Drei Zitate vorab: Derek Walcott erhielt 1992 den Literatur-Nobelpreis "für eine Dichtung von großer Leuchtkraft, getragen von einer historischen Vision, die aus einer multikulturellen Verpflichtung emporgewachsen ist". Für Joseph Brodsky, den mittlerweile verstorbenen Freund und Kollegen, stellen seine Gedichte "eine Verschmelzung von zwei Formen der Unendlichkeit dar: Sprache und Ozean. Walcott ist weder Traditionalist noch ein Modernist. Er kann naturalistisch, expressionistisch oder surrealistisch sein. Der Leser bestimmt das allein".
Und Walcott selbst: "Aber die griechische Tradition des Einfachen und Natürlichen, bezogen auf das Meer und das Licht und die Menschen, die fühle ich auch für den Karibischen Archipel. Der Dichter muss ungebildet und unwissend sein. Er muss gleichsam jeden Buchstaben immer wieder neu lernen. Das ist die Entdeckungsreise des Gedichts."
Diese Sätze werden zitiert, weil sie exemplarisch die "summa poetica" des karibischen Dichters Derek Walcott enthalten: große Leuchtkraft, historische Vision, multikulturelle Verpflichtung, Sprache und Ozean als Formen der Unendlichkeit, das Einfache und Natürliche, das von ihm immer neu buchstabiert wird.
Bereits der Gedichtband "Das Königreich des Sternapfels" belegte die Kunstfertigkeit und den hohen Rang des Dichters. Mit den "Erzählungen von den Inseln" liegt ein schöner Querschnitt durch das lyrische Schaffen des Dichters vor. Gedichte also aus vier Jahrzehnten von einem, der gern auch als "karibischen Homer" - heißt doch eines seiner Werke "Omeros" - bezeichnet wird. Außerdem ist der Erzähl-Gedicht-Band ergänzt um die so wichtige, für das Verständnis des Werks wichtige Nobelpreisrede von 1992.
"Die Antillen: Fragmente epischen Erinnerns" ist die Nobelpreisrede überschrieben. Fragmente epischen Erinnerns sind auch die Gedichte, zu Recht "Erzählungen" genannt und in sich vollendete poetische Werke.
Das "fragmentarische Erinnern" an die karibische Heimat ist der Grundstoff, aus dem - mal in Blankversen, mal in "akkuraten Jamben", mal in Reimform - diese lyrischen Erzählungen entstanden sind. Erinnern an den "Feuertod einer Stadt", Castries, der Hauptstadt seiner Heimatinsel St. Lucia. Noch einmal aufgegriffen in dem autobiografisch grundierten Langgedicht "Ein anderes Leben", in dem es heißt:
"Und dann, eines nachts, irgendwo / sauste ein einziger Ausruf in die Luft, / die dicke Zunge einer umgestürzten, trunkenen Lampe / leckte am Alkohol, der auf dem Boden kreist, / und mit dem wilden Tosen einer Brennofentür, / die plötzlich geöffnet wird, war die Geschichte hier."
Dieses persönliche Erinnern steht bei Walcott immer in einem größeren Zusammenhang. Er weiß sich seiner karibischen Heimat ebenso verpflichtet wie den großen Traditionen europäischer Dichtung. Der griechischen Mythologie wie aktuellen politischen Ereignissen. So sind seine Gedichte voller feiner Anspielungen, diskreter Hinweise und verfremdeter Zitate. Ausgehend vom karibischen Archipel erschafft er mit seiner Lyrik die "Karte einer neuen Welt", die wir lesend erkennen und erfassen können.
"Ich hatte das Haus der Literatur als Diener betreten, / stibitzte so wie das Kind aus den Slums stahl, / wie der junge Sklave die Erbstücke an sich nahm...", heißt es an einer Stelle. Längst ist aus dem "Diener" ein Herr und Meister geworden, ein Meister der Sprache und der Form; ein Zauberer, der durch seine Bilder und seine Musikalität seiner Sprache den Leser gefangen nimmt.