Theodor W. Adorno, Gerd Kadelbach (Hg.)
Erziehung zur Mündigkeit
Vorträge und Gespräche mit Hellmut Becker 1959- 1969
Frankfurt: Suhrkamp Verlag, 1971, 147 S., (ISBN: 3518365118),
"Es war ihm wichtig, daß man ihn recht verstand..." so Gerd Kadelbach über den weitbekannten Professor für Philosophie und Soziologie Theodor W. Adorno, der am 11.09. 1903 in Frankfut a. M. geboren wurde.
Er sagte dies in Zusammenhang mit den Gesprächen und frei gehaltenen Vorträgen Adornos mit Hellmut Becker, welche in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Rundfunk entstanden sind und unter anderem im "Abendstudio" mit Lotte Lenya und einigen kritischen Hörern ausführlich diskutiert wurden.
"Erziehung zur Mündigkeit" gibt jene Vorträge und Gespräche wieder, welche vorher auf Tonband fixiert waren und so mit den Worten Adornos:"...ein Symptom jener Verhaltensweisen der verwalteten Welt ist....,das seine Wahrheit an der eigenen Vergänglichkeit hat, festnagelt, um die Redenden darauf zu vereidigen..."
Die Reihe der Vorträge und Gespräche finden mit dem plötzlichen Tod Adornos am 06. August 1969 in Wisp( Wallis, Schweiz)ein jähes Ende.
Dem vorliegenden Buch liegen acht zeitlich gegliederte Themen (1959- 1969) zu Grunde, die brisante Kernfragen philosophisch beleuchten und verblüffend nah am Puls der heutigen Zeit liegen. Das Buch verkündet eine zentrale Botschaft die sich indirekt in den Gesprächen wieder findet. Einleitend geht es um die Frage:" Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit?" Es wird die Bedeutung einer abgeschlossenen Aufarbeitung der Folgen des Nationalsozialismus und dessen Hinterlassenschaft, auf unsere heutige Gesellschaft diskutiert.
Wie wird in unserer gegenwärtigen, demokratischen Gesellschaft Verarbeitung definiert? Ist es eine Form der Verdrängung, die erfolgreich angewandt wurde und auch noch wird, um unangenehmen Fragen auszuweichen? Der Holocaust wird als ebensolche "unangenehme" Sache verurteilt und sollte vielmehr von der Basis ausgehend und in seinen individuellen Ursachen erkannt werden. Nicht entschuldigt werden kann an dieser Stelle die verkannte Position einer lückenlosen, ausführlichen Erziehung. Einer Erziehung nach Auschwitz! Angefangen bei der Ent-nazifizierung der Hochschulen, weiterführend auf ALLE für die menschliche Entwicklung relevanten und einflussnehmenden Faktoren, wie auch z.B. der Medien. Wie verarbeitet der Mensch innerhalb von allgemeinen, festgefahrenen, gesellschaftlichen Strukturen?
Hauptanliegen dieses Buches ist vor allem die Erziehung. Die Forderung und der Wunsch bewußte Erziehung durchzuführen, die auch das "unbewußte" berücksichtigt. Das könnte nach Adorno bedeuten: 1. das zugänglich machen potentieller Gefahren die vom Individuum selbst ausgehen. Und 2. die Kraft das ÜBER-ICH durch "Reflexion, Selbstbestimmung und Nicht-mitmachen"aufzubringen. Dies ist kein Patentrezept, kann eventl. ein Ansatz sein, um ein zweites Auschwitz unmöglich zu machen. Mit Adornos Worten: " Eine Erziehung zur Mündigkeit!"
Dieser Anspruch an alle uns folgenden und schon existenten Generationen von Eltern, Großeltern, Kindern, Lehrern, Schülern, also all jenen, die immer und immer wieder Erfahrungen und Verantwortung durch Erziehung weitertragen, sollte dieses Buch die Zeit wert sein, sich mit ihm auseinanderzusetzen.
Es ist sicherlich keine "leichte" Lektüre, dennoch lohnt sich die Mühe, schon deshalb, weil es auch Spaß macht, Adornos imposanten und durchaus logischen Wortspielen zu folgen.
Susanne Diester
Magdeburg, im Oktober 2001