Amazon.de-Hörbuchrezension
Wer war dieser Montaigne, der von Voltaire bis Lessing, ja sogar von Goethe hochgeschätzt wurde? Flaubert legte ihn George Sand ans Herz mit den Worten, "lesen Sie ihn von Anfang bis Ende, und wenn Sie fertig sind, beginnen Sie von neuem".
1533 auf dem Schloß seiner Eltern bei Bordeaux geboren, pflegte der kleine Michel mit seinem deutschen Hauslehrer nur lateinisch zu parlieren, der Grundstein seiner Entwicklung, wie er später berichtete. In Paris studierte er Jura, führte ein Lebemanndasein und kehrte schließlich in seine Heimatstadt zurück, wo er als späterer Bürgermeister äußerst beliebt wurde. Aber im Grunde war dies nicht seine Welt. Dem Menschen in all seiner Rätselhaftigkeit gehörte seine Liebe. Nach ausgedehnten Reisen, Beobachtungen und Liebesaffären erkannte der Humanist Montaigne seine eigentliche Bestimmung.
1571 begann er mit der Niederschrift seiner Essais. Ursprünglich zur eigenen Selbstfindung gedacht, gerieten sie zu einer monumentalen Reflexion über den Menschen an sich. Dies fand naturgemäß nicht nur Freunde. "Geile Worte", "große Geschmacklosigkeiten", geiferten einige Kritiker. Was wunderts, hatte er doch neben solch erhabenen Gedanken über antike Philosophen und den idealen Staat noch reichlich Zeit, sich übers männliche Glied weitschweifig und klug zu äußern. Auch schien ihm die Beobachtung seiner nächtlichen Blähungen oder der Beischlaf mit Schwangeren durchaus erwähnenswert.
Völlig vorurteilsfrei und unaufgeregt, als einer, dem nichts Menschliches fremd ist, richtet Montaigne seine Gedanken auf vermeintlich kleine Dinge, die großen Denkern keinerlei Erwähnung wert gewesen wären -- und weist haarklein auf, wo das Leben in Wirklichkeit stattfindet. --Ravi Unger -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Buch der 1000 Bücher
Essays
OT Essais OA 1580 / 88 DE 1754Form Essay Epoche Renaissance/Humanismus
Mit seinen Essays (Stichwort R S. 779) begründete Michel de Montaigne eine neue Gattung. Das Werk leitete die französische Moralistik ein und wurde zum Wegweiser für die Schriften von u. a. Jean de La Bruyère (164596), François de R La Rochefoucauld und Blaise R Pascal.
Entstehung: Bereits 1580 waren die ersten 94 Kapitel in zwei Büchern erschienen. Vollständig war die Sammlung erst bei ihrer fünften Auflage von 1588. Da Montaigne ein unermüdlicher Verbesserer war, nahm er darin Marcel R Proust ähnlich bis zu seinem Tod handschriftliche Korrekturen in den Handexemplaren vor. Diese letzte Fassung erschien, herausgegeben von der Adoptivtochter, erst 1595. Insgesamt 22 Jahre arbeitete Montaigne an seiner großen Sammlung.
Inhalt: Montaigne hat seine Essays nicht thematisch geordnet; sie stehen vielmehr unverbunden hintereinander. Auch die Argumentation ist oft sprunghaft, da es Montaigne weniger auf Systematik als vielmehr auf eine universale Schau seiner Sicht auf die Welt und ihre Zusammenhänge ankommt. Montaigne schildert einen ganzen Kosmos von sittlichen Betrachtungen. Für die Beantwortung seiner oft moralischen Fragen kann er sich auf seine hervorragenden Kenntnisse literarischer und philosophischer Schriften stützen. Gleichzeitig finden sich zahlreiche Alltagsbeobachtungen und Skurrilitäten, die stets in übergeordnete Zusammenhänge seiner dem Skeptizismus nahe stehenden Weltanschauung eingebunden werden. Die Überschriften seiner Essays spiegeln bereits inhaltliche Programmpunkte: Von der Eitelkeit, Über das Gewissen oder Von der Eitelkeit der Worte. Nichts bleibt von seinen Beobachtungen ausgeschlossen; die Trunksucht wird ebenso erörtert wie die Möglichkeiten der Kindererziehung.
Für Montaigne steht der ganze Mensch im Vordergrund. Erst durch die Betrachtung seines Inneren und die dafür nötige Aufnahmebereitschaft kann er sich von allen äußeren Widrigkeiten erholen und zu sich selbst finden. Gerade indem Montaigne auf moralische Belehrungen verzichtet und an ihre Stelle seine persönlichen Erfahrungen setzt, gewinnen seine Aussagen Überzeugungskraft und eine gleich bleibende Aktualität. Indem er etwa seinen unzureichenden Stil, seine fehlende Anmut der Darstellung beklagt, weist er auf die grundsätzliche Relativität von Aussagen hin. Zu seinem selbst gewählten und oft zitierten Wahlspruch wurde daher die Frage: »Was weiß ich?«
Wirkung: Mit seiner direkten, unverblümten Schreibweise machte sich Montaigne gerade am Anfang nicht nur Freunde. Vor allem von Seiten der Kirche wehte den Essays ein mitunter eisiger Wind entgegen. Pascal monierte die eitle Selbstgefälligkeit und witterte sogar eine antichristliche Einstellung. Es waren vor allem die Moralisten, die das große Ideen-Kompendium zunehmend bewunderten. Nach einer kurzen Zeit schwindender Popularität wurden die Essays um 1724 wiederentdeckt. Dann nämlich traten mit R Voltaire und Jean-Jacques R Rousseau zwei namhafte Befürworter auf den Plan, die den Rang dieser Schriften nachdrücklich artikulierten. Noch im 20. Jahrhundert behauptete das Werk seinen Einfluss auf zahlreiche Essayisten. C. V. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .
Kurzbeschreibung
Klappentext
Berliner Zeitung
»Man kann Montaigne eine große Zukunft in unser aller innerem Haushalt voraussagen. Gut, daß wir jetzt den ganzen Montaigne entdecken können.«
Die Woche
»Glanzvoller kann der ganze Montaigne neu auf deutsch nicht in unsere Gegenwart treten.«
Frankfurter Rundschau
Über den Autor
Vorwort
Dieses ist ein aufrichtiges Buch, Leser. Es weist dich von Anfang an darauf hin, daß ich mir darin kein anderes als ein häusliches und privates Ziel gesetzt habe. Ich habe dabei keineswegs an deinen Nutzen und ebenso wenig an meinen Ruhm gedacht; zu einem solchen Vorhaben reichen meine Kräfte nicht aus. Ich habe es für den persönlichen Gebrauch meiner Verwandten und Freunde geschrieben, damit sie, wenn sie mich verloren haben (und darauf müssen sie bald gefaßt sein), darin einige Züge meiner Anlagen und Meinungen wiederfinden können und auf diese Weise die Kenntnis, die sie von meiner Person hatten, vollständiger und lebendiger nähren mögen. Wäre mir daran gelegen gewesen, die Gunst der Welt zu erringen, so hätte ich mich besser geschmeckt und würde mich in gelehrterem Gewande vorstellen. Ich aber will nur, daß man mich darin in meiner einfachen, natürlichen und alltäglichen Art erkennt, ganz zwanglos und ungekünstelt; denn mich selbst will ich beschreiben. Meine Fehler liegen darin offen zutage, auch meine ursprünglichen Anlagen, soweit mir die Rücksicht auf die Öffentlichkeit das erlaubt hat. Denn hätte ich zu jenen Völkerschaften gehört, von denen man berichtet, daß sie noch in der süßen Freiheit der ersten Gesetze der Natur leben, so versichere ich dir, daß ich mich sehr gern vollständig und hüllenlos gezeichnet hätte. Ich selbst also bin, O Leser, der Stoff meines Buches; und deshalb besteht kein Grund, daß du deine Muße für einen so unbedeutenden und nichtigen Gegenstand verwendest. Sei also Gott befohlen!
Geschrieben zu Montaigne, am ersten März 1580. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.