K.A. Appiah, Philosophie-Professor in Princeton, hat ein essayistisches Buch geschrieben, das 'die Arbeit des Moralphilosophen ['] mit der Tätigkeit von Wissenschaftlern aus einigen anderen Fachgebieten und mit den Fragen ganz gewöhnlicher, nachdenklicher Menschen zu verknüpfen' (9) versucht.
Um dieses Ziel zu erreichen, vertritt Appiah eine Sicht des Naturalismus, die sowohl eine strenge Autonomie des Ethischen als auch das Programm einer vollständig naturalisierten Ethik ablehnt und stattdessen für eine offene Kooperation zwischen Moral und Wissenschaft votiert (193). Appiah selber versteht sich als neoaristotelischer Verfechter einer Ethik der eudaimonia (Glückseligkeit), die ihre Vorstellung vom Guten 'aus Experimenten mit dem Leben mehr ['] als aus philosophischen Experimenten' (209) gewinnt. Die 'moralischen Wissenschaften' Psychologie, Ökonomie, Anthropologie und Soziologie sollen dabei ebenso behilflich sein wie Künste und Musen.
Das 1. Kapitel ('Der ausgetrocknete Burggraben') warnt vor einer gegenwärtigen Abkehr der Philosophie vom Experiment bei gleichzeitiger Hinwendung zu apriorischer Begriffsanalyse und antipsychologistischer Abgrenzung gegenüber anderen Fachgebieten. Dadurch gehe der praktische Charakter der Moral und das angemessene Verständnis ihrer empirischen Kontexte verloren.
Im 2. Kapitel, einer 'Fallstudie zur empirischen Moralpsychologie' (10), argumentiert Appiah, dass die moralphilosophisch wiederentdeckten Tugenden kein Pendant 'in den meisten realen Menschen' (45) zeigen. Dieser scheinbare Widerspruch sei jedoch nur mit der Situationsabhängigkeit menschlichen Handelns zu erklären, während Philosophen meistens die charakterliche Disposition dafür verantwortlich machten. Beides müsse relativiert werden, da 'für unser Wohlergehen das, was wir sind, ebenso wichtig ist wie das, was wir tun' (71). Hier könnten die Ergebnisse der Moralpsychologie 'klären helfen, was an der Tugendethik wertvoll' (77) sei: 1. Sie verdeutlicht uns, dass wir nur zu dem verpflichtet sind, was wir auch realisieren können. 2. Sie verschafft uns Wissen über unsere eigene Psychologie. 3. Sie lenkt uns auf Institutionen in der Welt, die zur Tugend führen.
Kapitel 3 beschäftigt sich mit der Rolle moralischer Intuitionen. Wie moralische Entscheidungsexperimente bewiesen hätten, ließen sich unsere Intuitionen über das richtige Handeln von irrelevanten Faktoren wie der Konzentration auf den jeweils günstigsten oder schlimmsten Fall leiten, seien also ein schlechter Ratgeber. Auch hier würden Erklärungen empirischer Forschung bei der Entscheidung helfen, wann wir auf unser Gefühl achten sollen und wann nicht.
Das 4. Kapitel erkundet 'eine sozialwissenschaftliche Typologie der moralischen Emotionen', mit dem Ziel, die kulturelle und begriffliche Prägung des natürlichen Gefühls in Ansatz zu bringen. Für deren Begründung zieht Appiah sechs Grundkategorien des Psychologen Jonathan Haidt heran, 'Module', die ''blitzartige' Eingebungen der Billigung oder Missbilligung auslösen' (135) sollen: Mitgefühl, Gegenseitigkeit, Hierarchie, Reinheit, Außenseiter und Heilige. Solche elementaren subjektiven Gefühlsreaktionen seien aber nur fallweise auch Bewertungen, die gute Gründe liefern. Im Übrigen zeige sich an der 'soziale[n] und expressive[n] sprachlichen Praxis' (164) unserer moralischen Bewertungen die soziokulturelle Vielfalt moralischer Erfahrungen.
Das Schlusskapitel entwickelt die 'Ziele der Ethik'. Zunächst müsse ein zureichendes Verständnis der aristotelischen eudaimonia sowohl von 'bloße[r] subjektive[r] Befriedigung' (171) als auch von subjektiven Gefühlszuständen abgegrenzt werden. Glückserfahrungen müssten auch tief und real sein, um wertvolle Lebensziele verkörpern zu können. Und sie sollten 'mit menschlich nachvollziehbaren Werten vereinbar sein' (175).
Appiah schafft es, ein komplexes und differenziertes Bild von der gegenwärtigen Moralphilosophie des Neoaristotelismus zu entwerfen, anschaulich, mit vielen plastischen Beispielen ausgestattet und auch für interessierte Laien verständlich formuliert. Wer tiefer eindringen will, kann den umfangreichen Anmerkungsapparat zu Rate ziehen, der für das Textverständnis jedoch nicht notwendig ist.
Eigenwillig ist die Unterscheidung zwischen Moral als Bereich dessen, zu dem wir anderen Menschen gegenüber verpflichtet sind, und Ethik als Theorie des guten Lebens. Denn meistens wird Ethik als Reflexion oder Theorie des Moralischen begriffen. Diese Option hängt zusammen mit Appiahs eindeutiger Bevorzugung der aristotelischen Tugendethik gegenüber moderneren, etwa deontologischen oder utilitaristischen Ansätzen ' trotz seiner ständigen Suggestion, alle gängigen Positionen seien für ihn irgendwie wichtig und wertvoll.
Warum eigentlich müssen 'wir alle unser Leben gemeinsam gestalten' (208)? Kann nicht jeder sein eigenes Leben führen und die Andersartigkeit weiterer Lebensformen einfach zulassen? Wir können gar nicht alle an dem einen 'ethischen Projekt der Lebensgestaltung beteiligt' (ibid.) sein, weil es unendlich viele solcher Projekte gibt, und das ist auch gut so. M.E. ist es auch gar nicht nötig, Ethik auf 'das Projekt der eudaimonia' (209) als angeblich einziger Sinnerfüllungsmöglichkeit einzuengen. Es genügt vollauf, mit einem universalistischen Konzept, z.B. dem kategorischen Imperativ Kants, sicherzustellen, dass jedermanns Lebensregeln mit denen anderer Menschen zwanglos vereinbar sind. Darüber lässt sich allgemeingültig diskutieren, über Glück hingegen, wie Kant wohl wusste, nicht.
Dr. Ulrich Müller (Berlin)