Jeff Lemires zweite Geschichte aus dem Essex County Zyklus ist doppelt so lang wie die Vorgänger Story. Das ist Lemire Raum genug nahezu das ganze Leben seiner Hauptfigur auf gut 200 Seiten auszubreiten. Er erweist sich einmal mehr als fantastischer Erzähler und Zeichner der in wenigen Bildern das Wesentliche herauszuarbeiten versteht.
Die Geister die den am Ende seines Lebens stehenden, nahezu tauben und mit Anzeichen von Verwirrung kämpfenden Lou verfolgen, sind Erinnerungen aus seinem Leben. Ereignisse rund um seine Leidenschaft: Eishockey, und wie dieser Teil von ihm zu Entscheidungen beigetragen hat, die bestimmend für seinen Weg durchs Leben wurden.
Lou macht seinen Traum wahr, geht in die Großstadt und schafft es sich im Profisport, in der Eishockey Liga zu etablieren. Sein jüngerer Bruder Vince, der talentiertere Eishockey Spieler, der ein furiose Saison in der Junior League gespielt hat, wird als 18jähriger in die Profimannschft in der Lou spielt, aufgenommen. Vince ist das Talent, Lou der hart arbeitende, solide, aber nie überragende Spieler.
Vince genießt zwar die Zeit als Hockeyprofi, sieht im Sport aber nie seine Zukunft, er will mit Freundin Beth, die ihn in die Stadt begleitet, die Farm der Eltern im ländlichen Essex County übernehmen.
Für Lou wird die gemeinsame Zeit mit Vince und Beth im Toronto der fünfziger Jahre zur schönsten seines Lebens. Die Ereignisse einer einzigen Nacht werden zum entscheidenden Dreh und Angelpunkt seines Lebens, das danach eine Wendung nimmt, die alle ändert.
Lemire verknüpft diese Erzählung locker mit Ereignissen und Personen des Vorgängerbandes, so dass Bezüge zu "Geschichten vom Land" entstehen.
Lemire lässt uns Lous Halluzinationen miterleben, wie er aus dem Jetzt in seine Erinnerungswelten abdriftet. Alle damit verbundenen Emotionen von Trauer, Reue, Scham, aber auch Freude und Wehmut fühlt man als Leser nach. Die Verschränkung der erinnerten Erlebnisse mit dem Geschehen um Lou, der aus seiner vertrauten Umgebung in ein Altenheim gehen muss ist sehr schön gelungen. Man wird in den Bann dieser Geschichte gezogen, weil Lemire es versteht uns das Leben von Lou und Vince nahe zu bringen. Wenn am Ende die Höhen und Tiefen des Lebens durchlaufen sind und Lou ein melancholische Fazit zieht, findet der Autor einen Kniff uns mit einem Lächeln aus der Geschichte zu entlassen.
Lemire lässt uns am Leben echter Menschen teilhaben, dass können auch namhafte Romanautoren oder Filmemacher nicht überzeugender als er. Die Gefühle seiner Figuren sind Dank Lemires Zeichnungen stets präsent und für innere Befindlichkeiten findet er wunderbare Bilder und Montagen. Sein leicht kratzig wirkender Strich mit den zur Zeit wohl markantesten Nasen, macht die Bilder unverwechselbar.
Inhaltlich, erzähltechnisch und gestalterisch ist der vorliegende Band auf Augenhöhe mit dem Besten was dieses oder andere erzählende Medien zu bieten haben. Sehr schön.