Die aktuelle Situation der Soziologie in Deutschland ist im Grunde beschämend. Immer noch lesen sich viele Publikationen so, als hätte sich die Soziologie in den letzten Jahrzehnten überhaupt nicht weiterentwickelt. Wie in vielen anderen Wissenschaftsfeldern hinken wir leider auch hier den USA hinterher. Wenn beispielsweise über ethnische Kolonien gesprochen wird, dann meist aus einer Außensicht heraus, die der deutschen Soziologie so eigen ist.
Immer noch gibt es kaum einen Soziologen in Deutschland, der sich die Mühe macht, sich Zugang zu ethnischen Kolonien zu verschaffen, der nötig ist, um fundierte Ergebnisse liefern zu können. So müssen wir immer wieder Publikationen lesen, von Soziologen, die über Communities sprechen, die sie nicht kennen und deswegen auch nicht verstehen können.
Auf der anderen Seite müssen wir uns gerade in der Soziologie und auf dem Feld der Integrationsforschung mit so genannten "Islamkritikern" herumschlagen, die offensichtlich gar kein Interesse an einer differenzierten Darstellung haben. In Ermangelung anderer "Insider" wird ihnen praktisch blind vertraut. Leider sprechen sie das aus, was so viele so gerne hören möchten und erhalten eine Öffentlichkeit, die zumindest aus ihrer Arbeit selten gerechtfertigt ist. Nur müssen wir uns über eins im Klaren sein: Diese "Islamkritiker" haben eine eigene Agenda, sie lösen unsere Probleme in Deutschland nicht. Das allerdings ist es, was wir dringend benötigen: Problemlösungen.
Genau das leistet hier Rauf Ceylan mit seiner Dissertation. Als Sohn türkischsprachiger Kurden hat er den Zugang, der anderen fehlt und er nutzt ihn sinnvoll. Im Stile von William Foote Whyte (Street Corner Society) vorgehend, liefert er mittels qualitativer Sozialforschung ein Bild der ethnischen Kolonie, das bisher ganz einfach gefehlt hat. Hier wird deutlich, wie komplex die Situation ist, wo sich Möglichkeiten, aber auch Gefahren ergeben könnten. Die Arbeit bietet sozusagen die Grundlage, auf der nun weitere Forschung aufgebaut werden muss. Es ist traurig, dass es so lange gedauert hat, aber nun ist es wichtig, die dargelegten Probleme möglichst intensiv anzugehen.
Ceylan untersucht Moscheen und Cafés im Duisburger Stadtteil Hochfeld, Ausländeranteil: 40%. Der Stadtteil steht exemplarisch für ethnischen Kolonien, die es so oder ähnlich wohl in nahezu jeder Großstadt in Deutschland gibt. Er stellt heraus, welchen Einfluss diese Einrichtungen auf den Stadtteil haben und wie sie selbst durch ihn beeinflusst werden. So haben beide Einrichtungen seit den 70ern enorme Wandlungen durchgemacht, die bisher so gut wie gar nicht bekannt waren.
Weiterhin zeigt Ceylan Möglichkeiten auf, um die Potentiale, die der ethnische Kolonien innewohnen zu nutzen, anstatt sie zu verkennen. Im Spiegel der hier zusammengetragenen Erkenntnisse wird deutlich, welch enormer Schaden angerichtet wird, wenn Politiker weltfremd von Deutschpflicht in Moscheen sprechen und meinen, damit etwas für die Integration leisten zu können.
Jahrelang wurde seitens der Regierung einfach geleugnet, was Tatsache ist: Deutschland ist ein Einwanderungsland. Diese irrationale Leugnung hat der Integrationspolitik erheblichen Schaden zugefügt, der sich in den ethnischen Kolonie manifestiert. Ceylan ist es zu verdanken, dass in der Migrations- und Integrationsforschung endlich eine bedeutende Lücke geschlossen wurde und nun belastbares Material existiert, auf das sich auch die Politik bei weiteren Maßnahmen stützen kann. Bei den weiterhin vorhandenen großen Defiziten in diesem Bereich bleibt zu hoffen, dass Ceylan der Forschung auf diesem Gebiet treu bleibt.