Seit mindestens 20 Jahren versuche ich zu verstehen, warum ich immer mal wieder dramatisch ab- und zunehme. Dieses Buch lieferte mir gleich mehrere sinnvolle Erklärungsansätze.
Herr Pollmer zeigt zwar polemisierend, jedoch sicherlich fundierter als der typische "Ernährungsratgeber", dass die jahrzehntelange bewusste oder unbewusste (nicht jeder Mediziner ist ein geborener Statistiker) Missachtung gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse der Ernährungswissenschaft zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem geworden ist. Allerdings nicht, wie meist propagiert, weil wir alle immer dicker werden, sondern eher, weil wir genau davor zuviel Angst haben. Er warnt davor, Ursache und Wirkung zu verwechseln, und widerlegt nach und nach die meisten der populären Ratschläge, die jeder Dicke des Öfteren von seinen schlanken Zeitgenossen bekommt, als unnütz, unzulässig verallgemeinernd oder gar schädlich.
Auch für den interessierten Laien sind - wie in seinen anderen Büchern auch - vermutlich ein paar Neuigkeiten dabei, was das Buch generell lesenswert macht. Außerdem tragen der sarkastische Unterton sowie der gezielt eingesetzte Zynismus zu einem gewissen Unterhaltungswert bei.
Er schlägt dabei das erklärte Feindbild, die Pharmaindustrie, die Ernährungsindustrie und deren wissenschaftliche und politische Handlanger mit den eigenen Waffen: Durch Interpretation von Statistiken. - Leider schafft er damit ein Problem: Die Zielgruppe kann den Wahrheitsgehalt der Aussagen kaum überprüfen. Und selbstverständlich verdienen er und sein (übrigens gemeinnütziges) Institut mit dem Werk Geld. Aber: Er ist niemandes Lobbyist, und das ist etwas Wert angesichts enormer wirtschaftlicher Interessen, die mit diesem Thema assoziiert sind. Er redet auch nicht den Dicken (inklusive seiner selbst) nach dem Mund; er lässt sie vielmehr mit den gewonnenen Erkenntnissen allein. Genau dies ist ein weiteres Problem aus meiner Sicht: Wie können die Folgen des Schlankheitswahns bekämpft werden? Oder anders: Was macht ein magersüchtiges Mädchen (oder ein stark Adipöser) nach der Lektüre? Sozialverträglich ableben kann es doch wohl nicht sein. Da reichen auch die Hinweise in seinen anderen Büchern nicht aus.
Der Vorwurf, das Buch sei zu polemisch oder zu unwissenschaftlich kann meines Erachtens nicht gelten: Eine gewisse Massentauglichkeit kann erst erreicht werden, wenn Zusammenhänge verständlich erklärt werden, und es ist nur recht und billig, bei der Verteidigung des eigenen Standpunkts die gleichen Stilmittel einzusetzen wie die offizielle Gegnerschaft – wenn Frau Künast es vielleicht einfach auch nur nicht besser weiß, ebenso wenig wie Herr Seehofer übrigens.
Auch der Vorwurf, er erteile den Dicken einen Freibrief, auf dass sie weiterhin allen Müll in sich reinfressen sollen, ist haltlos: Er warnt bereits sehr lange vor den falschen Lebensmitteln. Und wenn bewiesen wurde, dass es nicht die Pommes sind, die Kinder verfetten lassen, sondern eher Eltern, die dieses verhindern möchten, und dass der Sportzwang nicht etwa schlank macht, sondern Aktivitäten im späteren Leben eher unterbindet, dann muss sich der Hausarzt von nebenan schon fragen lassen, ob er mit seinen bestimmt wohlgemeinten Ratschlägen nicht eine sich selbst erfüllende Prophezeiung schafft.
Interessant wäre nun ein halbwegs öffentlich ausgetragener wissenschaftlicher Diskurs zum Thema. Dass dieser wohl mal wieder nicht entsteht, untermauert allerdings nur Pollmers Thesen. Er könnte ja Recht haben. Dann müssten in der Tat viele Ernährungswissenschaftler, Diätassistenten und Personal Trainers umdenken und hätten in der Folge weit weniger interessante Verdienstquellen. Wer wollte das verlangen?
Bin ich nun geheilt vom Diätwahn? – Ganz sicher nicht. Werde ich wieder radikal abnehmen (wollen)? Ganz sicher nicht. Versuche ich, „normal“ zu werden? Ganz bestimmt. Deswegen meine hohe Wertung für dieses Buch.