Zwischen einer kurzen Einleitung und sehr lesenswerten Schlussfolgerungen finden sich Fallstudien von 22 erwachsenen Patienten der Autorin, bei denen sie ADS diagnostiziert hat. Die Schilderungen sind z. T. Zusammenfassungen der Autorin, z.T. erfolgen sie mittels Aussagen der Betroffenen selbst. Was klar herauskommt: die Getriebenheit, die innere Unruhe der Patienten, ihr Versagens- und Ueberforderungsängste, ihr Gefühl, mit dem Leben nicht zu Ranke zu kommen. Wie gesagt: es geht vor allem um diese individuellen Einschätzungen und Empfindungen. Immer und immer wieder schildern Betroffene, sie würden nichts zustandebringen. Oft erfährt der Leser dann aber beiläufig, dass die Betroffenen sehr wohl Schulen und Studien abgeschlossen, Familien gegründet, Unternehmen geführt haben - noch bevor sie wegen des ADS therapiert worden sind. Es gibt also durchaus Erfolge" - nur werden diese offensichtlich weniger gewichtet bzw. empfunden als das Versagen. Vom äusseren Ablauf her erscheinen die meisten dieser Biographien nicht besonders auffällig, wenigstens nicht auffälliger als jeder Querschnitt einer sich immer stärker pluralisierenden Gesellschaft wie der unsrigen ausfallen würde.
Das Buch nimmt nicht Stellung zu den Kontroversen um ADS, POS und der damit verbundenen medikamentösen Behandlung. Ebenso wenig geht es um die Einbettung des Umgangs mit Störungen und Normalitätskonstruktionen in den weiteren gesellschaftlichen Kontext (was ist eigentlich normal", die Pathologisierung von jeglichem Leiden und seine medikamentöse Therapierung). Es ist ein Buch mit einer pragmatischen Ambition, nämlich jener, ADS-Betroffene selbst sprechen zu lassen.
Aergerlich sind höchstens zwei kleinere Punkte: Die Einleitungen zu den Fällen ist etwas arg stereotyp geraten, indem jeweils die sympathische Erscheinung der Betroffenen hervorgehoben wird (... eine hübsche, schlanke, sehr gepflegte junge Frau"...."ein 40jähriger Patient mit spitzbübischem Lächeln"...."ein grossgewachsener Mann mit breiten Schultern und dem Gesicht eines grossen lieben Jungen") - wie wenn es darum ginge zu betonen, dass hinter der Fassade der Normalität und der sympathischen Erscheinung Abgründe lauern können. Das ist zwar an und für sich richtig, aber als Topos doch mittlerweile etwas abgegriffen. Zudem weisen alle Fälle irgendwie ein happy end" auf, d.h., den Patienten geht es dank der Intervention der Aerztin heute viel besser. Das ist erfreulich. Aber es bleibt beim Leser die Frage, ob es denn auch Fälle aus der Praxis der Autorin gäbe, bei denen nicht alles so reibungslos verlief - und wieso denn dem so gewesen wäre. Nicht nur Erfolgstories" sind gutes Anschauungsmaterial. Denn wie die Autorin im Schlusskapitel selbst schreibt, lassen sich mit Diagnose und Therapie nicht einfach alle Probleme ruckzuck aus der Welt schaffen.