"Und was habe ich denn zu versäumen?
Ist nicht die ganze Ewigkeit mein?"
(Lessing, §100)
Diese Sentenz des Augustinus vorangestellt, bietet G.E. Lessing (1729-1781) in 100 Standpunkten eine Entwicklungsidee des Menschen in einer besonderen Weise. Wer Lessing kennt, weiß, dass er für Toleranz Andersdenkenden gegenüber eintritt. Sein "Nathan" gibt weises Beispiel. So ist er in dieser Fragestellung unterwegs, inwieweit Pädagogik und (Religions-)Philosophie zueinander passen oder sogar gemeinsame Vorstellungen entwickelt haben in der Erziehung des Menschen oder des gesamten Geschlechts. Sein Vorbericht deutet bereits darauf hin, dass er behutsam vorgehen möchte, keinen "eilfertigen Wanderer, der nur das Nachtlager erreichen möchte", zum Leser brauche, sondern einen, der bereit ist mit ihm auf einem kleinen Hügel zu stehen, der einen Ausblick über den Tag hinaus ermöglicht und der bereit ist, zu stehen und zu staunen.
In einer Zeit wie der heutigen, in der die begriffliche Schöpfung ohne Stillstand verläuft und doch an die Grenzen der sinnlichen, unbegrifflichen Schöpfung anklopft, ist es vielleicht angebracht, in der Ausübung der Lessingschen Toleranz sich dem anderen Denken zuzuwenden. Wenn man meine, Gott hätte bei allem die Hand im Spiel, dann solle man - von beiden Seiten - auch auf die Irrtümer achten. Dass nun auch Lessing selbst in dieser Schrift einem Irrtum unterliegen könne, schickt er voraus, da allein mit dem Verweis auf Augustinus keine Dogmatik erwartet werden kann, vielmehr ein Gespräch sich als notwendig erweist.
§1: "Was die Erziehung bei dem einzeln Menschen ist, ist die Offenbarung bei dem ganzen Menschengeschlechte." §2: "Erziehung ist Offenbarung, die dem einzelnen Menschen geschieht: und Offenbarung ist Erziehung, die dem Menschengeschlechte geschehen ist, und noch geschieht."
Diese Prämissen sind der Einstieg in das 100 Thesen-Programm, was sich letztendlich wie eine Elementarfibel zu den Elementarbüchern liest, die Lessing im Alten wie Neuen Testament ausmacht. Für Lessing ist die Erziehung und Offenbarung dreigeteilt. In den §§1-53 nimmt er das Alte Testament als Grundlage eines ersten Elementarbuches, die noch nicht an die Vernunft appelliert, sondern die Sinne des Menschen anspricht, ohne jedoch auf die sinnvollen Weiterführungen in die Vernunft zu verzichten. Die Weiterentwicklung des Menschen führt folgerichtig zu einer erhöhten Vernunftsorientierung, so dass das Elementarbuch AT dem Menschen entnommen werden muss und ein neuer Lehrer das Weitere vermittelt. §53: "Ein beßrer Pädagog muss kommen, und dem Kinde das erschöpfte Elementarbuch aus den Händen reißen. - Christus kam."
Christus tritt auf und mit ihm das Neue Testament in den Thesen §§54 -85. Das Christentum wird zu einer Vernunftreligion, einer Religion der hypothetischen Wahrheiten, weil der Mensch in die Schrift Vernunft einbringt und in der neuen Interpretation Vernunft in der Auseinandersetzung zusätzlich gewinnt. Lessings dritter Teil dieser Erziehung ist reine Hypothese, die den Gedanken der Reinkarnation aufnimmt und als möglich postuliert. Wenn Lessing hier höchste Fiktion auffährt, dann nur deshalb, weil er in der Botschaft des Nathans bereits festlegte, dass den Ideen aller Religionen mit gleicher Toleranz zu begegnen ist. Lessing gehört zu den Menschen des 18. Jahrhunderts, die sich nicht festlegen in eine Richtung, die vielmehr in der Abwägung zu Hause sind und den Menschen vermitteln wollen, dass ein Urteil im Sektor der nicht-begrifflichen Wahrheiten schlussendlich mit den Mitteln der diesseitigen Welt unmöglich ist. In Fragen, die ohne Antwort scheinen sollen, zeigt er sich eher naiv, damit der Leser in der Eroberung einer eigenen Postition nicht vorgeformt wird.
Diese Lessing Lektüre ist kurz, deutlich abwägend und eine Empfehlung für Interessierte im Zuge gesellschaftlicher Veränderungen. (dass Religion wieder zum Thema wird, ist nicht erst seit U. Becks Buch bekannt. Die Ruhrtriennale steht in diesem Jahr im Zeichen des Islams, im nächsten im Zeichen des Buddhismus). Dass die Thesen reinen Entwurfscharakter haben, leugnet Lessing an keiner Stelle. Vielleicht aber zeigt sich in diesem Denkspiel mehr von der ganzen Wahrheit als in dem Versuch, diese Wahrheit mit dem Ernst des Glaubens, der sich der Vernunft bedient, in Besitz zu nehmen, vermutet Heftricht. Aus den gleichen Gründen mag es eben so oder so sein.
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