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Drei Erzählungen (Fischer Klassik) [Taschenbuch]

Gustave Flaubert , Cornelia Hasting , Claus Sprick

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Kurzbeschreibung

9. September 2011 Fischer Klassik (Buch 90320)
Auf der wunderbaren Reise durch dieses Buch wird man in höchst unterschiedliche Welten entführt: ›Herodias‹ entführt in die biblische Welt von Salome und der Hinrichtung Johannes' des Täufers; ›Die Legende von Saint Julien dem Gastfreundlichen‹ variiert den mittelalterlichen Stoff vom christlichen Ödipus; und die berühmteste der drei Erzählungen, ›Ein schlichtes Gemüt‹, widmet sich der Alltagswelt einer einfachen Magd, der am Ende ihres Lebens nichts anderes bleibt als ein ausgestopfter Papagei. Wie in einer Art Zeitraffer durchlaufen diese Texte das ganze Spektrum von Flauberts Erzählkunst und dienen als ideale Einführung in sein Gesamtwerk.

Mit dem Werkbeitrag aus Kindlers Literatur Lexikon.

Mit Daten zu Leben und Werk, exklusiv verfasst von der Redaktion der Zeitschrift für Literatur TEXT + KRITIK.


Produktinformation


Produktbeschreibungen

Pressestimmen

Sonderbare Heilige

Die «Drei Erzählungen» Flauberts

«Sie kennen die Geschichte vielleicht», so der Protagonist von Julian Barnes' wohl schönstem Buch, «Flauberts Papagei», über «Ein schlichtes Gemüt»: «Sie handelt von einer armen ungebildeten Magd namens Félicité, die ein halbes Jahrhundert lang derselben Herrin dient und ohne Verbitterung ihr eigenes Leben für das anderer aufopfert . . . Es ist ein Dasein, in dem, nicht weiter überraschend, die Tröstungen der Religion die Trostlosigkeiten des Lebens wettmachen.» Félicité ist die verkörperte Sprachlosigkeit; Menschen bringen ihr kaum Zuneigung entgegen, ihr einziger Gefährte wird ein Papagei, der Wörter nachplappert, ohne sie zu verstehen. Als der Vogel dann tot und ausgestopft ist, tritt er für die Magd an die Stelle des Heiligen Geistes, der den Aposteln die Gabe der Beredsamkeit verlieh.

Félicité (deren Name nicht zufällig «Glückseligkeit» bedeutet) vereinigt in sich alle christlichen Tugenden, sie stirbt als Heilige. Freilich wirkt ihre Selbstlosigkeit absurd, weil sie ihre Wurzeln nicht in einer bewussten Entscheidung, sondern in gesellschaftlichen Verhältnissen hat, die einer Frau wie Félicité keine Chance geben. Dass der bunte Papagei zuletzt den Platz okkupiert, der in der christlichen Ikonographie der Taube vorbehalten ist, kann durchaus als Blasphemie verstanden werden.

Von sonderbaren Heiligen handeln auch die beiden Geschichten, die in Flauberts «Drei Erzählungen» (1877) auf «Ein schlichtes Gemüt» folgen: «Die Legende von Saint Julien dem Gastfreundlichen» nimmt den mittelalterlichen Stoff von einem christlichen Ödipus auf, der nach langer Busse Verzeihung für den unwissentlich begangenen Elternmord erlangt. Die Jagdleidenschaft des jungen Julien steigert Flaubert zu mass- und sinnloser Blutgier, die kein Tier verschont; dem Verbrechen aus Eifersucht geht die beunruhigende Erfahrung voraus, dass Juliens Pfeile und Speere nicht mehr treffen und dass ihn die Tiere, denen er nichts mehr anhaben kann, gleichsam verspotten. Der Mord, den ein von Juliens Pfeil getroffener Hirsch vorausgesagt hat, erscheint damit weniger als göttliche Strafe oder Prüfung denn als Rache der gequälten Natur.

«Herodias» schliesslich erzählt von Salome und der Hinrichtung Johannes' des Täufers; im Mittelpunkt steht allerdings nicht die durchaus ambivalente Figur des Propheten (Richard Strauss, den seine Heuschrecken-Diät amüsierte, wollte ihn später «als Hanswursten componieren»), auch nicht Salomes widersprüchliche Gefühle für ihn, sondern die prekäre Situation ihrer Mutter Herodias, deren Einfluss auf Herodes schwindet und die ausserdem die Launen der römischen Besatzer fürchten muss. Die Flüche und Drohungen des Gefangenen in der Zisterne dringen mit archaischer Wucht in eine Welt kleinlicher Intrigen und egoistischen Gezänks.

Die «Drei Erzählungen» sind schon mehr als ein halbes Dutzend Mal übersetzt worden; für seine Flaubert-Gesamtausgabe hat der Haffmans-Verlag dennoch eine neue deutsche Fassung erstellen lassen – zu Recht, wie schon das Inhaltsverzeichnis zeigt: Den Titel Un cœur simple gaben frühere Übertragungen als «Ein schlichtes (auch: einfältig oder gar schwaches) Herz» wieder; natürlich ist «Ein schlichtes Gemüt» ungleich besser. Die neue Version liest sich angenehm, obwohl auch sie nicht ganz frei von hölzernen Wendungen («Eine Säumnis wäre Madame gewiss nicht recht») und Gallizismen ist (auf Deutsch hat man nicht «ein fortwährendes Fieber» – une fièvre continuelle –, sondern «ständig Fieber»). Ein bisschen karg sind die Anmerkungen ausgefallen; über Vitellius und seinen Sohn Aulus («Herodias») hätte man Lesern, die ihren Tacitus und Sueton nicht mehr so präsent haben wie jene zur Zeit Flauberts, schon etwas sagen können. Hinter den «Amaletikern» («Aber was für Ticker sind Amaletiker?», hätte Georg Kreisler gefragt) verbirgt sich das biblische Volk der Amalekiter. Trotz solchen Kleinigkeiten macht der schön gedruckte und gebundene Band Vergnügen.

Albert Gier -- Neue Zürcher Zeitung -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Über den Autor

Gustave Flaubert, 12.12.1821 – 8.5.1880, verspottete seine Zeitgenossen und setzte ihnen mit unübertroffener sprachlicher Schärfe zu. Bereits sein erstes gedrucktes Werk, Madame Bovary, rief ebensoviel Hass wie Bewunderung hervor und sicherte ihm einen Ehrenplatz in der ewigen Bibliothek der Weltliteratur. Flaubert forderte zeitlebens die Lesegewohnheiten seines Publikums heraus und lehrte es, sich von der Vorliebe für das Gewöhnliche frei zu machen. Diese Art der literarischen Umerziehung begeistert auch heutige Leser durch ihre kompromisslose Originalität.

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