Zwischen Havanna und Miami
«Erzähl mir von Kuba» ein neuer Roman von Jesús Díaz
Gleich mehrmals wird Stalin Martínez, der Held in Jesús Díaz' neuem Roman «Erzähl mir von Kuba» («Dime algo sobre Cuba», 1998), aufgefordert, von Kuba zu erzählen. Seine Schwägerin und deren Nichte besuchen ihn auf dem Hausdach in Miami, wo Martínez unter der Einwirkung von Sonne, Durst und Hunger zu einem überzeugenden Bootsflüchtling gegart werden soll, und wollen von ihm wissen, wie denn das Leben in Kuba so sei. Doch wir wollen nichts überstürzen.
Starrköpfiger Simplicissimus
Beginnen wir mit Martínez' Vornamen. Seine Eltern waren der Meinung, dass in Castros Kuba einem Stalin die Tauben praktisch in den Mund fliegen müssten. Ganz so einfach ging's dann aber nicht, und eine kometenhafte Karriere war diesem Stalin auch nicht beschieden; er wurde Zahnarzt. Immerhin heiratete Martínez eine Mulattin, die so attraktiv war (unattraktive Mulattinnen sind in der kubanischen Literatur sehr selten), dass die Eifersucht ihn dauernd quälte. Nicht ohne Grund, denn eines Abends kommt Idalys, Tänzerin in einem Nachtklub für Dollar-Touristen, im Taxi nach Hause und küsst zum Abschied den Fahrer. Damit beginnt Martínez' Pein, und damit beginnt auch dieser pikareske Roman.
Beruflich ächzt Martínez unter dem Mangel an Instrumenten und Medikamenten sowie einer humorlosen und politisch speichelleckerischen Vorgesetzten. Privat gerät er ins Trudeln, als sich die Untreue seiner Gattin immer deutlicher abzeichnet. Aus beidem errettet ihn der Zufall. Als Martínez nämlich eines schönen Feierabends auf dem Nachhauseweg eine Fähre benutzt, wird diese von einigen sehr ausreisewilligen Kubanern gekapert und stracks nach Florida entführt. Dort frisiert das Fernsehen Martínez flugs zum Helden, doch als er sich weigert, um politisches Asyl nachzusuchen, wird er fallengelassen wie eine heisse Kartoffel. Martínez ist nämlich nicht bloss tollpatschig, sondern auch starrköpfig.
Er liebt seinen Beruf und seine treulose Idalys und will unbedingt nach Kuba zurück, so hart dort das Leben auch ist. Selbst seinem in Miami lebenden Bruder, Lenin mit Namen und vor seiner Flucht aus Kuba ein strammer Parteigenosse, gelingt es nicht, Martínez umzustimmen. So kehrt er denn nach Havanna zurück, wo er gleich nochmals vom Fernsehen vereinnahmt wird. Diesmal weiss Martínez genau, was er der Öffentlichkeit schuldig ist seine wortreiche Verurteilung des American Way of Life beschert ihm Applaus und das Privileg einer Reise zu einem Zahnarzt-Kongress nach Mexiko. Dort beschliesst er, nun doch im Feindesland leben zu wollen. Aber ein kubanischer Flüchtling, der nicht direkt aus Kuba in die USA einreist, hat allerlei Widerwärtigkeiten seitens der Einwanderungsbehörden zu gewärtigen.
Falscher Bootsflüchtling
Martínez schlägt sich illegal zu seinem Bruder nach Miami durch, wo der Plan reift, aus ihm einen Balsero zu machen, um auf diese Weise seinen Status als Asylant rasch zu bereinigen. Und so verbringt Martínez, wie erwähnt, einige Tage darbend und der Sonne ausgesetzt auf dem Dach von Lenins Haus, um in der Rolle eines Bootflüchtlings überzeugend zu wirken. Die Antwort auf die Fragen der beiden Frauen, die ihn dort aufsuchen, ist dieser Roman, in dem Martínez sein bisheriges Leben fragmentarisch und ohne Chronologie Revue passieren lässt. Schliesslich wird er, wettergegerbt und abgemagert, aufs Meer hinausgeschippert und des Nachts auf einem Floss ausgesetzt. Ob er die USA erreicht, bleibt offen.
In seinem ersten Roman, «Die Initialen der Erde» (1987), entwirft Díaz anhand eines Einzelschicksals ein Panorama Kubas im ersten Jahrzehnt nach Castros Revolution von 1959. «Die verlorenen Worte» (1992) ist die stark autobiographische Geschichte einer Bande frecher Jungliteraten, die im Kampf gegen die orthodoxe Kulturbürokratie unterliegen. In seinem dritten Roman, «Die Haut und die Maske» (1996), verbindet Díaz seine Erfahrungen als Drehbuchautor und Filmregisseur mit der Geschichte einer aus politischen Gründen auseinander gerissenen Familie in Kuba. Mit seinem neuen Buch nun kehrt Díaz zum epischen Format seines Erstlings zurück. Das Leben des Zahnarztes Martínez widerspiegelt die dramatischen Verschlechterungen im kubanischen Alltag der letzten zehn Jahre.
Dollarwirtschaft, Kleinunternehmertum, Prostitution, Tourismus, Verarmung, Bootflüchtlinge: Dass die Verarbeitung solcher Themen nicht zum pflichtschuldigen Abhaken sattsam bekannter Phänomene wird, verhindert Díaz' erzählerische Verve. Man folgt den Abenteuern und Tribulationen des Stalin Martínez mit Vergnügen und ist sich doch bewusst, dass die Wirklichkeit, die der Geschichte und den zum Teil herrlich burlesken Episoden zugrunde liegt, eine äusserst bedrückende ist. Díaz spart mit expliziten politischen Äusserungen, sein Held ist eine Art Simplicissimus in einer verrückten, chaotischen Welt. Auch als Balsero taugt Stalin Martínez nicht zum politischen Bannerträger. Sein Entscheid, aus Kuba wegzugehen, entspringt persönlichen Motiven: Er will seiner Ex-Frau eins auswischen, indem er es in Amerika zu einer eigenen Zahnklinik und zu Geld bringt.
Ausgleich und Versöhnung
Jesús Díaz (geb. 1941) lebt in Madrid im Exil. Kritische Äusserungen anlässlich einer Veranstaltung in Zürich hatten zur Folge, dass ihm 1992 die Rückkehr nach Kuba verboten wurde. Heute ist Díaz eine Stimme des Ausgleichs und der Versöhnung zwischen den 10 Millionen Kubanern in Kuba und den 2 Millionen im Exil. Als Plattform dient ihm und einer wachsenden Zahl exzellenter Mitarbeiter die 1996 gegründete Zeitschrift «Encuentro de la cultura cubana», deren Chefredaktor er ist. Sie erscheint viermal jährlich, die einzelnen Nummern haben Buchumfang, das thematische Panorama reicht von Literatur und Sozialwissenschaften über Kunst und Politik zu Geschichte und Philosophie. Dass diese vielfältige, reichhaltige und an keine Partei gebundene Zeitschrift unter Kubanern in Kuba und in der Diaspora Zuspruch findet, zeigen nicht zuletzt die Leserbriefe, die in jeder Nummer, in einer Art Selbstversicherungsritual, ganze Seiten füllen.
Vom Erfolg bestärkt, hat «Encuentro» dieses Jahr eine kulturelle Online-Tageszeitung* geschaffen. Damit verfügen die gemässigten, auf Verständigung bedachten Kräfte über ein Forum, welches keinen Grenzkontrollen und keiner Zensur unterliegt. Im Hinblick auf ein Kuba nach Castro sind Ideen gefragt, welche die Orthodoxien und die Dogmen aufweichen und die politischen Kräfte der Mitte stärken. In diesem Zusammenhang hat Jesús Díaz kürzlich die Eigenverantwortung der Kubaner angesprochen: Nicht die USA seien die grösste Gefahr für die Zukunft seines Landes, meinte er, sondern die Uneinigkeit und Unversöhnlichkeit unter den Kubanern.
Georg Sütterlin
* www.cubaencuentro.com
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.