Viktor Weinbrenners Fankreis ist erschüttert. Ihn, den Leserinnenscharen noch im "Puppenmann" endgültig in die Arme von Göttin Sibylle wünschten, müssen sie in Deterings neuem Bielefeld-Krimi "Es ist niemand im Haus" (Pendragon 2009) auf Abwegen erleben.
Wer ist diese junge, verführerische, zerstörerische und gleichermaßen verstörte Jonna, die so unwiderstehlich ist, dass ein gestandener Mann wie Kommissar Weinbrenner sich hinreißen lässt?
Er wehrt sich anfangs, zugegeben, entdeckt an ihr einen "Tochterblick" , der ihn angesichts der eigenen Töchter eigentlich fernhalten müsste, doch seine Zurückhaltung bröckelt, er betrachtet ihre Figur, findet sie "beinahe kindlich", und bald hat Monika Detering ihren Weinbrenner dort, wo sie ihn für die Geschichte um ein verschwundenes Mädchen braucht. Auch der normale Durchschnittsmann kann also dem Zauber einer Kindfrau nicht widerstehen, lesen wir! Weinbrenner sei entlastend zugestanden, dass Jonna inzwischen volljährig ist.
Wenn aber Monika Detering mit ihrem guten psychologischen Gespür ausgerechnet ihren sympathischen Viktor Weinbrenner in solch eine Falle stolpern und - soviel sei verraten - ihr auch wieder entkommen lässt, dann sicher nicht nur, weil dies für seine kriminalistischen Ermittlungen von Bedeutung wäre oder um allein eine handlungsbelebende erotische Facette ins Spiel zu bringen.
Nein, mit solch einem oberflächlichen Ziel wird Viktor nicht auf Abwege geschickt. Monika Detering benötigt seine Verführbarkeit für den Blick auf ein Missbrauchsdelikt, genauer gesagt auf zwei. Einmal ist Jonna selbst das Opfer, einmal ist es Marlene Lachner. Anfangs erscheint diese uns gar nicht wie eines, geht sie doch eher gelassen mit einem Drohbrief um. Detering liefert uns jedoch eine Spur, indem sie die Frau in den Rollstuhl verbannt und ihr somit eine hilflose Rolle zuschreibt.
Normalerweise geht es in einem Krimi um einen Mord und seine Aufklärung, hier geht es darüber hinaus um die Frage nach Schuld und Sühne und um die Ungerechtigkeit, mit der beides verteilt wird. Einer der wirklichen Täter entlarvt sich mit fadenscheinigen Erklärungen für den Missbrauch an seiner Tochter. Er sei "selbstvergessen" gewesen, habe sie "Sinnlichkeit und Körperlichkeit erfahren lassen" und sie, die doch volljährig gewesen sei, "zu nichts gezwungen", Inzest sei "eine Frage der Einstellung". Allzu bekanntes Rechtfertigungsgeschwätz Pädophiler, dem zu begegnen Monika Detering keines erhobenen Zeigefingers bedarf. Momentaufnahmen aus dem zerstörten Leben zweier Frauen sprechen eine deutliche Sprache.
Wenn wir mit Spannung auf den nächsten Weinbrenner warten, dann sicher auch mit der Frage: Was wird aus der Beziehung zwischen Viktor und Sibylle?