Diese Rezension bezieht sich auf "Erzählungen. Phantastische Fahrten, Geschichten des Grauens und Detektivgeschichten" ; Gondrom -Verlag, 1985 1.Auflage (Gebundene Ausgabe)
Die Übersetzung Roland W. Fink-Henselers muss leider als langweilig bezeichnet werden. Sie erinnert an eine Schülerübersetzung, die sehr um Korrektheit und Überschaubarkeit bemüht ist, sich aber scheut, jegliches Risiko einzugehen. Bisweilen wirkt es so, als ob nicht die ganze Phrase begriffen, sondern Wort für Wort übersetzt und dabei immer die häufigste, simpelste Bedeutungsmöglichkeit gewählt wurde. Dies führt z.T. zu Sätzen, deren Sinn entstellt oder zumindest verstellt ist, da die allgemein häufigste Übersetzung nicht in jedem Fall die passenste ist.
Wünschenswerter wäre vielerorts eine etwas freiere Übertragung gewesen. Man kann Texte in fremden Sprachen nicht einfach mit einem Wörterbuch in der Hand Wort für Wort übersetzen; man muss sich bemühen, den Sinn des Textes in der Übersetzung möglichst gut wiederzugeben. Dabei zeichnet es den guten Übersetzer aus, wenn er die persönliche Sprachcharakteristik des jeweiligen Autors auch in der Übersetzung spürbar machen kann.
Dem Stil Edgar Allan Poes entspricht aber nicht die schlicht-nüchterne, betont simpel und parataktisch gehaltene Wiedergabe Henselers; vielmehr bedarf es eines melodischeren, romantisch- ausschweifenden und vor allem intellektuell reflektierenden Übersetzungsstils, der nicht nur Poe, sondern der ganzen schreibenden Zunft des neunzehnten Jahrhunderts eigen war.
Henselers Übersetzung ist eine des Zwanzigsten Jahrhunderts, die dem Leser nicht das Charakteristische des Sprach und Denkstils Poes Zeit' vermitteln kann. Dadurch geht den Erzählungen viel von ihrer innneren Spannung und Schlüssigkeit verloren. Die "poe"tischen Stimmungen des Originals werden nur mehr selten erfühlbar.
Man kann es auch mit einfachen Worten sagen: Henselers Übersetzung ist nirgendwo falsch. Sie ist vielmehr korrekt - mehr aber auch nicht.
Um mal vergleichen zu können, wie man ein und diesselbe Stelle auch übersetzen kann, habe ich hier der Übersetzung Henselers eine alternative gegenübergestellt. Ich konnte leider bislang nicht in Erfahrung bringen, von wem die alternative Übersetzung stammt; wenn man aber mit dem Gedanken spielt, sich eine Sammlung Poe'scher Erzählungen zu erstehen, sollte man sich auf jeden Fall nach dieser oder zumindest einer ähnlich gestalteten
Übersetzung umsehen, um sich nicht um sein verdientes, uneingeschränktes Lesevergnügen zu bringen.
Alternative Übersetzung:
"Unermüdlich in langen Stunden des Nachdenkens, die Aufmerksamkeit auf irgendein kindisches Zitat in den Anmerkungen oder dem Text eines Buches gerichtet, den grössten Teil eines Sommertages gefesselt an einen merkwürdigen Schatten, der auf der Tapete oder auf dem Fussboden liegt, mich eine ganze Nacht vergessen, die aufrechte Flamme einer Lampe oder des Kaminfeuers zu beobachten, den ganzen Tag über vom Blumenparfüm träumen, einförmig irgend ein gewöhnliches Wort so lange wiederholen, bis sein Ton durch stete Wiederholung aufhört, im Geist auch nur irgendeinen Gedanken noch zu erwecken,(...) so beschaffen waren einige der gewöhnlichsten und ungefährlichsten Abirrungen meiner Denktätigkeit, Abirrungen, die gewiss nicht beispiellos sind, aber ebenso gewiss jede Lösung und jede Analyse in Frage stellen."
Henseler(S.55):
"Ich konnte stundenlang und unermüdlich über irgendeine belanglose Bemerkung am Rande oder im Text eines Buches nachsinnen. Zuweilen wurde ich den größten Teil eines Sommertages ganz von der Betrachtung irgendeines Schattens in Anspruch genommen, der sich schräg auf der Tapete oder dem Fußboden hinzog. Es war möglich, dass ich mich eine ganze Nacht hindurch in den Anblick der ruhigen Flamme einer Lampe oder Glut eines Kaminfeuers verlor, ganze Tage von dem bestimmten Duft einer Blüte träumte oder ganz monoton irgendein Wort so lange wiederholte, bis sein Klang jeden Sinn für mich verloren hatte. Manchmal erstickte ich auch in mir jedes Gefühl meiner physischen Existenz durch eine hartnäckig fortgesetzte, vollkommene Ruhe.
Das sind einige der häufigsten und harmlosesten Verirrungen meines Geistes, die vielleicht gar nicht selten sind, aber jeder Erklärung spotten."
Alternative Übersetzung:
"Indessen hat das Opium seine übliche Wirkung gehabt, nämlich die ganze äussere Welt in unser äusserstes Interesse zu rücken. Im Zittern eines Blattes, in der Farbe eines Grashalmes, in der Form eines Kleeblattes, im Summen einer Biene, im Zerstäuben eines Tautropfens, im Seufzen des Windes, in den vagen, dem Wald entsteigenden Düften, entstand eine ganze Welt von Eingebungen, eine herrliche und bunte Prozession ungeordneter und rhapsodischer Gedanken."
Henseler(S.408):
"Inzwischen tat das Morphium seine gewöhnliche Wirkung, die der Außenwelt ein ins unfassbare gesteigertes Interesse verleiht. Das Zittern eines Blattes - die Farbe eines Grashalms - die Form eines Kleeblattes - das Summen einer Biene - das Glitzern eines Tautropfens - jeder Windhauch und die linden Düfte, die vom Wald herwehten, dies alles löste eine ganze Welt von Eingebungen aus, einen bunten Zug unzusammenhängender, verworrener Gedanken."