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Eskorta
 
 
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Eskorta [Gebundene Ausgabe]

Michal Hvorecky , Mirko Kraetsch
3.5 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (2 Kundenrezensionen)
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  Alle Preisangaben inkl. MwSt.
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Produktbeschreibungen

kulturnews.de

Aufstieg und Fall Bratislavas: Die slowakische Hauptstadt ist die eigentliche Protagonistin in Michal Hvoreckys Roman "Eskorta", vor 1989 ein erbärmliches Provinznest, nach der Wende das Zentrum eines ultraliberalen Wunderkindlandes, in der Zukunft (im Epilog, der den Roman unvermittelt zu gespenstischem Sciencefiction mutieren lässt) eine Fabrikationsstätte koreanischer Fahrzeugproduktion. Und mittendrin: Michal, zunächst arbeitsloser Schauspieler, dann Edelcallboy, schließlich (nach einem gebührend ekligen Geschlechtswechsel) treusorgende Mutter einer fleißig koreanisch lernenden Tochter. Vorneweg: "Eskorta" lockt als erotischer Roman, funktioniert aber auf der Ein-Mann-für-gewisse-Stunden-Ebene überhaupt nicht. Michals unzählige sexuelle Begegnungen bleiben blass, zeigen immer nur enthemmtes, ansehliches Fleisch, "zum Schluss schrie sie leidenschaftlich, stöhnte heftig und wand sich hin und her, heiß und verschwitzt", ewig so weiter. Stimmig dagegen ein Ausflug in den Norden der Slowakei, der unvermittelt zur Reise in die Hölle wird, in ein Gebirge, dessen heruntergekommene Dörfer einen Gegenpol zu den glitzernden Hauptstadtoberflächen bilden. Das kann Hvorecky: Städte beschreiben, Orte, Landschaften. Und über diese eine Geschichte erzählen, die soviel spannender ist als langweiliger 08/15-Sex. (fis)

Pressestimmen

"Hvorecky schreibt wie eine übermütige Mischung aus William Gibson und Michel Houellebecq." (Berliner Zeitung)

literature.de - Das Literaturportal, 12.03.09

Die Moral und Unmoral von der Geschichte ist witzig, geistreich und treffend in der karikierenden Skizzierung politisch sich ständig wandelnder Verhältnisse. Geldgier, Sexbesessenheit und Sucht sind die wahren Merkmale einer neuen Gesellschaft, die nie genug kriegen kann. Die Geschichte wird spritzig und rasant erzählt, und man darf sich köstlich amüsieren. Sozialkritik und Wirtschaftskritik im Wechsel mit einem recht zügellos dargestellten Leben bieten amüsante Unterhaltung. Die exakten und klaren Beobachtungen in Plattenbauten und auf Flughäfen, in Berlin-Kreuzberg und in Hotels der Spitzenklasse, in Davos, Portugal und fast überall auf der Welt ergänzen einen Lebensbericht, der zuletzt fast ins Absurde abgleitet. Wie es auf dem Einbandtext heißt:“ Michael Hvorecky hat einen grotesken Roman über das neue Europa geschrieben - politisch, sexy und exzessiv.“ Genau so ist es!

Rezension

»Ein ungemein schnelles, thematisch vielschichtiges und teilweise auch absurd-groteskes Buch über den (zumindest von Wien aus gesehen) ganz nahen Osten legt Michal Hvorecky mit seinem neuen Roman "Eskorta" vor.«

Rezension

»"Eskorta" lässt die Jahre der "totalen Ökonomie" in Form eines frivolen Schelmenstücks wiederauferstehen und ist darum genau die richtige, besinnliche Lektüre für unsere krisengeschüttelten Zeiten.«

Werbetext

»"Eskorta" ist ein wirklich faszinierender Roman. Der Held hat sich verkauft, sein Autor aber nicht. Großes Buch!«

Neue Rheinische Zeitung, 11.05.2009

»Ein unpolitisch politischer Roman, grotesk und dennoch (oder gerade deswegen) voller Realität«

Kurzbeschreibung

»Hvorecky schreibt wie eine übermütige Mischung aus William Gibson und Michel Houellebecq.« Berliner Zeitung

Der Osten ist der neue Westen! Michal Hvorecky hat den Roman zum neuen Europa geschrieben: die unglaubliche Geschichte von der Karriere eines Callboys an der Grenze zwischen Osten und Westen, zwischen Gegenwart und Zukunft.

Klappentext

Michal Kirchner ist Sprössling einer ungewöhnlichen Familie. Geboren aus der Zweckehe seiner homosexuellen Eltern muss er schon als Kind die skrupellose Überwachung durch den tschechoslowakischen Geheimdienst miterleben. Er flieht in den Westen und kehrt erst als junger Erwachsener in seine Heimatstadt Bratislava zurück. In der Metropole des neuen Turbokapitalismus beginnt seine Karriere in einem Begleitservice für reiche Managergattinen aus dem Westen. Michal Hvorecky hat einen ironischen und grotesken Roman über das neue Europa geschrieben - politisch, sexy und exzessiv.

Über den Autor

Michal Hvorecky, geboren 1976, lebt in Bratislava. Er hat bisher einen Roman und zwei Erzählbände veröffentlicht. In der FAZ und der ZEIT sowie zahlreichen weiteren Zeitschriften sind Essays und Geschichten von ihm erschienen.

Er ist der erfolgreichste slowakische Autor seiner Generation und wurde mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet.

Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

I. BRRRAATISLAVAAAA

Tell me if you can
What makes a man a man
Charles Aznavour

1.

Ich war schon immer davon überzeugt, dass ich als Frau besser ausgesehen hätte: ein ovales Gesicht mit blasser, glatter Haut und einer kleinen Nase, kerzengerade lange und schlanke Beine, ausladende Hüften, eine schmale Taille, hellblaue Augen, blondes Haar und weiße Zähne. Die festen Arme und breiten Hände waren zwar für große Gesten gemacht, doch blieben sie bei mir allzu sanft für einen Mann. Meine sterbliche Hülle wirkte trotz ihrer beachtlichen Größe von 1 , 91 Metern fragil. Die Schultern hätten wesentlich breiter sein müssen, der Brustkorb gewölbter, das Kinn schärfer geschnitten, die Wangenknochen markanter, der Blick energischer. Auch lange Haare hätten mir gut gestanden. Ich hatte fast keine Augen brauen und kein einziges Härchen in den Achselhöhlen. Meine Brust blieb verblüffend glatt.

Schon seit frühester Kindheit musste ich mir immer wieder Sätze anhören wie »Das könnte aber auch eine hübsche Tochter sein ! « oder »Du hättest wohl ein Mädchen werden sollen?«. Noch mit neun Jahren passierte es, dass mich auf Spaziergängen mit meinen Eltern Leute ansprachen: »Na, meine Kleine, wie heißt du denn ?« Wenn mein Vater sagte, dass ich Michal heiße, entschuldigten sie sich: »Verzeihung. Du bist also ein Junge? Wirklich? So ein goldiges und niedliches Kerlchen!«
Zwischen zwölf und dreizehn nahm mein Gesicht noch weiblichere Züge an. Die Veränderung meines Aussehens hatte zur Folge, dass mich Leute, die mich zuletzt mit elf gesehen hatten, entgeistert musterten. Es stach in die Augen. Auch meine Eltern hätten das bemerken müssen. Es machte den Eindruck, als könne sich meine männliche Identität nicht in vollem Umfang entfalten. So manches Detail, das andere an mir hervorhoben, betrachtete ich als Mangel. Sogar meine eigene Stimme war für mich wie die eines Fremden, denn sie klang, auch als ich erwachsen war, noch weich und zart und wenig prägnant.

Mein eigener Körper störte mich, ja, fast quälte er mich. Als wären beide Geschlechter in mir verborgen. Ich hätte zum neutralen Geschlecht gehört, wenn es so etwas gegeben hätte.

Trotz alledem wollte ich damals diese Frau noch nicht töten. Die Frau in mir.

2.

Meine Familie stammt aus der Tschechoslowakei. Dafür kann ich nichts.

In einem so winzigen Land wurde sehr aufmerksam beobachtet, woher man kam und aus was für einer Familie. Meine Vorfahren hatten sich in der Vergangenheit ihren Lebensunterhalt in den verschiedensten Berufen verdient, waren Bauern, Gutsverwalter, Soldaten und Beamte gewesen.

Als Kind sprach ich Deutsch, auch wenn das schon damals ganz unzeitgemäß war. Mein Großvater, der Rechtsanwalt Herbert Kirchner, Jahrgang 1887 , gehörte zu den bekanntesten Homosexuellen in der Tschechoslowakei der Zeit zwischen den Kriegen. Er war in Böhmen geboren und damit österreichischer Staatsbürger. Seine Erziehung erhielt er auf Militärschulen, danach studierte er Jura. 1918 begrüßte er den Fall von Österreich-Ungarn und die Gründung einer eigenständigen Tschechoslowakei. Er tauschte die Uniformen gegen Anzüge mit englischem Schnitt aus, rasierte sich den Backenbart ab und widmete sich nun Jazz, Sport und Autos.

Mein Großvater wirkte auch mit fünfzig noch ungewöhnlich jung. Er war immer elegant gekleidet, und wenn er auf dem Weg in eins der Kaffeehäuser der Prager Altstadt den Graben entlang flanierte, schaute er den jungen Herren, die voller Sorge von den sie begleitenden Damen bewacht wurden, tief in die Augen. Er hatte hervorragende Manieren und wusste nicht nur, wie man sich korrekt benimmt, sondern war auch ein begnadeter Redner.

Mit deutschsprachigen homosexuellen Kreisen kam er vor allem im Café Continental in Kontakt, wo regelmäßig Kabarettvorführungen und Travestie-Shows stattfanden. Dort verkehrte er auch mit Männern, die ihre Orientierung sonst unterdrückten oder geheim hielten.

Herbert lebte in einer Mietwohnung in der Heinrichgasse, zwischen Pferdemarkt und Heuwaagplatz, wo er gemeinsam mit Freunden und unter Aufsicht eines Psychiaters mit Haschisch und Opium experimentierte. Er hatte einen außerordentlich gut entwickelten Sinn für Tanz und Musik, liebte das Ballett und die Oper und war mit Avantgarde-Künstlern befreundet, deren Namen mir nichts sagten. Seine Bibliothek umfasste angeblich die zweitgrößte Sammlung erotischer Literatur in Mitteleuropa.

Als erster tschechoslowakischer Rechtsanwalt forderte er die Entkriminalisierung der gleichgeschlechtlichen Liebe. Strafen für Homosexuelle wurden auf böhmischem Territorium im 18 . Jahrhundert eingeführt: Ihnen wurde der Kopf abgeschlagen und dieser dann mit dem Rest des Körpers verbrannt. Beischlaf mit einem Nichtchristen, also mit einem Juden oder Muslim, galt als erschwerender Tatbestand. Selbst bei Masturbation drohten Folter oder gar Erhängen.

Noch Ende des 19 . Jahrhunderts wurden sogenannte Sodomiten mit Haftstrafen zwischen einem und fünf Jahren bestraft, zuzüglich Auspeitschen und Zwangsarbeit. Zu Herberts Zeiten wurde man normalerweise »therapiert«, indem die Hoden entfernt wurden. Die Psychiater gaben ihren »Patienten« außerdem Brechreiz fördernde Mittel und zeigten ihnen dabei Filme mit nackten Männern. Mein Großvater legte öffentlich Protest ein.

Er war Mitbegründer der Weltliga für Sexualreformen und erwarb sich Verdienste bei der Gründung der Zeitschrift Stimme der sexuellen Minderheit . Er kämpfte gegen brutale Denunzianten, die von Schwulen Geld forderten und drohten, sie ansonsten bei der Polizei anzuzeigen. Die Verfolgung von Homosexuellen durch die Nazis lehnte er ab, doch hielt er sie für zweitrangig, verglichen mit den historischen Erfolgen, die sein Volk erreicht hatte. Als deutschsprachiger Bürger der Tschechoslowakei befand sich Herbert in einer besonders komplizierten Situation: Er war homosexuell, aber er bewunderte Hitler. Den Versailler Vertrag hielt er für ungerecht und die Kriegsreparationen für eine bodenlose Zumutung. Er begrüßte ebenfalls den Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich.

Doch nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch die Nazis stand er auf der schwarzen Liste und wurde von der Gestapo drangsaliert.

Er wollte sich durch eine Ehe in Sicherheit bringen und suchte sich dafür eine Lesbe in ähnlicher Situation. Sie heirateten im Dezember 1938 im Prager Rathaus. Ein altes Familienfoto von jenem Tag zeigt einen großen, athletisch gebauten Mann, der sich leger auf einen Sockel aus heller Pappe stützt, eine Requisite des Fotoateliers. Dabei schaut er nicht die wunderschöne Braut an, die neben ihm steht, sondern blickt irgendwohin zur Seite und tut so, als sei er gar nicht da. Das Ehepaar Kirchner beschloss, für Nachwuchs zu sorgen, meinen Vater, und so nach außen hin den Anschein einer normalen Familie zu erwecken. Herbert glaubte, dass ihm als Deutschem, wenn er nur vorsichtig genug wäre, definitiv keine Gefahr drohte. Die Gestapo sperrte ihn dann aber trotzdem ein, in die Kleine Festung von Theresienstadt, in eine Baracke für politische Gefangene und Homosexuelle. An der Häftlingskleidung musste er den rosa Winkel tragen. Schließlich deportierten sie ihn nach Auschwitz, wo er direkt nach seiner Ankunft am Morgen des 7 . März 1943 in der Gaskammer getötet wurde.

Von ihm habe ich die blauen Augen und die hohe Stirn geerbt.

3.

Seit ich zum ersten Mal jene vergilbte, ausgeblichene Daguerreotypie meiner Großmutter gesehen habe, die vor ihrer Heirat Helena Prokopová hieß, bin ich überzeugt davon: Wäre ich als Frau auf die Welt gekommen, wäre ich mit derselben außergewöhnlichen Schönheit gesegnet worden. [...]

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