Vor ein paar Tagen kam mein Sohn auf ein selbstredend pisagestähltes Gymnasium. Wochenstunden ohne Ende, keine Einführungsveranstaltung, auf der nicht durch die Blume klargemacht wurde, dass der Ernst des Lebens beginnt, und natürlich hat er jeden Morgen um 8 Uhr auf der Matte zu stehen. Da muss man wohl durch...
...oder mal wieder die gute alte DVD von "Es begann in Neapel" einlegen und träumen. Von dem nur unwesentlich jüngeren Knirps namens "Nando" zum Beispiel, der bisher noch an jedem Tag die Schule geschwänzt hat, weil die nun mal vor dem Mittag beginnt, der dafür aber nachts nach ein Uhr auf der Piazza Werbezettel für einen Nachtclub verteilt: "Schöne Signorinas - mit ganz wenig an." Der arme Mr. Hamilton aus den USA kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, möchte dem Steppke Pünktlichkeit, Fleiß, Disziplin, die ganzen Amitugenden eben, nahebringen. Und dass die "schöne Signorina mit ganz wenig an" ausgerechnet Nandos Mutter ist, setzt dem Ganzen die Krone auf. Diese Frau soll dem Jungen eine gute Mutter sein?! Also bitte...
...denkt Mr. Hamilton und ist natürlich nach einigem Hin und Her rettungslos verzaubert und verführt. Vom italienischen dolce far niente vor traumhafter Kulisse (entgegen dem Titel überwiegend Capri) und von Nandos Mutter Lucia. Denn wir befinden uns in einem der zahlreichen Filme, in denen steife Amis den Verlockungen des alten Europa erliegen. Das Ganze ist voller Klischees und ein Stück weit vorhersehbar, aber bei dem Stichwort "Kitsch" darf man eben nicht vergessen, dass es schlechten und guten Kitsch gibt. Und das hier ist sehr, sehr guter. Der Film ist vielleicht nicht so süffisant in seiner Liebe zum Detail wie Billy Wilders (ebenfalls mit Klischees spielender) "Avanti", er ist nicht so ein bewundernswerter Mix aus Touristenkulisse und Nachdenklichkeit wie David Leans "Traum meines Lebens", er ist nicht so schwerblütig-schwermütig und mit dunkel-romantischer Ornamentik fotografiert wie Douglas Sirks "Der letzte Akkord" - alles Filme, in denen US-Amerikaner von der alten Welt verzaubert werden. Aber er ist bei aller Oberflächlichkeit wirklich wirklich lustig, mehr als nur einige Male, und ohne schalen Nachgeschmack. Klar, Neapel ist mittlerweile vermutlich rotzdreckig und die sozialen Probleme Süditaliens sind nicht so pittoresk wie im Kino. Aber was soll's; ich konnte mich dem umwerfenden Charme dieses Filmes schlicht nicht entziehen. Dies liegt - we had faces - zu einem Großteil an den umwerfenden Darstellern. Clark Gable hatte nach einer Durststrecke, in dem man ihm den alternden Macho einfach nicht mehr abnahm, gegen Ende seiner Karriere ein kleines Comeback, indem er seinen Rollentypus selbstironisch ("The King and Four Queens" und eben "Es begann in Neapel") oder wehmütig ("Misfits") variierte. Sein Hut ist hier genauso spießig wie seine Lebenseinstellung, aber der Schalk des Charmeurs scheint dahinter immer noch durch. Dass er diesen ein bißchen zurückfährt und eher der Passive als der Aktive ist, liegt natürlich an seiner Partnerin. Man kann sich kaum jemand anderen als Sophia Loren in der Rolle vorstellen! Sie ist, wie so oft, der Inbegriff des italienischen Temperamentbündels, sie ist wirklich extrem sexy in ihrer offensiven Art und in Kostümen, die ihre Sanduhrfigur noch unterstreichen, aber sie kann auch mal beherzt auf die Sahne hauen. Man nimmt ihr einfach ab, dass sie nachts im Club singt und tanzt und die Kerle kirre macht, aber am nächsten Tag wie eine uritalienische mamma wild zeternd und gestikulierend protestiert, wenn Opa die Spaghetti nicht schmecken oder Mr. Hamilton droht, ihr den geliebten Sohn wegzunehmen. Ihre Schönheit ist sinnlich statt makellos (z.B., und das meine ich als Lob statt als Kritik, sind ihre Zähne nicht "perfekt", d.h. mit Lücken und nicht ganz gerade, die würde heute wohl jeder Hollywoodstar richten lassen). Der Kleine ist wirklich süß, und in einer wichtigen Nebenrolle glänzt der vor allem als Regisseur bekannte Vittorio De Sica: Er ist der schleimige Anwalt Mario, der einen Sorgerechtsprozess um Nando opportunistisch bis chaotisch führt, den Verhandlungstermin zur grellen Farce werden lässt und lieber den knapp bekleideten Signorinas nachgafft, anstatt sich auf seine Mandanten zu konzentrieren. "Ich bin ein Anwalt", sagt er. "Sie sind ein Schwein", entgegnet Lucia. Wenn Mario völlig ungerührt sagt: "Ein Mann kann beides sein, Anwalt und Schwein, das ist in der Praxis meist dasselbe", dann hat dieser Film allerallerspätestens mein Herz gewonnen. Ich bin auch Jurist...
Der Film ist flach, aber wunderschön, weil alle Beteiligten wissen, was sie da tun. Dies tun sie extrem gut und mit einer riesigen Spielfreude, Liebe zum Detail und punktgenauen Pointen. Nein, nein, da ziehe ich keinen Stern ab, bloß weil es Anspruchsvolleres gibt, oder weil die DVD (bei guter Bild- und Tonqualität) keine Extras hat.
Ach ja, und liebe Lehrer/innen des [zensiert]-Gymnasiums: Wenn Sie den Anfang gelesen haben, keine Sorge, wir machen unseren Sohn nicht zum Schulverweigerer. Aber Nando hat trotzdem ein tolles Leben, auch ohne Schule. Und für Mr. Hamilton ist bella italia sowieso die Schule des Lebens. Oder können SIE, liebe Männer, sich vorstellen, dass ein Leben weiterhin auf einer Geraden verläuft angesichts der Kurven von Sophia Loren? Nehmen Sie es mit Humor, gießen Sie sich ein Glas Chianti ein und gucken Sie "Es begann in Neapel"!