Nicht nur ein wenig erinnert Rafik Schamis "Erzähler der Nacht" an gediegene Rahmenerzählungen, an Hauffs Märchenalmanache vielleicht, vor allem aber an "Tausendundeine Nacht", und zwar im positiven Sinne: Eine Sammlung verschiedenster Erzählungen, die ihrerseits zusammengehalten werden von einer Rahmenerzählung, die es auch schon in sich hat.
Dem altehrwürdigen Kutscher Salim, einem begnadeten Geschichtenerzähler, erscheint eines Nachts seine treue Fee, die ihm Unheil ankündigt. Diese Fee ist nämlich auch nicht mehr die jüngste und wird demnächst pensioniert (respektlos formuliert) -- mit der Konsequenz, dass dem guten Salim ab sofort nur noch 21 Wörter bleiben. Hat er die gesprochen, wird er stumm sein für alle Zeiten. Und diese 21 Worte hat er schnell gesprochen... Aber wie's so üblich ist im Märchen, gibt es doch noch einen allerletzten Ausweg: Erhält der traurig Verstummte "sieben einmalige Geschenke in den nächsten drei Monaten, dann wird eine junge Fee" den Job übernehmen, und Salim wird weiter Geschichten erzählen können... Jetzt wird's natürlich spannend: Was für Geschenke sind da nur gemeint? Salims sieben Freunde haben so einige Ideen, doch auf die richtige Spur kommen sie natürlich erst im allerletzten Moment: Sieben Geschichten soll er erzählt bekommen! Bereits bei der allerersten kurzen Vorstellung der sieben Freunde ahnt man: Allein deren Biographien wären abenteuerlich genug. Was werden sie zu erzählen haben! Um's kurz zu machen: Einiges.
Sieben Nächte bleiben, jede Nacht für eine Geschichte... der eine Freund erzählt ein feines, zeitloses Märchen, der nächste eine Schnurre, der übernächste erzählt aus seinem abenteuerlichen Leben. Manche Erzähler lassen die Tatsachen für sich sprechen und erzählen fast schon unorientalisch-spartanisch, andere legen großen Wert auf die Details -- auf ergreifende ebenso wie auf komische. Ich sag nur: "Kühe mit Flügeln"...
Manche Erzähler haben viel Talent zum Erzählen, andere eher weniger: Der ehemalige Minister beispielsweise glänzt durch unfreiwillige Komik, wenn er eine komische Geschichte ankündigt, die nicht nur nicht komisch ist, sondern deren mögliche Pointen der gute Mann auch noch mit Bravour versemmelt. Dagegen bezaubert der frühere Geographielehrer ein herzzerreißendes Märchen, das bereits ein ganzes Märchenbuch in sich birgt. Ein anderer, der lange Zeit in den USA gelebt hat, will seine Erlebnisse in der Ferne mitteilen, wird aber von den anderen kopfschüttelnd als erzählender Luftikus betrachtet: Das kann es doch alles garnicht geben! Und so weiter... Jeder der sieben Freunde erzählt, manche unterbrechen ihre Geschichten und unterhalten sich dazwischen mit den Freunden. Und jeden Tag erlebt man des stummen Salims Vorfreude auf den Abend, dazu seine Vorbereitungen, seine Erlebnisse und neuen Erkenntnisse, und nach und nach bekommen auch seine sieben Freunde immer mehr Profil. Eine Rahmenerzählung der besten Sorte eben.
Wer ganz genau liest, dem wird auffallen: So ganz zufällig sind die einzelnen Erzählungen bereits thematisch nicht gewählt. In jeder Erzählung geht es in irgendeiner Form um das Wesen der Sprache: Mal geht's um das Wort und darum, wie es seine Bedeutungen erhält, mal darum, was alles als Sprache verwendet werden kann. Und öfters geht's auch darum, was wichtiger ist für eine Geschichte: ihr Inhalt oder ihre Form? Nicht nur Tumas, Farids und Leilas Erzählungen weisen je auf ihre Art drauf hin: Das "Wie" einer Erzählung entscheidet mehr als ihr "Was" darüber, ob sie als gute Erzählung gilt.
"Erzähler der Nacht" schwebt bei alledem nicht im freien Raum: Die Geschichte findet in einem Altstadtviertel von Damaskus 1959 statt -- kein Zufall: 1958 schlossen sich Ägypten und Syrien vorübergehend zur Vereinigten Arabischen Republik zusammen; Demokratisierung bedeutete das freilich nicht. Nicht nur die plötzliche Furcht vor dem allgegenwärtigen Geheimdienst ist in der Rahmenerzählung ebenso wie in den einzelnen Erzählungen direkt oder indirekt gegenwärtig. Für uns heutige Leser widerspiegelt "Erzähler der Nacht" außerdem eine Art doppelte Vergangenheit: Das damalige, auch nicht ideale Damaskus, seine Bewohner verschiedenster Religionen und Herkunft sowie deren Kommentare zur damals jüngsten Vergangenheit -- all das kommt uns auch schon vor wie Geschichten aus längst vergangenen Zeiten. Zusätzliche Spannung ist garantiert.
Wer "Erzähler der Nacht" allerdings als politische Nachhilfe interpretieren will, denkt zu kurz und dürfte enttäuscht sein. Zum Glück! In erster Linie ist der ganze Band nämlich -- zum Glück! -- ein zeitloses Prachtstück. Außerdem beweist "Erzähler der Nacht" auch, dass eine Literaturform, die man eher mit der Literatur des 19. Jahrhunderts verbindet, hervorragend in die Gegenwart passt. Vorausgesetzt, ein Könner schreibt. Und hier schrieb ein Könner.