Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Es gefällt mir auf der Welt von Guus Kuijer, Sylke Hachmeister. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Caro sagt, sie hat zu Hause ein Tagebuch, in dem sie all ihre Geheimnisse aufschreibt. Geheimnisse! Da bin ich aber neugierig. Ich dachte, ich wüsste alles von Caro und sie von mir. Was kann sie für Geheimnisse haben? Und ich? Ich könnte mir höchstens welche ausdenken. Zum Beispiel, dass ich irgendwo Geld versteckt habe, aber das stimmt gar nicht. Oder dass ich in jemand anders als Mimun verliebt bin, aber das stimmt auch nicht. Ich hätte schon gern Geheimnisse, aber ich glaube, ich hab keine. "Was denn für Geheimnisse?", frage ich Caro. Sie lächelt geheimnisvoll. "Das sag ich nicht", sagt sie. "Dafür sind es ja Geheimnisse." "Nur ein einziges", sage ich. Sie schüttelt den Kopf. Und dann machen wir ein Computerspiel, bei dem wir uns gegenseitig über den Haufen schießen müssen. Das Blut spritzt nur so über den Bildschirm. Aber ich bin mit den Gedanken nicht bei der Sache. Ich will auch Geheimnisse haben. Ich weiß nur noch nicht, was für welche. Meinen Vater treffe ich meistens auf der Straße. Er hat kein eigenes Zuhause mehr, er schläft bei Freunden, die ich nicht kenne. Da komme ich also nie hin. Gestern war er bei uns in der Straße. Er sagte: "Hi, Polleke, kannst du mir vielleicht helfen?" Das war schrecklich, denn dasselbe hatte er mich am Tag davor auch schon gefragt. Und am Tag davor auch. Ich sagte also: "Ich weiß nicht, Spiek." "Könntest du mir vielleicht ein paar Gulden leihen?" Ich fühlte mich scheußlich, denn an dem Morgen hatte ich mir Lakritz gekauft, und jetzt war meine Spardose leer. "Du hast dir gestern und vorgestern auch schon Geld von mir geliehen", sagte ich. "Ja", sagte Spiek. "Du kriegst morgen alles zurück, ganz ehrlich." "Ich hab aber nichts mehr", sagte ich. "Willst du ein Lakritz?" "Nee", sagte Spiek. "Ist Tina zu Hause?" Tina ist meine Mutter. "Nee", sagte ich. "Weißt du, ob Tina vielleicht noch was hat?" "Was?", fragte ich. "Geld", sagte Spiek. Ich schüttelte den Kopf. "Sollen wir was Schönes zusammen machen?", fragte ich. "Soll ich meinen Ball holen?" "Sie hat doch so ein Glas vorm Küchenfenster stehen, oder?", fragte Spiek. "Ist da nicht ein kleines bisschen drin?" "Bestimmt", sagte ich. "Hast du nicht Lust, ein kleines bisschen Fußball zu spielen?" "Kannst du da nicht was rausnehmen?", fragte Spiek. "Dann tust du's morgen einfach wieder rein." "Nein!", brüllte ich. Und dann passierte das, was bei mir immer passiert. Ich fing an zu heulen! So bescheuert! Echt wahr. Und zwar nicht nur ein paar Tränchen, ganze Sturzbäche kamen aus meinen Augen. Buhu! Buhu! Schrecklich. Ich konnte nichts dagegen machen. Spiek ging in die Hocke und nahm mich in die Arme. "Ganz ruhig", sagte er und küsste mich auf die Wangen. Ich roch, dass er sich nicht gewaschen hatte, aber das machte nichts. "Ganz ruhig, meine Polleke", sagte er. "Ganz ruhig, es ist schon gar nicht mehr wichtig." "Soll ich den Ball holen?", schniefte ich. "Okay", sagte Spiek. "Mach nur." Ich lief zur Tür, zog mir das Band mit dem Schlüssel über den Kopf und schloss auf. Ich ging ins Haus und Spiek kam mir nach. "Ich warte hier", sagte er. "Okay", sagte ich. Ich rannte nach oben, um den Ball zu holen. Ich suchte in meinem Zimmer, aber ich konnte ihn nicht finden. Ich guckte unterm Bett, aber da war er nicht. Also polterte ich die Treppe wieder runter. Spiek trank Wasser aus dem Kran in der Küche. "Vielleicht ist er im Garten", sagte ich. Wir haben nämlich einen klitzekleinen Garten. Da war der Ball zum Glück. "Los, komm!", rief ich. Wir liefen raus und spielten auf der Straße Fußball. Aber Spiek hielt nicht lange durch. Er schnaufte wie ein Walross. Er musste sich auf den Bordstein setzen und sich ausruhen. Ich dachte: Er könnte bei uns duschen, aber das würde Mama bestimmt nicht erlauben. Also hielt ich den Mund. "Ich geh dann mal wieder", sagte Spiek. "Sieht ganz so aus, als würde ich heute mit einem Gedicht anfangen." "Echt?", fragte ich. "Kann gut sein", sagte Spiek. Natürlich glaubte ich ihm nicht. Ich glaube ihm schon eine ganze Zeit nicht mehr. Ich tue nur so, als ob, weil ich ihn nicht traurig machen will. "Tschüs, Pol", sagte Spiek. "Tschüs, Papa", sagte ich. Er schlurfte davon. In der Ferne stand Dina und wartete auf ihn. Dina ist Spieks neue Freundin und die ist auch so ein bisschen süchtig nach allem Möglichen. Da war noch was anderes, was ich nicht so gern erzähle. Beim Fußballspielen hatte ich in Spieks Jackentasche die ganze Zeit Geld klimpern gehört. Das erzähle ich niemandem, schon gar nicht meiner Mutter. Ich bin bei Caro zu Hause. "Ich find den Lehrer ja ganz nett", sagt Caro, "aber nicht zum Heiraten. Igittipfui, ohne mich." "Meine Mutter heiratet ihn ja, nicht du!", rufe ich. Was für ein blöder Spruch von Caro. Wir lümmeln uns bei Caro zu Hause auf dem Sofa. Manchmal sind wir unheimlich faul, Caro und ich. Stundenlang können wir uns auf dem Sofa lümmeln und rumalbern. Manchmal können wir uns vor Lachen nicht mehr halten. "Er hat Haare in der Nase", sagt Caro. "Jetzt weiß ich ganz sicher, dass ich lesbisch bin." Das war mal ein guter Spruch. Und ja, da geht es schon wieder los. Kicher kicher kicher. Wir heulen vor Lachen. Caros Mutter kommt nach unten. Sie ist ziemlich neugierig, müsst ihr wissen. "Darf ich mitlachen?", fragt sie. "Was ist so lustig?" Das ist das Schlimme an einem Lachkrampf: Wir lachen über rein gar nichts. Wir hängen auf dem Sofa und brauchen uns nur anzugucken, da fangen wir schon wieder an zu kieksen. (...) -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .