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Aus lebendiger Nähe
Zum hundertsten Geburtstag von Marieluise Fleisser
Marieluise Fleissers Karriere begann mit einem Paukenschlag und endete im Hafen der Ehe. Der Paukenschläger war Bertolt Brecht und der Ehemann Bepp Haindl, ein Tabakwarenhändler aus der Provinz, bei dem die junge Schriftstellerin Schutz suchte vor nationalsozialistischen Anfeindungen und sich wiederfand in einem Gefängnis. Ein typisches Frauenschicksal oder nur die halbe Wahrheit? Beides. Denn Marieluise Fleisser war weit mehr als das Opfer patriarchaler Strukturen und widriger Umstände, und sie wusste das sehr wohl.
Die heute vor hundert Jahren in Ingolstadt geborene und ebendort 1974 verstorbene Theater- und Prosaautorin zählt zu den eigenwilligsten und interessantesten Literatinnen, die die Weimarer Republik hervorgebracht hat. Bekannt wurde sie 1926 mit dem Drama «Fegefeuer in Ingolstadt», das Moritz Seeler auf Brechts Drängen hin an seiner legendären «Jungen Bühne» in Berlin zur Aufführung brachte. Berüchtigt wurde sie drei Jahre später, als derselbe Brecht als pfeffernder Regisseur im Hintergrund ihr zweites Stück, «Pioniere in Ingolstadt», im Theater am Schiffbauerdamm zum Skandal machte. Die linke Presse schwärmte und sprach von einem Erfolg, die rechte geiferte und schimpfte die Verfasserin «eine schlimmere Josephine Baker der weissen Rasse in dem dicksten sexuellen Ur- und Affenwald».
Thema der «Pioniere» war, was Marieluise Fleisser als ihr Thema schlechthin bezeichnete: «etwas zwischen Männern und Frauen». So banal und vage diese Umschreibung klingt, so vielfältig und überraschend sind die Formen, mit denen die Autorin diesem Etwas Ausdruck verliehen hat. Davon zeugt nicht nur ihr Bühnen-, sondern auch und vor allem ihr erzählerisches Werk.
Wie die meisten Schriftsteller im Deutschland der Zwischenkriegszeit hat sich «die Fleisserin» so nannte sie Brecht ihren Platz im Literaturbetrieb mit Veröffentlichungen in den Feuilletons von Zeitungen und Zeitschriften erschrieben. Ihre erste Erzählung erschien 1923 unter dem Titel «Meine Zwillingsschwester Olga» in Stefan Grossmanns renommierter Wochenschrift «Das Tagebuch». Diese Geschichte über Ängste und Zwänge einer Gruppe Dreizehnjähriger verrät noch das vorsichtige Tasten der Anfängerin, die sich bemüht, «neue Sachlichkeit» zu produzieren, wie ihr Mentor Lion Feuchtwanger es von ihr verlangt hatte. Doch ist der Fleisser-Ton schon da. Naiv, manchmal fast ungelenk mutet diese Sprache an und wirkt dabei gänzlich ungekünstelt. Die Sätze sind kurz und gründen auf äusserst präziser Beobachtung, keine wabernden Metaphern verstellen den Blick auf das Wesentliche.
Ein Mädchen lebte allzu ernsthaft in sich hinein, und jeden Tag tat es sich was anderes an, ganz was Schlechtes, und wenn nur was Schweres an sie herantrat, gleich nahm sie sich darum an und hielt das Schwere aufmerksam in der Hand, wie wenn sie gar nicht mehr davon lassen könnte. Man fragte sie, warum sie das tat. Seht ihr nicht, dass mir da was nicht hinausgegangen ist, sagte sie.
So beginnt die Titelgeschichte von Marieluise Fleissers erstem Erzählungsband, den der Gustav-Kiepenheuer-Verlag 1929 herausbrachte. Man merkt: Hier hat jemand genau hingeschaut und noch genauer hingehört. Walter Benjamin lobte in seiner Rezension des Bandes die Fähigkeit der Autorin, eine «unliterarische, aber keineswegs naturalistische Sprache (. . .) in Anlehnung an den ebenfalls gar nicht naturalistischen Volksmund zu schaffen».
Die Geschichten der Marieluise Fleisser, wie auch ihr einziger Roman, «Eine Zierde für den Verein» (1931), spielen hauptsächlich im Kleinbürgermilieu. Sie handeln von den seelischen Krämpfen Ausgestossener und von der Schwierigkeit, in einer Welt von vorgefertigten und scheinbar unumstösslichen Wert- und Moralvorstellungen die persönliche Freiheit zu behaupten.
Häufig stehen Frauen im Zentrum der Erzählungen. Meistens geraten diese Frauen an den falschen Mann. Und weil die Fleisser selber an manche falschen Männer geraten ist, weil sie selber nicht zuletzt durch Förderer wie Brecht ausgenützt und unterdrückt worden ist, drängt sich eine biographische Lesart ihres Werkes auf. Da hat man das unerfahrene Mädchen vom Lande, das in den intellektuellen Kreisen Münchens und Berlins geistige und andere Freizügigkeiten kennen lernt. Da ist die von Politik, Intrigen und finanzieller Not Zermürbte, die sich heimholen lässt nach Ingolstadt, um einem ganz und gar unintellektuellen Mann den Haushalt zu führen, und vor lauter Arbeit in Küche und Geschäft über Jahre hinweg kaum mehr zum Schreiben kommt. Das alles passt wunderbar zum Bild von der Fleisser als Märtyrerin und greift doch viel zu kurz. Auf die Frage, ob ihre Erzählungen autobiographisch seien, hat die Autorin selber einmal geantwortet:
Nicht eigentlich. Aber man schreibt doch immer aus dem heraus, was man selbst erfahren oder aus lebendiger Nähe beobachtet hat, man muss es irgendeinmal gekriegt haben, von nichts kommt nichts, jedenfalls nicht bei mir. Das kann sich sehr verwandeln, bis es zu einer Geschichte wird.
Und wie es sich verwandelt. Marieluise Fleisser stilisiert, destilliert und ziseliert, bis die Literatur sich zu ihrem Leben so verhält wie eine gelungene Übersetzung zum Original: Sie ist eigenständig und doch untrennbar mit dem anderen verbunden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte Marieluise Fleisser wieder Fuss zu fassen in einem ihr fremd gewordenen Literaturbetrieb. Es gelang ihr nur mit Mühe. Geschwächt von den Entbehrungen des Krieges, kämpfte sie nach wie vor gegen die physische und psychische Überlastung, die Haushalt und Ehe für sie bedeuteten. «Karl Stuart», ein Stück, das sie noch während des Krieges geschrieben hatte, fand nirgendwo Anklang. Ein anderes, das Volksstück «Der starke Stamm», kam zwar an den Münchner Kammerspielen zur Uraufführung, wurde vom Publikum aber des bayrischen Dialekts wegen nicht goutiert und mit Hitlers Blut-und-Boden-Gesängen assoziiert. Also wandte sie sich wieder dem Schreiben von Geschichten zu, obwohl sie, wie es in ihren biographischen Notizen heisst, «in einer Literaturform, die finanziell nichts einbringt, ihre Stoffe aufzehrt». Dennoch stammen aus diesen Jahren einige ihrer besten Erzählungen. Das parabelhafte Prosastück «Das Pferd und die Jungfer» beispielsweise. Oder «Avantgarde», wo sie sich, wieder in Form Fleisser'scher Autofiktion, an ihre Zeit mit Bertolt Brecht erinnert. Ausserdem «Eine ganz gewöhnliche Vorhölle», «Der Rauch» oder «Er hätte besser alles verschlafen», Geschichten, die auf Erfahrungen während und nach dem Krieg zurückgehen.
Eine eigentliche Renaissance erlebte die Fleisser Anfang der siebziger Jahre. Damals erklärten sich die «kritischen Realisten» Martin Sperr, Rainer Werner Fassbinder und Franz Xaver Kroetz zu ihren geistigen Söhnen. Sie machten sich an Adaptionen von ihren Stücken, Fassbinder widmete ihr seine «Katzelmacher». Die Fleisser zeigte sich erfreut, blieb aber distanziert. Mit derselben freundlichen Distanziertheit nahm sie auch die Ehrungen entgegen, die ihr nun zuteil wurden. Und im Dezember 1972, vierzehn Monate vor ihrem Tod, erschien die dreibändige Werkausgabe und gab der Autorin die Gewissheit, dass ihr lebenslanges Ringen um und mit Sprache zwar für «Katzelmacher», aber bestimmt nicht für die Katz gewesen war.
Sacha Verna
Marieluise Fleißer, 1901 in Ingolstadt geboren und dort 1974 gestorben.
Marieluise Fleißer, die »größte Dramatikerin des 20. Jahrhunderts« (Elfriede Jelinek), wurde – nach frühen Erfolgen im Umfeld Brechts – in den sechziger Jahren von jungen Theaterautoren wie Rainer Werner Faßbinder und Franz Xaver Kroetz wiederentdeckt. Ihre Stücke wurden erneut gespielt, und endlich nahm ein größeres Publikum sie auch als Erzählerin wahr, obschon Walter Benjamin bereits früh die Prosa Marieluise Fleißers als »Kunstmittel ersten Ranges « erkannt und Alfred Kerr ihr Werk schlicht » einen Besitz« genannt hatte. »Die Werke der Marieluise Fleißer«, schrieb der Kritiker Heinrich Goertz aus Anlaß des Erscheinens der Gesammelten Werke, » sind eine Schule der Rechtschaffenheit, der stilistischen Ehrlichkeit und Prägnanz. Die Sprache als perfekter Ausdruck ihres Denkens und Erlebens - eine körnige Prosa, hart, zupackend, konkret, ohne unverbindliche Allgemeinheiten und schmückende Beiwörter - nur die Sache selbst, jeder Satz eine Enthüllung.«
»Ich schreibe für jene, die entschlossen sind, zu erkennen. Ich schreibe für jene, die sich nichts vormachen lassen.«
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