Als Stein gewordener Mythos erinnert im neuenglischen Plymouth ein Felsen in Form einer "versteinerten Kartoffel" an die 1620 von Puritanern gegründete Siedlung, die zum Keim der amerikanischen Nation werden sollte. Mit protestantischer Arbeitsethik und innerweltlicher Askese verwirklichten sich die mit der Mayflower angereisten Pilgerväter ihren Traum, der bald als der amerikanische Traum" zum traditionellen Grundpfeiler der nationalen Identität der US-Amerikaner wurde. So zumindest sieht es das idealistische Geschichtsverständnis vieler Amerikaner. Der Journalist Tony Horwitz wollte sich mit dieser allzu simpel anmutenden Legende nicht zufrieden geben und legt nun mit "Es war nicht Kolumbus" das Ergebnis seiner Nachforschungen darüber vor, welche europäischen Kontakte sich vor der Ankunft der Puritaner auf dem nordamerikanischen Kontinent ereignet hatten.
Horwitz unternahm dazu ausgedehnte Exkursionen, um den Spuren europäischer Entdecker und Kolonisten vor den Puritanern nachzugehen. Sein Ausgangspunkt ist Neufundland, wo um 1000 n. Chr. die Wikinger einen ersten - gescheiterten - Siedlungsversuch unternahmen, um dann seine Reise nach Hispaniola fortzusetzen, von wo die imperiale Expansion Spaniens in die Neue Welt ihren Anfang nahm. Ausführlich schildert Horwitz die spanischen Expeditionen unter den Konquistadoren Cabeza de Vaca, Francisco Vásquez de Coronado und Hernando de Soto, die als erste Europäer in den nordamerikanischen Kontinent bis in die Great Plains hinein vorstießen. Ihre Suche nach Reichtümern war zwar vergeblich, aber ihre sich wie Lindwürmer ihren Weg bahnenden Trosse führten zum einen zu dramatischen Umwälzungen in den indianischen Gesellschaften, die dem Toledostahl und den mitgeführten Krankheiten nichts entgegenzusetzen hatten. Doch zum anderen erhielten Europäer zu ersten Mal - lange vor Gründung der USA - ein Geschmack davon, was amerikanische Freiheit bedeutet. Ohne dabei deren Gräueltaten gegen die Indianer aus den Augen zu verlieren, muss Horwitz fasziniert von der rücksichtslosen Unbeugsamkeit dieser rustikalen Männer im Laufe seiner Nachforschungen sein bisheriges Bild über die Spanier revidieren. Um den wohlstandsgesättigten Lesern die natürlichen Hürden, die diese Männer zu überwinden hatten, anschaulich zu vermitteln, scheute Horwitz selbst keine Mühen, setzte sich wie die Konquistadoren dem heißen Klima des Südwestens aus und stieg sogar in einem Kanu in die tückischen Strömungen des Mississippi.
Unbequem für amerikanische Leser dürften vor allem seine Schilderungen französisch-hugenottischer Siedlungsversuche an der Ostküste sein. "Wenn wir Religionsfreiheit hören, denken wir sofort an die Pilgrims, aber die Franzosen versuchten es zuerst und hätten es fast geschafft", zitiert Horwitz einen Parkwächter der historischen Festungsattrappe La Caroline, der eingesteht, dass er für seine französischen Sympathien von den zumeist ahnungslosen Besuchern nur Unverständnis und Entrüstung erntet.
Mit seiner gelungenen Mixtur aus historischem Hintergrundbericht und zeitgenössischer Reportage, gewürzt mit viel respektlosen Humor und kuriosen Anekdoten, liefert Horwitz nicht allein ein differenziertes Bild über die europäische Eroberung des amerikanischen Kontinents. Sein Werk wirft auch ein aktuelles Schlaglicht auf das moderne Amerika und die Veränderungen, die es auf seinen Weg bis heute durchlaufen hat. Wie ein Archäologe dekonstruiert Horwitz den angloamerikanischen Pilgerväter-Mythos und legt dabei die vielfältigen historischen Wurzeln der amerikanischen Identität frei. Den US-Amerikanern wird ein sehr kurzsichtiges Geschichtsverständnis nachgesagt, dessen zentrale Daten nur aus 1492 und 1620 bestehen. Horwitz besonderes Verdienst besteht darin zu erinnern, dass Kolumbus Amerika nicht alleine entdeckt hat, um damit den Pilgervätern den Weg in eine neue Welt zu ebnen. Auch vor ihm betraten schon Europäer amerikanischen Boden. Und nach ihm nahmen lange vor den Pilgervätern und der Expedition von Lewis und Clark andere Pioniere Nordamerika ins Visier. Es ist an der Zeit, auch deren Leistungen endlich in das allgemeine Bewusstsein zu rücken und angemessen zu würdigen.