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Aus dieser Spannung von Erinnern und Vergessen speist sich der Reiz von Geigers viertem Roman. Mit der Geschichte einer ganz normalen Wiener Familie versucht er sich an einer literarischen Schilderung von Alltag, die weitgehend ohne dramaturgische Spannungslinien auskommt. Etwa wenn in einer der Rückblenden die verfahrene Ehesituation von Philipps Mutter Ingrid skizziert wird: Doppelbelastung als Ärztin und Mutter, zuwenig Unterstützung vom Gatten, abkühlende Gefühle. So ist das Leben, kann man da nur sagen. Sind so aber auch mitreißende Romane? Auch wenn man Geigers Werk sicher nicht als misslungen bezeichnen kann, bleibt er doch weit hinter dem zurück, was andere Autoren -- man denke beispielsweise nur an Jonathen Franzens Korrekturen -- aus diesem Genre sprachlich und inhaltlich herausgeholt haben. Auch aus dem grauen Familienalltag lassen sich literarische Funken schlagen.
Ein Familienroman, der über 60 Jahre österreichischer Geschichte sozusagen als Bühnenbild benutzt, lebt natürlich auch vom Lokalkolorit. Das verleiht Charme, wird aber sprachlich so manche Leser überfordern, weil es der Verlag versäumt hat, die zahlreichen Austriazismen im Anhang zu erklären. Nicht-Österreicher werden kaum wissen, dass "Pantscherl" einen Seitensprung bezeichnet, oder was "urgestopft", "angelehnt lassen", oder "hoppadatschig" bedeuten. Eine nette Herausforderung auch für Übersetzer, wenn der Roman den Erfolg im Ausland haben wird, den der Deutsche Bücherpreis verheißt. Für die deutschsprachige Literatur aber bedeutete dies, wäre das wirklich der beste Roman des Jahres: Es geht uns nicht gut. --Christian Stahl
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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
25 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
"... das Klettern am Stammbaum einer windschiefen Familie ...",
Von
Rezension bezieht sich auf: Es geht uns gut: Roman (Taschenbuch)
"Eigentlich ist Philipp auf allen Mauern seines Lebens eine Randfigur, eigentlich besteht alles, was er macht, aus Fußnoten, und der Text dazu fehlt." ... Das ist Philipp Erlach, Ende Dreißig und Erbe der gutbürgerlichen, großmütterlichen Villa in Wien Hietzing. Während er den Dachboden von Taubendreck säubert und die Räumlichkeiten all ihres Moders entrümpelt, reflektiert er obwohl familiär unambitioniert das Leben seiner Familie in Wien über drei Generationen - Zwischenkriegszeit, zweiter Weltkrieg, die 68er bis 2001. Schließlich war der Großvater einmal Minister und die zu früh verstorbene Mutter ein Kinderstar in "Der Hofrat Geiger", alle waren sie Waltraud-Haas-Typen, die Frauen halt, der Vater ein Erfinder von Brettspielen, Eltern in jeder Generation spießig - aus der Sicht ihrer halbwüchsigen Kinder, die von ihrem Nachwuchs später halt auch nichts anderes gesagt bekommen und allesamt eine Familie der "Runterschlucker", denn miteinander gesprochen wurde nicht.Ein fabelhafter Roman, wundersam lebendig, obwohl oder gerade weil wir von den Toten überdauert werden. Ansichten verändern sich entlang einer Lebenslinie, meistens zerstört und manchmal auch motiviert durch Erlebtes - die eine zu kurz, die andere bis über die Demenz und noch weiter. Generationskonflikte in erster Linie zwischen Eltern und Kindern zeichnen eine Realität, der wohl jeder zu mindest in einer Linie bereits begegnet ist. Zumal eine komische Facette, überwiegt dennoch das traurige, melancholische Gesicht. Und bin ich am Ende angelangt, blättere ich zurück, um das erste Kapitel erneut zu lesen!!! Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
43 von 47 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Arno Geigers großartiger "Familien"Roman ohne Familiengedöns,
Von
Rezension bezieht sich auf: Es geht uns gut: Roman (Gebundene Ausgabe)
Am Anfang des Romans stemmt Philipp, der uns die Geschichte seiner Familie und auch seine eigene zu erzählen scheint, mit aller Kraft eine Luke auf den Dachboden des Familienstammsitzes auf. Dort oben schlägt ihm Staub und Gestank von zentimeterdicker Taubenscheisse, Taubenkadavern und verrotteten Balken entgegen, so dass er die Luke sofort wieder zufallen lässt. Dieses Bild zieht sich durch den gesamten Roman, denn es gibt bei allen Familienmitgliedern die da über 60 Jahre portraitiert werden die Tendenz, die Dinge nicht wirklich anschauen zu wollen, die Klappe sofort wieder zuzumachen, wenn's Ernst wird.Anhand von jeweils einem Tag in den Jahren 1938, 45, 55, 62, 70, 78, 82 und 89 werden die Leben der vier Generationen geschildert. Diese grandiose Konstruktion gelingt es, den klischeehaften Aufbau und die langweiligen Figuren der meisten Familienromane zu vermeiden. Geiger erzählt in einer Weise, die der Tatsache gerecht wird, dass es in den meisten Familien darauf ankommt, was NICHT gesagt oder getan wird. Die Entscheidenden Dinge sind die verpassten Gelegenheiten und nichtumgesetzen Träume von einem anderen Leben. Und davon gibt es in jeder Familie mehr als genug. Auch die Figuren in "Uns geht es gut" verharren in dieser geheimnisvollen Gemeinschaft Familie und vertagen ihre Träume und Fluchtgedanken immer wieder, bis sie eben von der folgenden Generation ersetzt werden, die es ähnlich macht. Und besonders das wird in Geigers Roman grossartig beschrieben. Die österreichische Geschichte dient dabei als Hintergrund, aber schimmert nur hinein die Schicksale, ob die Nazizeit, der Krieg oder die progressiveren 70er Jahre. Keine dieser Figuren ist anhand eines einzigen Schlüsselerlebnisses zu erklären. Phillipps Vater nicht, der als junger Mann in den Krieg muss und danach sein ganzes Leben lang nichts mehr riskieren will, der Grossvater nicht, der zufällig nach dem Krieg auf der richtigen Seite steht und Karriere macht und immer bürgerlicher und ordentlicher sein will, als er eigentlich ist, die Tochter, Phillipps Mutter, nicht, die immer so eigenwillig tut, nachdem sie zu Hause in den 50er Jahren rausflog und sich dann aber doch den Bedingungen in ihrer eigenen Ehe bis zur Unglücklichkeit anpasst und auch nicht Philipp selbst, der jüngste Spross, der in seiner seltsamen Passivität und Unentschiedenheit seinem Vater so ähnelt, obwohl er nie wie er sein wollte. Philipps Erzählung aus dem Jahre 2001 sind immer wieder zwischen die historischen Kapitel der sieben Jahrzehnte zuvor geschaltet. Philipp lebt nun in dem großen Haus der Familie, wo auch die allermeisten Szenen der Jahre 39-89 spielen. Während er das Haus neu einrichtet, macht er sich Notizen über seine Familie. Er organisiert sich Schwarzarbeiter, die für ihn den Dachboden reinigen und dabei auch gleich allerlei Artefakte der Vergangenheit, die für ihn keine Bedeutung haben, in Müllcontainer werfen oder verscherbeln. Das Entsorgen löst in Phillipp ein Gefühl der Schuld und Erleichterung zugleich aus, das jeder kennt, der einmal den Keller im Elternhaus ausräumen musste, wo sich der Wohlstandsmüll der Jahrzehnte türmt. Alles Dinge, die einmal Bedeutung hatten und nun nicht mehr zu entziffern sind für die Nachkommen, und deshalb auf dem Müll der Geschichte landen. Von denen man sich aber wünscht, sie könnten einem die Geschichte der Eltern und Grosseltern erzählen, auf dass man auch sich selbst ein wenig besser versteht. Nur durch die Daten am Anfang jedes Kapitels ist überhaupt zuzuordnen, wann der Tag spielt. Das eigentliche Geschehen in den Kapiteln ist meist zeitlos, denn dort agieren einfach Menschen miteinander, dort funktionieren Familien nicht oder kaum - all das unabhängig von Jahreszahlen. Geiger schiebt in Uwe Johnson Manier aktuelle Zeitungsmeldungen zwischen die Kapitel. Sie fassen das "außerfamiliäre" Geschehen 1938 oder 1955 zusammen, ordnen das vermeintlich Grosse, dem Kleinen der Familie unter. Inklusive der Wettervorhersage. Vor allem die Wettervorhersage hat auf mich einen starken Effekt gehabt: Es war immer irgendein Wetter, mit dem diese Leute gelebt haben. Das scheint eine banale Erkenntnis, hat aber für diese Art der Erzählung einen besonderen Effekt. Denn die Sonne bescheint bei 30 Grad das Grillfest von Philipp im Jahre 2001 mit seinen Nachbarn genauso, wie Tod in den letzen Tagen des 2. Weltkrieges, beim Häuserkampf in den Gassen Wiens. Der Apfelbaum, den Philipp abholzt, hat seinem Grossvater Schatten an jenem Sommertag gespendet, als die Deutschen in Wien einmarschieren. Das Wetter ist immer nur für diesen einen Tag von Bedeutung und man vergisst es genau wie die nachlässigen Worte oder die Ohrfeige des Vaters. Viele banale Details, die Vergangenheit verständlich werden lassen als die Geschichte von Menschen, deren Leben sich vor allem aus Nebensächlichkeiten zusammensetzt.: Ein Regentag auf dem Sofa mit Buch, der Tag, wo man das Kindermädchen vögelt und abends Besuch von einem NSDAP Funktionär bekommt, der Tag wo man sich mit seinem Vater streitet, der Abend, wo man auf der Veranda sitzt und in alten Fotos stöbert.... An was wird man sich nach 50 Jahren noch erinnern? Dieses Buch ist die Antwort. An die Momente, in denen man gelebt hat. Auch wenn man es in jenem Augenblick gar nicht gemerkt hat. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ruhig, wie ein Dampfer auf hoher See,
Von Manuela K. (Wien) - Alle meine Rezensionen ansehen
Rezension bezieht sich auf: Es geht uns gut: Roman (Taschenbuch)
Arno Geigers vierter Roman kommt langsam in die Gänge. Erst nach dem Anfangskapitel begann mich das Buch zu interessieren und mitzureißen. Es erscheint nicht zufällig, dass Geiger beim Vorlesen des ersten Kapitels, zum Ingeborg Bachmann Preis 2004, kaum positive Resonanz bekam. Wie unterschiedlich Kritiken zu beurteilen sind, wird durch die Tatsache deutlich, dass sein Werk dennoch den deutschen Buchpreis 2005 erhielt, und zum besten deutschsprachigen Buch des Jahres erklärt wurde.Geiger erzählt unter Einsatz wunderschöner Vergleiche und Metaphern die Familiengeschichte des Hauptprotagonisten Philipp, der das Haus seiner verstorbenen Großeltern erbt. Während er, ein lethargischer Schriftsteller, seinen neuen Besitz entrümpelt und alles wegwirft, was an seine Familienchronik erinnert, wird in tagebuchartigen Rückblicken ebendiese Geschichte über drei Generationen hinweg erzählt. Von der Zeit der Machtergreifung Hitlers bis in die ersten Jahre des neuen Jahrtausends reichen die Bilder. Philipp Erlach fühlt sich als Versager, als jemand, der nirgends so richtig dazu gehört. Sogar seine Freundin, die mit einem anderen verheiratet ist, aber regelmäßig mit ihm schläft, verlässt ihn zuletzt enttäuscht. Am Ende ist Philipp alleine und ohne Orientierung, leer und inhaltslos, wie sein entrümpeltes Haus. Dazu ein Zitat aus dem Werk: Eigentlich ist Philipp auf allen Mauern seines Lebens eine Randfigur, eigentlich besteht alles, was er macht, aus Fußnoten, und der Text dazu fehlt. Betont gefühlvoll zeichnet Geiger die Figuren seiner Geschichte und ihre Charaktere, immer wieder staunt man über sein tiefes Einfühlungsvermögen. Besonders deutlich wird dies in der Darstellung von Philipps Großmutter, am Ende des Romans, als sie am Bett des hoffnungslos dementen Großvaters sitzt und ihm (uns) gemeinsame Erlebnisse aus ihrer Ehe erzählt. Der Roman ist in einem modernen, teils experimentellen Stil geschrieben. Es gibt viele (für Geiger typische) Klammereinschübe, häufig enden Sätze mit nachgestellten Verben. Zudem ist das Werk gespickt mit österreichischen Ausdrucksformen, die bestimmt nicht von allen deutschen Lesern verstanden werden. Dennoch: Wer einen ruhigen, unaufgeregten Schreibstil und diesen Lokalkolorit mag, dem sei das Werk empfohlen. Wer Suspense sucht, möge das Buch nicht lesen. Da gibt es in jeder Genre-Ecke Spannenderes zu finden. Wie sagte Arno Geiger einmal so schön? "Ein guter Roman ist wie ein Dampfer, draußen auf hoher See, der ruhig und unbeirrbar seinen Kurs hält.' Es hat mir viel Freude gemacht, mit an Bord gewesen zu sein. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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