So begründet Robert Spaemann die Herausgabe dieses Bandes philosophischer Texte zur Ethik, der vor allem mit Blick auf die Schule konzipiert wurde. Keine Frage aber, dass die Lektüre für jedermann lohnend ist, der sich nicht zufrieden geben will mit dem, was "man" denkt und auch nicht glaubt, dass er von sich aus genügend über Ethik und Moral Bescheid weiß.
Der Aufbau des Buches und die Auswahl der Texte folgen einer inneren Logik. Zuerst einmal wird die fundamentale Frage nach der Ethik gestellt, was sie ist und sein soll. Dabei werden, wie in jedem Abschnitt, Texte von der Antike bis zur Moderne nebeneinander gestellt. (Nebenbei: Dieses Verfahren ist wie kaum ein anderes geeignet, um die Modernität und Aktualität antiker Autoren, wie etwa Platon und Aristoteles, zu demonstrieren).
Kaum hat man ein Bewusstsein von der Natur des Problems bekommen hat, wird sogleich die gesamte Ethik in Frage gestellt: Ist sie nicht ausgedacht von typischen Verlierertypen, während die Starken sich ohnehin ihr eigenes Recht herausnehmen und sich ihre eigene Moral geben? Wunderbar, wie man hier in die intellektuellen Verwicklungen des Gorgias-Dialoges von Platon hineingezogen wird.
Es folgt eine Auseinandersetzung mit der ewigen Frage, die gerade heute aus naturwissenschaftlicher Sicht erneut wieder dringlicher denn je gestellt wird: Hat der Mensch einen freien Willen oder ist er letztlich durch Anlage und Umwelt, Umstände etc. determiniert? Es wäre gut, wenn gerade Menschen, die von den neueren naturwissenschaftlichen Erkenntnissen her argumentieren, sich die Mühe machen würden, sich mit den Texten von Bergson und Scheler aus der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts auseinanderzusetzen, die mit ihren fundamentalen Überlegungen eine Lanze für die Willensfreiheit des Menschen gebrochen haben.
Das Thema wird ausgeweitet auf "Recht und Gerechtigkeit" und "sittliche Verhältnisse", also Politik und Gemeinschaft, um dann in einem Schlusskapitel mit der Frage abzuschließen, was Glück und Moral miteinander zu tun haben. Hier findet dann im Zusammenhang mit dem Utilitarismus eine Auseinandersetzung mit der Ethik statt, die moralisch richtiges Verhalten immer nach den Folgen eines Tuns beurteilen will.
Die verbindenden und einleitenden Texte sind nicht nur für sich genommen sehr gut lesbare und lesenswerte Abhandlungen über die allgemeinen Probleme und Themen der Ethik, sondern auch ausgezeichnete Einführungen in die philosophischen Texte, die dann jeweils in Auszügen vorgestellt werden. Die Lektüre dieses Buches leitet zu einer stetigen Auseinandersetzung mit einer Unzahl moralisch-ethischer Aspekte an, sie kann Ordnung in das eigene Denken bringen und es erweitern, und das Beste: Man kann gewonnene Erkenntnisse und Fragestellungen unmittelbar auf die eigene Lebenspraxis anwenden.