Auf diesen Seiten wird tendenziell etwas mehr gelobt als kritisiert, deswegen darf ich zunächst die Grundlagen meines positiven Urteils aufdecken: Ich kenne die Einspielungen von Bolet, Brendet, Arrau, Cziffra, Kissin (Teile), Richter usw. Dennoch hat mich die vorliegende Einspielung stärker als jede andere beeindruckt. Ich will dies an drei Sachgesichtspunkten festmachen:
1. Die überragenden manuellen Fähigkeiten der Pianistin lassen sich gut bei Etude Nr. 4 (Mazeppa) nachvollziehen. Der Notentext ist hier passagenweise in vier Stimmen notiert, weil Akkorde in den Außenlagen gespielt und dann praktisch ohne Pause in der Mittellage Terzenläufe folgen. Auch bei den Größten hört man hier leichte Verzögerungen zwischen den Akkorden und den Läufen. Nicht hier: Fast mühelos, absolut treffsicher und dabei noch außerordentlich musikalisch werden diese Passagen hier bewältigt. So entsteht mitreißend schöne Musik, der man die technischen Schwierigkeiten nicht anmerkt. Jeder wird meiner Einschätzung folgen, der nur den Anfang, die in dichter Folge, leidenschaftlich pointiert gespielten Appreggien gehört hat.
2. Etude Nr. 5 Feux follets stellt Höchstanforderungen an das jeu perle. Oft wird das Stück als plakativ und wenig musikalisch gescholten; dies hängt aber häufig damit zusammen, dass es den Spielern an den manuellen Fähigkeiten fehlt. Dann präsentiert sich dem Hörer eine Aneinanderreihung musikalischer Läufe ohne tieferen Sinn. Hier zeigt sich, was wirklich in diesem Stück steckt. Ott bringt die Irrlichter förmlich zum Leuchten. Es entstehen wunderbar irisierende Klangfarben, an denen man sich gar nicht satt hören kann.
3. Mir scheint diese Einspielung schließlich als die musikalischste. Die Pianisten steht so deutlich über den technischen Herausforderungen, dass sie schwere Stücke wie Mazeppa zum Klingen bringen kann. Sie entwickelt aber eigene musikalische Vorstellungen auch von den anderen, eher im Schatten stehenden Nummern wie Paysage, Harmonies du Soire und vor allem Vision. Mag der ein oder andere meine enthusiastische Einschätzung für übertrieben halten, was ja stets Geschmacksache ist: Dass hier die beste Einspielung von Vision vorliegt, lässt sich schlicht nicht diskutieren: Das dunkel bedrängende Moment und die großartig düstere Stimmung stehen hier vollkommen im Vordergrund und gehen nicht wie so häufig in Akkorden unter. Für jede Etüde hat Ott ein Konzept, und ich finde, alle zwölf gehen auf.
Welch ein Ausnahmetalent, und dazu eines aus Deutschland! Manuelle Fähigkeiten dieser Art sind selbst bei Konzertpianisten äußerst selten anzutreffen. Vielleicht gab es in der gesamten Zeit der Tonaufzeichnungen 5 bis 10, die in dieser Liga spielten. Alle anderen machen um diese Musik einen großen Bogen. Ich bin mehr als gespannt auf das Lisztkonzert und Tschaikowsky, die bald in Deutschland erscheinen werden und empfehle die Einspielung jedem, der die Liszt-Etüden bisher als musikalisch belanglose Nebenwerke eingeschätzt hat: Ihm werden die Ohren übergehen! Dies ist eine der Platten, die man haben muss, auch wenn man ansonsten nur Bach oder die Klassiker hört!