Während die meisten Menschen (und leider auch Therapeuten) Essstörungen noch immer als eine einfache Macke sehen und Betroffene glauben machen wollen, dass ihr Leben sich schlagartig verbessern würde, wenn sie doch nur normale Essgewohnheiten an den Tag legten, so geht dieses Buch einen völlig neuen Ansatz.
Es zeigt auf, dass nicht der mangelnde Wille zum Essen oder Nichtessen die Ursuche für weitere psychische Krankheiten ist, sondern das gestörte Essverhalten lediglich ein "gescheiterter Selbstbehandlungsversuch" der Betroffenen für bereits lange vor Ausbruch der Essstörung bestehende psychischen Auffälligkeiten ist. Die Autorin macht deutlich, dass keine Therapie erfolgreich sein kann, wenn Sie den Patienten zwingt, seine Essstörung aufzugeben, solange dieser für seine "psychische Stabilität" noch darauf angewiesen ist. Vielmehr ist es wichtig, ein Augenmerk auf die Ursachen zu legen; dabei werden sowohl die Persönlichkeit, aber auch gesellschaftliche und ganz besonders neurologische Aspekte betrachtet. Hierbei verweist die Autorin immer wieder auf einen häufigen Zusammenhang von Essstörungen und einer angeborenen Reizüberflutung des Gehirns, welcher mit einem stetigen Mangel der Botenstoffe Serotonin, Dopamin und Nor-Adrenalin einhergeht und Betroffene somit empfindsamer und stressanfälliger macht, die persönliche Frustrationstoleranz herabsetzt die Steuerung der Gefühle erschwert.
Essstörungen sind "kein isolierten psychischen Störungen, sondern multikausal bedingt durch eine angeborene Veranlagung", die in der Summe zu "Dauerstress" und "durch ständig erlittene Mikrotraumatisierungen" sich langsam von der "anfangs nur psychischen Beeinträchtigung" zur "psychosomatischen Krankheit" entwickeln.
Dieses Buch hilft sowohl Betroffenen als auch Angehörigen eine Krankheit zu verstehen, die vielen Menschen bisher nicht begreiflich ist. Es macht Mut, indem es neue Therapieansätze aufzeigt, die auch "alten Therapiehasen", die die Hoffnung bereits aufgegeben haben, neue Aspekte und Ursachen ihrer Erkrankung nahelegt. Als Betroffene kann ich nur empfehlen, dieses Buch sämtlichen Angehörigen einmal in die Hand zu drücken - danach wird auch ihnen vieles klarer sein. Dies ist das mit Abstand beste und hilfreichste Buch zum Thema, das ich bisher gelesen habe!