In einem eindringlichen Fernsehfilm bearbeitete Susanne Schneider 2009 die Geschichte einer von einer RAF-Aktivistin weggegebenen Tochter, die ihre Mutter 30 Jahre danach in einem neuen Leben in Frankreich aufstöbert und mit der Vergangenheit konfrontiert.
IM FOLGENDEN WERDEN WESENTLICHE TEILE DER HANDLUNG OFFENGELEGT
Judith (Iris Berben, 59) lebt in einem französischen Weingut nahe der Grenze mit Mann und Kindern. Weder sie noch der "neue" Mann Mean-Marc (Jacques Franz, 62) können verstehen, warum sie sich ihr Leben von Alice zerstören lassen sollen - für ein Verbrechen, das drei Jahrzehnte her ist.
Die tiefe Verletzung von Alice (Katharina Schüttler, 30) resultiert aber weniger aus den von ihr sorgfältig recherchierten kriminellen Aktionen der Mutter während ihrer RAF-Zeit; sie wirft ihr vor, sie als kleines Kind verstoßen zu haben und lehnt die Rechtfertigungen der Mutter rundweg ab. Vor allem akzeptiert sie nicht, dass sich ihre Mutter in einer moralischen Zwangssituation befunden hätte, die sie in den Untergrund getrieben hätte - und somit letztlich zur Abgabe der kleinen Tochter geführt hatte.
Auch die Zwangsläufigkeit der Entwicklung lässt sie nicht gelten. Ihr zentrales Credo lautet: Man hat immer eine Wahl.
Die Tochter weist eine ähnliche moralische Konsequenz, die schon fast unmenschliche Härte und auch eine gewisse Selbstgerechtigkeit auf wie die Mutter, auch wenn die Ausrichtungen natürlich diametral liegen. Aber es gibt auch Momente, in welchen Alice ins Wanken gerät, insbesondere durch die vorsichtig freundlichen Kontakte mit ihren französischen Halbgeschwistern.
Dennoch bleibt sie hart. Man schenkt sich nichts. Alice verlangt Sühne von Judith. Ohne Pardon. Schließlich kapituliert Judith und gesteht, bei einem Banküberfall einen Mann erschossen zu haben. Sie verlässt ihre Familie und fährt mit Alice nach Deutschland, um sich zu stellen. Als sie bei der Rheinbrücke anhalten, weil Judith sich übergeben muss, kommt es zur Versöhnung mit Alice.
Susanne Schneider hat mit Katharina Schüttler eine ideale Gegenspielerin zu Iris Berben gefunden. Die Konfrontation der beiden Frauen gerät glaubwürdig, eindringlich und erschütternd. Niemand wird sich so leicht der menschlichen Tragik der gefährdeten Familie und der tiefen Verzweiflung der Tochter entziehen können. Dennoch wäre es vielleicht spannend gewesen, wenn Alice nicht gar so sehr auf Härte und Konfrontation getrimmt gewesen wäre und emotionale Schattierungen deutlicher hervorgetreten wären.
Wer könnte sich ein Urteil anmaßen, was richtig und was falsch ist? Judiths Entscheidung, ihre Familie zu verlassen und sich zu stellen, bleibt bis zuletzt fragwürdig. Alice hat vergeben - aber sie wird ihr künftiges Leben nicht nur am Trauma der Jugend zu leiden haben, sondern auch daran, dass sie selbstsüchtig die Familie der Mutter zerstört hat.
Im Original 104 Minuten, 1,85:1 auf 16 mm Film
Gesehen in Deutsch, 101 Minuten, 1,85:1 in HD 720p
film-jury 5* A0455 4.8.2011r 12A Genre: Drama