohner bei Festen, Kinder beim Spiel, Menschen im Wirtshaus aufnimmt. Aber bereits in der Musikakademie oder in der Heilanstalt für motorisch behinderte Kinder kippen die Bilder in jene Innenwelten, die Nádas' eigentliche Stärke ausmachen. Er ist ein introvertierter Photograph, der weniger von der Sache als von ihrer Erscheinung her denkt. «Es interessierte mich weniger der Gegenstand selbst als der Lichtstrahl, das Lichtbündel, das den Gegenstand charakterisiert. Des brechende Licht, das Zusammentreffen von Hell und Dunkel, die gleissenden Kanten.» Finsternis ist das Primäre auffällig oft fällt der Blick durchs Fenster nach aussen. Gesichter und Gegenden geraten Nádas unfehlbar zu epischen Landschaften der Seele. Nicht zufällig ist ihm alles Grelle zuwider.
Man kommt nicht umhin, Nádas' Aufnahmen vor dem Hintergrund seiner «düsteren Geschichtserfahrungen» zu betrachten zu denen als Kontrapunkt das an den Beginn gestellte, utopisch aufgeladene Verlobungsbild der Urgrosseltern Eugénie und Moritz von etwa 1863 (dieser hatte als Jude erfolgreich den Weg der Emanzipation eingeschlagen) steht. Nádas' Photographien blenden alles explizit Politische aus, doch dringt das Malaise des Realsozialismus wie der Moderne durch die Ritzen herein. So erscheint die Dorf- und Landschaftsidylle stets bedroht, und nichts könnte die unheimliche Heimat besser charakterisieren als der Kontrast zwischen den Sommerbildern in der Plattenbausiedlung von der lasziv auf dem Balkon dahin gestreckten Lebensgefährtin und dem Block gegenüber, in dem in dieser Nacht ein Mord geschieht.
Text und Photographie wirken hier glücklich zusammen, wie denn manch eine Aufnahme erratisch bleibt ohne Erläuterung. Als überragender Menschenbildner zeigt sich Nádas auch im Poetischen: Mit wenigen parataktischen Strichen vermag er anhand von Details die Aura von Personen zu vermitteln, etwa jene der Berufskollegin Marta Rédner, die es mit der ephemeren Kunst des Photographierens so flüchtig nahm, dass sie Nádas als Objekt entglitt. Eine Hommage erfahren sodann die Bewohner von Gombosszeg, ein mythischer Menschenschlag, der im Austausch von Individuum und Gemeinschaft, Natur und Zivilisation ganz eigene Gesetze pflegt. «Geheimnisse gibt es kaum, wahrscheinlich gibt es jedoch mehr Rätsel als anderswo» wie jenen ausladenden, wilden Birnbaum vor Nádas' Haus, der im Wechsel der Jahreszeiten jene Ruhe und Ordnung birgt, die den Menschen im Glauben an deren Herstellbarkeit längst abhanden gekommen ist.
Mit der Aufmerksamkeit des Melancholikers hat Nádas in den siebziger Jahren auch Berlin in seinen Leerstellen und Lebenslügen erlebt. Was im Osten der dämmrige jüdische Friedhof (seit 1938 verwüstet und übersät mit Sperrmüll im Zustand doppelter Schändung), ist im Westen der Grunewalder Bahnhof mit Geleisen ohne Anschluss und einer Holocaust-Gedenktafel, die immer von neuem zerstört wird. Gemeinsam sind beiden Stadtteilen das intensive Nichtwahrnehmen der Mauer und die zwanghafte Gemütlichkeit bzw. Lockerheit in einem nuklearen Biedermeier. Im Kino zelebriert die studentische Westjugend zu Werbefilmen ihren Ungehorsam gegen die kapitalistische Warenwelt Probleme, von denen man jenseits der Mauer abends hinter abgeschlossenen Zimmertüren im bläulichen TV-Licht nur träumen kann. So wie Nádas' Vermieterin, die stets vorgibt, nur Radio zu hören, und sich erst offenbart, als das Ungeheuerliche Ereignis wird: die Heirat der englischen Queen.
Die gegenseitige Ausschliessung westlicher und östlicher Wahrnehmung ist wiederkehrendes Thema von Nádas' politischen Essays, die nun unter dem Titel «Heimkehr» vorliegen (der Band enthält auch poetologisch-existentielle Glanzstücke). Damals wie heute erkennt der Autor seine Heimat im Dazwischen: «Mein Zuhause war das von Stacheldraht umgebene, verminte, leicht unter Beschuss zu setzende Niemandsland (. . .) totes Gelände; wo die Grundgesetze des europäischen Denkens nicht funktionierten, weil der Traum von Freiheit eingezäunt war.» Hart ins Gericht geht Nádas dabei mit der Ideologie der friedlichen Koexistenz zwischen Demokratie und Sozialismus, die auf der Grundlage eines «relativierenden pragmatischen Denkens» moralisch daherkam, die Knechtschaft der osteuropäischen Völker aber real akzeptierte. Freilich, so Nádas, finde sich auch kaum einer im Osten, der damals der Dämonie des Faktischen widerstanden hätte.
Kosovo als Wende
Nach 1989 hat sich für Nádas die Logik dieser geschichtlichen Situation perpetuiert. Während sich «die geistige Elite Westeuropas durch zwanghafte Dissimulation» der Verantwortung für den ganzen Kontinent entledigt, löst jene Osteuropas das Problem durch «fortwährende Simulation». Was auch in der Kunst fehlt, ist eine Vorstellung vom europäischen Menschen, die dessen historische Leiderfahrung produktiv macht und den «in den Rang von Universalien erhobenen Egoismus der Nationen» überwindet. Die Kosovo-Intervention brachte für Nádas eine Wende: Hatte er angesichts der herrschenden Indifferenz im Bosnien-Krieg den moralischen Bankrott des Westens diagnostiziert, so erblickt er in der gewaltsamen Durchsetzung der Menschenrechte gegenüber einem souveränen Staat das Ende des Autismus und das utopische Signal für eine neue europäische Ordnung.
Vieles ist Peter Nádas: ein Dichter, der bildet; ein Melancholiker, der sich einmischt; ein Intellektueller, der sich aussetzt. Auch Texte, die entzweien, können «heilig» sein. Da meditiert einer und grübelt und wird plötzlich frappierend deutlich. Es soll «Ohrfeigen» geben, die Offenbarungen gleichkommen.
Andreas Breitenstein