Svealena Kutschke ist mir seit einer gemeinsamen Veranstaltung an meiner Universität im Jahre 2010 persönlich bekannt. Sie ist eine sensible, bescheiden auftretende, auffällig zu Schwarztönen neigende und ohne Zweifel ziemlich begabte Fabulierkünstlerin und ich hoffe, falls sie das hier irgendwann zufällig liest, nimmt sie mir nicht krumm, dass ich mit ihrem Werk einfach überhaupt nichts anfangen konnte. Es beginnt schon mit dem sinnlosen Titel (einem Auszug aus einem der Elfchen, die die Protagonistin gern gemeinsam mit ihrem Bruder dichtet) und dem sagenhaft dämlichen Titelbild. Immerhin spielt die Geschichte in Australien, dem Kontinent der exotischen Postkartenmotive - alle vom Verlag ignoriert zugunsten von Fischen an der Wäscheleine, die mit der Handlung nun wirklich nichts zu tun haben, es sei denn, damit soll die halluzinogene Wirkung bestimmter Drogen visualisiert werden.
Damit sind wir beim zweiten Problem: Die Hauptfiguren dieses Buches sprechen Zigaretten, Wein, Kokain und Hasch in einem Maße zu, dass es einfach nicht mehr schön ist. Und Kutschke lässt eigentlich erschreckend wenig kritische Distanz zu diesem morbiden Milieu erkennen, sie nähert sich ihm durch häufiges Abdriften in Gossenjargon ("Die Luft stand so dicht zwischen den Häusern, dass ich die Hundepisse in den Gassen roch" ist noch ein harmloses Beispiel) vielmehr so stark an, dass von einem "schöngeistigen" Werk wahrlich nicht mehr die Rede sein kann. Denn ein Schöngeist interessiert sich auch dann nicht für Hundepisse, wenn es irgendwo nach ihr riecht. Mich hat dieser vulgäre Gestus jedenfalls gewaltig abgestoßen. Ein weiterer thematischer Schwerpunkt ist eine Promiskuität, bei der nicht nur die Identität des Partners, sondern auch sein Geschlecht eine zu vernachlässigende Rolle spielt: ganz schön abgründig. Natürlich wandert so was heute nicht mehr auf den Index für jugendgefährdende Schriften, aber gestört hätte es mich ehrlich gesagt auch nicht. Ich hätte wenigstens vor der Lektüre gewusst, was mich erwartet:
Nachdem sie ihren Freund B auf tragische Weise verloren hat, reist die Ich-Erzählerin Lisa nach Sydney, wo sie insgesamt elf Monate verbringt. Über diese elf Monate erstreckt sich die Handlung des Buches. Lisa arbeitet aushilfsweise als Kellnerin und wohnt bei Marc, dem Ex-Freund ihres homosexuellen Bruders Elias. Sie lernt dessen Freunde Nick und Ben kennen. Marc und Nick trauern wie Lisa verflossenen Lieben hinterher. Zu Nick, einem exzentrischen Künstler, der in seinem "Danger-Museum" mobile Ausstellungen veranstaltet, fühlt sie sich hingezogen, aber für eine neue Beziehung ist er nicht bereit. Mit Ben, der sich als perverser Wüstling entpuppt, hat sie eine exzessive Sex-Affäre. Eines Tages findet Lisa auf der Straße ein Schwarzweißfoto, das eine Doppelgängerin von ihr in einer Milchbar zeigt. Sie glaubt sogar, es handle sich um sie selbst. Aber zum Zeitpunkt der Aufnahme war sie gar nicht in Australien. Nick gelingt es, die Bar zu finden. Lisa trifft den Tätowierer Mora, in dessen Geschichte mit Lucy, ihrer Doppelgängerin, sich Lisas Geschichte mit B, die der Roman in zwischengeschalteten Rückblenden etappenweise enthüllt, auf geheimnisvolle Weise doppelt. Denn wie B ist Mora ein Mann, der eine Frau sein möchte. Schließlich begeben sich Lisa, Mora und Marc auf eine Reise in die australische Wüste (Alice Springs, Ayers Rock). Im Anschluss daran trennen sich ihre Wege: Elias trifft ein, Marc und Nick können ihre zerbrochenen Beziehungen kitten und die Ankunft ihres Bruders wird für Lisa zum Anlass, Sydney hinter sich zu lassen.
Der Roman spielt überwiegend vor der (absolut austauschbaren) Kulisse Sydneys und die einzige Überraschung darin ist die, dass es keine gibt: Das vermeintliche Mysterium um die doppelte Lisa, aus der sich immerhin etwas Spannendes hätte machen lassen, erweist sich als grandiose Luftnummer. Wie das rätselhafte Bild entstand und warum Lucy aussieht wie Lisas Zwillingsschwester, bleibt so ungeklärt wie so vieles andere in diesem Buch. (Wie funktioniert eigentlich ein "Sudden Smith"?) Ein kurzes Telefonat zwischen Lucy und Lisa gibt mehr Rätsel auf, als es löst. Ich habe ja kein Agatha-Christie-Finale erwartet, aber wenn ein Autor so ein Riesenfass aufmacht, es dann aber einfach offen in der Gegend herumstehen lässt, hat das für mich etwas von nicht eingelöstem Versprechen, insbesondere wenn ich mich ersatzweise mit der Welt von Trans- und Homosexuellen auseinander setzen muss, einer Welt, die mich tatsächlich nicht mehr anzieht als stinkende Fische an der Wäscheleine. Irritierend fand ich auch die sprunghafte, unepische Erzählweise und den Mangel an Lokalkolorit: Erst bei der Schilderung des Ausflugs in das Hinterland kommt überhaupt ein Gefühl für Land und Leute auf. Sydney-Flair vermittelt der Roman dagegen überhaupt nicht.
Was einzig für den Roman einnimmt - und wenn mich die Geschichte nicht so enttäuscht hätte, wäre das auch noch einen Stern wert gewesen -, ist die ingeniöse, experimentierfreudige, auf schöpferische Weise witzige und geistreiche Sprache, mit der die Ich-Erzählerin Lisa vor allem sich selbst immer wieder ironisch betrachtet und begutachtet. Großartig die Schilderung der Großmutter, die auf einen Telefonanruf reagiert wie auf einen Besuch an der Haustür und sich so lange schick macht, bis der Anrufer aufgibt.
Doch die schönste Verpackung nützt nichts, wenn der Inhalt nicht überzeugt oder sogar, wie in diesem Fall, wegen der unkritischen Nähe zu anrüchigen Milieus für Naserümpfen sorgt. Ich würde in Anbetracht der vielen "Joints" und Kokain-Linien, die in dem Roman geraucht und geschnupft werden, als wäre es das Natürlichste von der Welt, jedenfalls nicht wagen, die Autorin für die Kampagne "Keine Macht den Drogen" gewinnen zu wollen.
Für Freunde von
Axolotl Roadkill und
Treffen sich zwei.