Marc-André Hamelin wird gern als "Titan" der Klavierwelt bezeichnet, und tatsächlich dürfte es, was die reine Virtuosität angeht, derzeit kaum jemanden geben, der es mit ihm aufnehmen kann. Und da der Mann alles spielen kann, was je geschrieben wurde, hat er sich längst auch auf die entlegenere (bis entlegenste) Klavierliteratur gestürzt. Nun also legt er erstmals, was nur folgerichtig zu sein scheint, Selbstkomponiertes vor - zwölf Etüden in allen Molltonarten, genau genommen, die auch als Notenausgabe erschienen sind und vermutlich so manchen hoffnungsvollen Eleven in stille Verzweiflung stürzen werden. Vielleicht sind diese Etüden - ich habe sie inzwischen auch live im Münchner Herkulessaal zusammen mit Schumanns grandios vorgetragenem Carnaval-Zyklus gehört - doch eher ein Fall für Musikwissenschaftler und solche, die sich für Musik als Hochleistungssport begeistern können. Erstere werden sich am Anspielungsreichtum, den diversen Zitaten und dem eigenen klugen Erkennen erfreuen, Zweitere werden sich wohl darüber begeistern, mit welch famoser, tatsächlich artistisch anmutender Technik hier zum Beispiel drei Chopin-Etüden "übereinander geschichtet" (also gleichzeitig gespielt) werden. Abgesehen vom theoretischen Erkenntnisgewinn, den Berufenere sicher besser nachvollziehen können, bleibt jedoch für mich, was die (live noch viel mehr als auf CD beeindruckende) Technik angeht, nicht viel mehr übrig als kaltes Staunen: Emotional ergreift mich diese Musik nicht und nirgends, was natürlich auch an mir selbst liegen kann. Und je länger ich den (nicht als zusammenhängenden Zyklus komponierten, sondern im Lauf von 25 Jahren quasi "nebenbei" entstandenen, erst nachträglich "geordneten") Etüdenzyklus höre, desto mehr sehne ich mich nach einer einfach, schlichten, vielleicht gar naiven, aber halt doch: Melodie.